Interviews
07.09.21
© Lukas Gruntz
Basel Pavillon: "Es geht um eine kreative Herangehensweise, die Verfremdung zulässt."
Vergangene Woche haben wir den Open Call für den Basel Pavillon lanciert. Gesucht werden Teams mit zukunftsweisenden, kreativen Ideen. Die Auserkorenen werden am Architekturwettbwerb ab Oktober teilnehmen können. Der Pavillon soll eine neue Architektur des zirkulären Bauens etablieren. Die Wiederverwendung von Bauteilen ist eine der zentralen Herausforderungen, um das Bauen ökologischer zu machen. Ein Unternehmen, das sich ganz dem Thema verschrieben hat, ist die Basler Firma Zirkular, die den Bauteilkatalog für den Pavillon-Wettbwerb erarbeitet. Mitgegründet wurde Zirkluar von Architektin Kerstin Müller. Wir haben uns mit ihr über den Basel Pavillon und die Idee einer neuen, zirkulären Bauwirtschaft unterhalten.
for more infomations > Basel Pavillon: Open Call contact: email hidden; JavaScript is required questions? Basel Pavillon: FAQ
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Architektur Basel: Der Basel Pavillon soll aus wiederverwendeten Bauteilen erstellt werden. Was heisst das konkret?
Kerstin Müller: "Den Wettbewerbsteams wird ein Katalog mit diversen Bauteilen und Materialien zur Verfügung gestellt, aus denen sie den Pavillon entwerfen sollen. Diese Elemente werden mit relevanten Eigenschaften, wie Stückzahl, Grösse und Materialität auf einer Webseite erfasst. Ausserdem werden sie als 2D- und 3D-Zeichnung, sowie fotografisch dokumentiert. Die Elemente sind aus ihrem Kontext herausgenommen und gruppiert in Linear / Fläche / Volumen, statt als Fenster, Holzbalken, etc. Es geht um eine kreative Herangehensweise, die Verfremdung zulässt."
Was ist die Herausforderung bei der Jagd nach Bauteilen für den Pavillon?
"Wir haben nur beschränkte Lagerflächen und nicht unendlich Budget, somit können wir keine Bauteile auf Vorrat kaufen. Gleichzeitig wollen wir eine Varianz an Materialien und ausreichende Mengen zur Verfügung stellen, damit die Wettbewerbsteams eine Auswahl haben. Somit ist die Materialsuche und -bereitstellung eine Übung im just-in-time-Rückbau. Idealerweise stammen die Bauteile aus der Region Basel und werden erst kurz vor dem Wiedereinbau geerntet. So entstehen keine zusätzlichen Transportwege. Damit das klappt, braucht es eine gute Rück-Bauleitung. Leider ist es hier so wie anderswo. Viele Bauteile eignen sich nicht für einen Rückbau zur Wiederverwendung. Da ist zu viel Kleber."
"Eine Vielfalt an Ausdrucksformen mit dem gleichen Grundstock an Materialien kann aufzeigen, dass Wiederverwendung kein Stil ist. Architekturschaffende sollen Lust bekommen, das uralte, aber in der Schweiz in Vergessenheit geratene Thema Wiederverwendung in ihrer Praxis anzuwenden."
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Inwiefern soll der Pavillon zu einem Umdenken der Bauwirtschaft beitragen? Welchen Beitrag erhoffst du dir?
"Ich erhoffe mir, dass die Wettbewerbsbeiträge viele verschiedene Sprachen sprechen werden. Eine Vielfalt an Ausdrucksformen mit dem gleichen Grundstock an Materialien kann aufzeigen, dass Wiederverwendung kein Stil ist. Architekturschaffende sollen Lust bekommen, das uralte, aber in der Schweiz in Vergessenheit geratene Thema Wiederverwendung in ihrer Praxis anzuwenden. Sichtbar oder unsichtbar. Ganz in ihrer persönlichen Ausformulierung."
Weshalb ist beim Bauen das Denken in Kreisläufen noch kaum ein Thema?
