Geoffrey Bawa: Architektur aus der Landschaft Sri Lankas
Geoffrey Bawas Architektur lässt sich kaum von der Landschaft Sri Lankas trennen. Gelände, Vegetation, Klima und lokale Handwerkstraditionen wurden bei ihm zu Bestandteilen des Entwurfs. Das Vitra Design Museum widmet dem Architekten eine umfassende Retrospektive und öffnet den Blick auf ein Werk, dessen Aktualität weit über die häufig verwendete Einordnung als «Tropische Moderne» hinausreicht.
Aussenansicht, Kandalama Hotel, Dambulla, Sri Lanka. Foto: Iwan Baan, 2026, © Iwan Baan
Alles der Reihe nach: Geoffrey Bawa wurde 1919 in Sri Lanka, dem damaligen Ceylon, geboren und arbeitete zunächst als Anwalt. Später entschied er sich für die Architektur und schloss 1957 sein Studium an der Architectural Association in London ab. Er kehrte noch im selben Jahr nach Sri Lanka zurück. Innerhalb der folgenden fünf Jahrzehnte entstanden mehr als 200 Projekte, darunter Wohnhäuser, Schulen, Hotels, Fabriken und das Parlamentsgebäude Sri Lankas. Seine frühen Bauten zeigen deutlich den Einfluss der westlichen Moderne. Bald entwickelte Bawa daraus eine eigene architektonische Sprache. Lokale Materialien, traditionelle Handwerkstechniken und industrielle Fertigung verbanden sich mit einer präzisen Aufmerksamkeit für Topografie und Klima.
Geoffrey Bawa in Lunuganga. Foto: Dominic Sansoni, ca. 1996 © Dominic Sansoni
Installationsansicht »Geoffrey Bawa: Architektur für die Sinne« © Vitra Design Museum Foto: Bernhard Strauss
Den Auftakt der Ausstellung bilden zwei Orte, an denen sich Bawas architektonisches Denken besonders unmittelbar nachvollziehen lässt. Sein Anwesen Lunuganga bei Bentota und das Wohnhaus Number 11 in Colombo begleiteten ihn über mehrere Jahrzehnte und dienten als fortlaufende räumliche Experimente. Bawa arbeitete dort an Übergängen zwischen Innen- und Aussenraum, an Blickachsen, Wegen und der Inszenierung von Landschaft. Zeichnungen, Fotografien und persönliche Objekte geben Einblick in diese Lebens- und Arbeitswelten. Eine grossformatige Filminstallation von Kavindu Sivaraj ergänzt das Archivmaterial und vermittelt die räumliche Atmosphäre von Lunuganga. Gerade hier wird spürbar, dass Bawa Architektur als eine Folge von Situationen, Blicken und Bewegungen dachte.
Haupthaus, Lunuganga, Bentota, Sri Lanka. Foto: Kavindu Sivaraj, 2026
Die enge Beziehung zwischen Gebäude und Landschaft zieht sich durch Bawas gesamtes Werk. Beim Polontalawa Estate Bungalow werden vorhandene Felsen Teil der Architektur. Andere Projekte beziehen Bäume, Geländesprünge, Wasser und Vegetation direkt in ihre räumliche Ordnung ein. Gebäude entstehen aus den Eigenschaften ihres Ortes und verändern sich mit ihm. Bawa verstand Architektur als eine räumliche Erfahrung, die sich erst in der Bewegung erschliesst: durch Höfe und gedeckte Übergänge, entlang von Mauern, über Schwellen und immer wieder mit dem Blick hinaus in die Landschaft.
Diese Haltung erhält in der Ausstellung einen eigenen Schwerpunkt. Modelle, Zeichnungen, Fotografien und Archivmaterial zeigen Bawas intensive Beschäftigung mit Vegetation, Topografie, Wasser und Klima. Architektur erscheint dabei als Teil eines grösseren landschaftlichen Gefüges. Eine eigens für die Ausstellung entstandene Videoinstallation von Ruvin de Silva führt dieses Verhältnis zwischen Mensch, Gebäude und Natur bis in die Gegenwart weiter.
