Politik
18.11.25
© Ruedi Walti
Architekturikone von Miller & Maranta droht Abriss
Es droht der Abriss. Zumindest, wenn es nach dem Willen des Stadtrats geht. Kurz vor dem politischen Showdown um die Markthalle auf dem Färberplatz formiert sich deutlicher Widerstand. Während der Stadtrat den dreijährigen Testbetrieb zum Anlass nimmt, den Abbruch zu empfehlen und stattdessen einen begrünten Stadtplatz mit Wasserspiel vorzuschlagen, melden sich nun Fachverbände zu Wort – vereint in der Forderung nach dem Erhalt der Markthalle von Miller & Maranta.
© Ruedi Walti
Sie ist eine stille Architekturikone. Ein Stück analoge Architektur ohne explizite Analogien – ohne Anbiederung an den historischen Kontext. Die Markthalle auf dem Färberplatz in Aarau besetzt die langgezogene Gasse zwischen dem inneren und dem äusseren Mauerring der Altstadt an der Stelle mit grösster Selbstverständlichkeit. Der Wettbewerb fand 1996 statt. Eingeweiht wurde der Holzbau 2002. Er zählt damit zum Frühwerk der damals aufstrebenden Quintus Miller und Paola Maranta. Die ungewöhnliche Konstruktion der Halle aus den zahlreichen, dicht beieinander stehenden Holzlamellen definiert im Strassenraum ein klar umrissenes Bauvolumen und verleiht diesem die architektonische Form. Architektur ist Erinnerung. In ihrer Gestalt verweist die Markthalle auf Räume mittelalterlicher Korn- und Zeughäuser. Durch die zeitgemässe Formgebung und die moderne Konstruktionsweise ist sie jedoch Ausdruck ihrer Zeit innerhalb der gewachsenen Struktur der Stadt.
© Ruedi Walti
Besonders scharf kritisiert der SIA Aargau die stadträtliche Vorlage. Die Markthalle sei nicht irgendein Provisorium, sondern das Resultat eines sorgfältigen Wettbewerbs und eines intensiven Dialogs mit der Denkmalpflege. Die SIA schreibt: «Es würde von einer sehr kurzfristigen Denkweise zeugen, wenn all diese Überlegungen schon nach 20 Jahren bereits wieder Makulatur wären.» Und weiter: «Die Markthalle gilt als wichtige Architekturikone schweizweit.» Der geplante Abbruch wäre aus Sicht des Berufsverbands ein kulturpolitisches Eigentor – insbesondere vor dem Hintergrund der laufenden Bewerbung Aaraus als Kulturhauptstadt. Auch der Testbetrieb zeige, dass die Halle funktioniere: «Dieser beweist, dass die Halle durchaus gebraucht werden kann und sogar ein Herausstellungsmerkmal der Stadt Aarau sein oder werden könnte.» Die vorgeschlagene parkartige Begrünung charakterisiert die SIA knapp und treffend als «zeittypische Verlegenheitslösung». In dieselbe Richtung argumentiert der Aargauer Heimatschutz. Er würdigt zwar die Analyse der Behörden, kommt aber zum gegenteiligen Schluss: Die Markthalle habe ihre Lebensdauer noch längst nicht erreicht. Es brauche Weiterentwicklung statt Abriss – ein kreatives Weiterbauen am Bestand.
Miller & Maranta: Markthalle Färberplatz © Juri Weiss
In einer Onlineumfrage sprachen sich 80% unserer Community für den Erhalt aus. Am 24. November soll der Einwohnerrat entscheiden. Doch die Breite der Kritik zeigt: Es geht längst nicht nur um einen Bau, sondern um die Frage, wie Aarau mit einem markanten Stück jüngerer Baukultur umgehen will. Der SIA bringt es in seiner Empfehlung an die Politik auf den Punkt: «Die Markthalle gilt als wichtige Architekturikone schweizweit. Ein Abbruch hätte demzufolge auch schweizweite Signalwirkung und würde in der aktuellen Diskussion um den Erhalt der Baukultur nicht verstanden werden.» Die Hoffnung an das architektonische Verständnis des Einwohnerrats stirbt zuletzt. Der Abriss der Markthalle bedeutete einen nicht wiedergutzumachenden Schaden für die Schweizer Baukultur.
Artikel: Lukas Gruntz / Architektur Basel