Luca Selva Architekten: Überhohes Raumerlebnis am Bahnhof SBB

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Hand aufs Herz. Ein wenig irritiert es schon, das neue Gebäude mit seinen übergrossen Erkern, das an der Ecke Meret Oppenheim-Strasse zur Margarethenstrasse steht. Ein schweres Haus? Ein leichtes Haus? Vier Geschosse oder doch fünf? Architektur Basel-Redaktor Armin Schärer nimmt uns mit auf einen Rundgang durch den Neubau von Luca Selva Architekten.

Volumentrisch schliesst der Bau an die beiden Nachbarn an und nimmt deren Höhen, respektive die maximale Geschosszahl gemäss Zonenplan auf. Das Zauberwort heisst auch hier Verdichtung. Die Vorgängerbauten besassen nur zwei Vollgeschosse und belegten lediglich einen Bruchteil der Parzelle. Es wurde also verdichtet, wobei die markante Ecksituation ein noch höheres Gebäude problemlos hätte aufnehmen können. Das Thema der vor- und rückspringenden Fassaden bei Gebäuden entlang der Bahnlinie wurde zur skuplturalen Betonfigur.

Gebäude von der Margarethenstrasse © Architektur Basel

Meine grösste Sorge betrifft die Vorsprünge und Nischen, die sich als Nistplätze für Stadtvögel wahrscheinlich gut eignen. Die Fassade wird dadurch unverwechselbar, ist wohlproportioniert und die Qualität des Sichtbetons ist, wie auch schon bei der Primarschule Erlenmatt, von erster Güte. Dem Baumeister gebührt ein dickes Lob. Ihm winde ich ein Kränzchen und stimme den Lobgesang auf die handwerliche Meisterschaft an.

Blick in die Ferne und auf die eigene Fassade © Architektur Basel

Was verbirgt sich hinter der markanten Fassade? In trockenen Fakten ausgedrückt: Gewerbeflächen im Erdgeschoss sowie 17 Wohnungen erschlossen über zwei Treppenhäuser. Das Äussere verspricht aber mehr und ich wurde nicht enttäuscht: Bereits im ersten Stock ist die Aussicht auf die Stadt, Geleise, Elsässertor, Markthalle bis hin zur Heuwaage überwältigend. Die grossen Fenster rahmen die urbanen Szenen und fokussieren die Ausblicke auf die Stadtkulisse um so mehr.

Die Stadt, ein Bild: Aussicht vom 4. Obergeschoss © Architektur Basel

Fast alle Wohnungen standen während des Rundgangs über die effizienten Treppenhäuser offen und haben wenig bis keinen Anlass zur Kritik gegeben. Die meisten Wohnungen verfügen über einen Eingangsbereich mit Garderobe. Die Erker generieren einige Quadratmeter zusätzliche Wohnfläche und gliedern die Wohnräume in unterschiedliche Zonen. Es gibt interessante Blickbezüge, grössere Aussenräume, Stauräume und offene, schwarze (und nicht langweilig weisse!) Küchen, die Hobbyköche wie mich zum schwärmen bringen. 

Ansicht Margarethenstrasse und Schnitt © Luca Selva Architekten

War es das? Nein! Das Highlight sind die überhohen Wohnräume im ersten und dritten Obergeschoss. Ein einmaliges Erlebnis in einer Geschosswohnung in Basel. Einzig das Parkhaus Zossen (1935-38) von Otto Senn mit zweigeschossigen Wohnräumen fällt mir diesbezüglich ein. Persönlich mag ich die Wohnungen mit dem überhohen Raum nach oben besser. Die Küche ist direkter am Wohnraum und der hohe Fenstersturz verdeckt beim kochen nicht die Sicht zum Himmel. Wer den Wohnraum lieber etwas gefasster mag, wird die Wohnungen im 3. Obergeschoss präferieren.

So sieht Grosszügigkeit aus: Überhoher Wohnraum © Architektur Basel

Ich vermute, der Flächenverlust durch die überhohen Räume im mittleren Geschoss wird durch den geschickten Einsatz der Erker kompensiert. Die vermietbare Fläche hat sich durch das Raum-Experiment kaum vermindert. Den Bauherren ist hoch anzurechnen, dass sie sich auf dieses Raumexperiment eingelassen haben. Ich hoffe, der Bau fördert den Mut zu mehr räumlicher Qualität im Basler Mietwohnungsbau.

P.S.: Im ersten Obergeschoss ist Wohnung C für 2960.- monatlich (inkl. NK) noch zu haben, 103m2 verteilt auf 3.5 Zimmer und 16.5 m2 Südbalkon.

Text und Bild: Armin Schärer / Architektur Basel


Neubau Meret Oppenheim-Strasse,  Basel
Architektur: Luca Selva Architekten
Bauherrschaft: Privat
Projekt und Ausführung: 2015-2019


Pläne: © Luca Selva Architekten
Fotos: © Armin Schärer

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