Vernon Nonis, Ansicht des Bentota Beach Hotels, Tusche auf Transparentpapier, ca. 1986 © Geoffrey Bawa and Lunuganga Trusts, alle Rechte vorbehalten
Innenansicht des zweigeschossigen Teeraums im Ceylon-Pavillon auf der Expo ’70, chromogener Farbabzug. Foto: Geoffrey Bawa (zugeschrieben), 1970 © Geoffrey Bawa and Lunuganga Trusts, alle Rechte vorbehalten
Besonders interessant erscheint dabei, wie selbstverständlich Bawa verschiedene Massstabsebenen miteinander verbindet. Ein Baum, ein Fels, ein Dachüberstand oder die Führung eines Weges können für die räumliche Erfahrung ebenso entscheidend werden wie die Gebäudestruktur selbst. Diese Genauigkeit im Umgang mit dem Vorgefundenen verleiht seinen Projekten eine erstaunliche Leichtigkeit. Die Architektur wirkt eng mit ihrem Ort verbunden und bleibt zugleich offen für Veränderung.
Auch die Zusammenarbeit mit Künstlerinnen, Künstlern und Kunsthandwerkern prägte Bawas Architektur. Ena de Silvas Batiken, Laki Senanayakes Skulpturen und Barbara Sansonis Textilien wurden zu integralen Bestandteilen seiner Räume. Farbe, Oberfläche, Kunst und Handwerk erweiterten die Architektur um weitere sinnliche Ebenen. Hinter diesen Arbeiten standen häufig Werkstätten mit einer sozialen Funktion. Sie vermittelten handwerkliches Wissen, boten Ausbildung und Beschäftigung und trugen zum Erhalt lokaler Traditionen bei. Die Ausstellung macht damit ein Netzwerk sichtbar, aus dem viele von Bawas Projekten hervorgingen.
Ansicht der Lobby mit der von Anura Ratnavibushana entworfenen Aufzugstür, Bentota Beach Hotel, Bentota, Sri Lanka. Foto: Iwan Baan, 2026, © Iwan Baan
Bawas Werk ist eng mit der Geschichte Sri Lankas nach der Unabhängigkeit verbunden. Politischer Wandel, wirtschaftliche Unsicherheit und Phasen der Materialknappheit beeinflussten seine Arbeit. Aus diesen Bedingungen entwickelte er spezifische Lösungen für Konstruktion, Materialität und Innenausbau. Verfügbare Ressourcen und lokales Wissen wurden zu Ausgangspunkten des Entwurfs. Die Ausstellung rückt diese Zusammenhänge ins Zentrum und erweitert damit die geläufige Erzählung von Bawa als Pionier der «Tropischen Moderne».
Installationsansicht »Geoffrey Bawa: Architektur für die Sinne« © Vitra Design Museum Foto: Bernhard Strauss
Mehr als 250 Exponate versammelt die Retrospektive im Vitra Design Museum. Zeichnungen, Modelle, Möbel, Kunstwerke und historische Fotografien stammen zu grossen Teilen aus dem Bestand des Geoffrey Bawa Trust. Neue Fotografien von Iwan Baan sowie Filme von Kavindu Sivaraj und Ruvin de Silva zeigen, wie Bawas Bauten heute genutzt und erlebt werden. Die Szenografie stammt von der Architektin Lina Ghotmeh. Sie übersetzt die Themen der Ausstellung in eine räumliche Abfolge und versucht, etwas von jener sinnlichen Qualität erfahrbar zu machen, die Bawas Architektur auszeichnet.
Außenansicht eines Durchgangs, Lighthouse Hotel, Dadella, Sri Lanka. Foto: Iwan Baan, 2026 © Iwan Baan
Bawas Bauten gingen aus einer genauen Beobachtung ihres jeweiligen Ortes hervor. Landschaft, Klima, Material und Handwerk bestimmten die räumliche und konstruktive Entwicklung seiner Architektur wesentlich mit. Gerade darin liegt die Aktualität seines Werks. In einer Zeit, in der die Architektur erneut nach einem angemessenen Umgang mit Ressourcen, Klima und bestehenden Bedingungen sucht, wirkt Bawas Haltung überraschend gegenwärtig. Vielleicht ist es genau diese Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Ort, die von der Ausstellung am stärksten nachwirkt.
Text: Laurence Ziegler / Architektur Basel