"Die Zyklen im Bau sind lange und es gibt es keine Anreize oder gar Vorschriften für kreislauffähiges Bauen. Das Denken ist kurzfristig und geht oft über die Erstellung und den Verkauf nicht hinaus. Reparatur und Rückbau werden nicht bedacht, und so werden Gebäude verkauft, von denen die neuen Eigentümer nicht wissen, was mittel- und langfristig an Kosten auf sie zukommt. Dabei stellt kreislauffähiges Bauen hier die Weichen - ein Gebäude kann ein Materiallager sein oder eben ein Fall für die Deponie. Heute sind Entsorgungsgebühren sehr tief, obwohl unsere Deponien voll sind und neue Deponien gesellschaftlich kaum noch mehrheitsfähig sind, zu hoch ist die Flächenkonkurrenz in der Landnutzung. Vor unserer Haustür wurde die Deponie Höli in Liestal 2010 in Betrieb genommen und ist dieses Jahr um 25 Jahre zu früh gefüllt. Für die erste Phase der Deponie wurden 14 ha Wald gerodet. Die Erweiterung “Höli plus” ist vorgesehen, hierfür sollen 31 ha Wald gerodet werden."
"Reparatur und Rückbau werden nicht bedacht, und so werden Gebäude verkauft, von denen die neuen Eigentümer nicht wissen, was mittel- und langfristig an Kosten auf sie zukommt. Dabei stellt kreislauffähiges Bauen hier die Weichen - ein Gebäude kann ein Materiallager sein oder eben ein Fall für die Deponie."
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Deine Firma Zirkular hat sich spezialisiert auf die Planung von gebrauchten Bauteilen. An welchen Projekten arbeitet ihr gerade?
"Zirkular unterstützt andere Architekturbüros, Bauherrschaften und die öffentliche Hand mit unserem Know-How, damit die Wiederverwendung in ihren Projekten und in dem bestehenden Korsett aus Gesetzen und Normen umgesetzt werden kann. Die Projekte, die wir betreuen, reichen von Wohn- über Verwaltungsbauten bis hin zu Sonderbausteinen. Wir sind auch in der Forschung und Weiterentwicklung des Themas tätig."
Was heisst das konkret?
"Die Stadt Zürich ist Vorreiterin. Gemeinsam mit ihr machen wir Untersuchungen, wie zum Beispiel Klimaschwergewichte, wie Betonfertigteile und Stahlträger, weiter genutzt werden können."
Was zeichnet Zirkular aus?
"In unserer Firma geht es nicht nur um die Planung mit gebrauchten Bauteilen, sondern generell um die Kreislaufwirtschaft. Dazu gehört das “Design for Disassembly”, das schon beim Neubau den Rückbau mitdenkt. Sowie der Fussabdruck der neuen und wiederverwendeten Materialien, deren Einsatz wir empfehlen. Die treibende Motivation hinter all dem ist, Lösungen für eine klimagerechte, ressourcenschonende und somit zukunftsfähige Bauweise zu finden."
Zur Person: Kerstin Müller
Portrait Kerstin Müller
Kerstin Müller hat an der Universität in Stuttgart, sowie an der École d´Architecture de Lyon, Architektur studiert. IIhr Tätigkeitsfeld umfasst Arealentwicklungen, Bestandssanierungen sowie die Betreuung von Pilotprojekten. Eine wichtige Aufgabe ist zudem die Öffentlichkeitsarbeit. Seit 2019 ist sie Mitglied der Geschäftsleitung des Baubüro in situ. 2020 wurde sie zur Co-Präsidentin des Vereins Cirkla Schweiz gewählt, und vertritt zudem die Architektenkammer Baden-Württemberg, Kammergruppe Lörrach im Klimabeirat der Stadt Lörrach.
Quellen: https://www.bzbasel.ch/basel/baselland/liestaler-burgerrat-tritt-bei-deponie-holi-auf-bremse-nur-noch-begrenzte-anlieferungsmenge-ld.1314908 https://www.bgliestal.ch/wald/deponien/ https://www.moneycab.com/schweiz/weko-eroeffnet-untersuchung-gegen-liestaler-deponie/ https://www.deponie-hoeli.ch/
Quellen: https://www.bzbasel.ch/basel/baselland/liestaler-burgerrat-tritt-bei-deponie-holi-auf-bremse-nur-noch-begrenzte-anlieferungsmenge-ld.1314908 https://www.bgliestal.ch/wald/deponien/ https://www.moneycab.com/schweiz/weko-eroeffnet-untersuchung-gegen-liestaler-deponie/ https://www.deponie-hoeli.ch/