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22.02.22
Fabrikations- und Lagergebäude Thomi + Franck, Basel © Architektur Basel
Bedrohte Industriearchitektur: SSA planen Abbruch auf Thomy + Franck-Areal
Soll ein “fait accompli” geschaffen werden? Ein Abbruch auf Vorrat? Obwohl die künftige Eigentümerschaft noch nicht bekannt ist, wurde auf dem Areal der Thomy + Franck im Kleinbasel ein Abbruchgesuch eingereicht. In Anbetracht der Klimakrise ist das unverständlich: Haben wir inzwischen nicht gelernt, dass Abbrüche möglichst vermieden werden sollten? Die Basler Grossrätin Michelle Lachenmeier hat kein Verständnis für das Vorgehen. Wir haben mit ihr über die Entwicklung auf dem Areal gesprochen.
“Ich finde es problematisch, wenn bestehende Gebäude, die eine historische und architektonische Bedeutung haben, abgerissen werden, noch bevor feststeht, wofür diese abgerissen werden." - Michelle Lachenmeier
© SSA Architekten
Der Beschluss ist trocken und sachlich: “Die Einsprache wird abgewiesen.” Dem Abbruchgesuch von SSA Architekten im Auftrag der “Nestlé Enterprise SA” soll stattgegeben werden. Eine der Einsprechenden ist auch die Grossrätin der Grünen, Michelle Lachenmeier. Sie fasst die Problematik folgendermassen zusammen: “Ich finde es problematisch, wenn bestehende Gebäude, die eine historische und architektonische Bedeutung haben, abgerissen werden, noch bevor feststeht, wofür diese abgerissen werden.” Abriss- und Baupläne sollten ihrer Meinung nach miteinander koordiniert werden. Das passiert hier nicht. Sie findet, “dass die bestehenden Gebäude auch ein grosses Potential haben, um einer neuen Nutzung zugeführt zu werden, was auch unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit sinnvoll ist.” So viel ist klar: Eine grosse Menge grauer Energie, also gebundenes CO2, könnte damit eingespart werden.
Fabrikations- und Lagergebäude Thomi + Franck, Basel © Architektur Basel
Die Behörden sehen das anders: Sowohl die Stadtbildkommission als auch die kantonale Denkmalpflege (DPF) unterstützen das Abbruchgesuch. Da sich keine der vom Abbruch betroffenen Gebäude im “Inventar der schützenswerten Bauten” befinden, gebe es keinen Anlass, “diese Einschätzung nach Zehn Jahren mit einem Gutachten zu überprüfen”, wie es in der Begründung der DPF heisst. Ein Schelm, wer denkt, dass das sehr wohl der Moment für ein neues Gutachten wäre. Die Stadtbildkommission (SBK) sieht den Abbruch ebenso unproblematisch: “Weil sich das Rückbaubegehren mehrheitlich auf Bauten in der Arealmitte konzentriert, kann die SBK keinen irreparablen Schaden erkennen. Die Strassenfassaden und somit die Erscheinung bleiben, mit Ausnahme des mittleren Baukörpers an der Mauerstrasse, erhalten.” Ob der Schaden an unserem Klima auch "irreparabel" ist? Die Abteilung Städtebau & Architektur des Kantons nahm ebenfalls Stellung zur Einsprache: “Der Eigentümer ist Rahmen der verfassungsrechtlichen Eigentumsgarantie frei, Gebäude auf seinem Grundstück rückzubauen.” Die Verfassung stützt also das Vorgehen. Lachenmeier hat für diese Argumentation dennoch kein Verständnis: “Bei einem solch bedeutenden Areal muss von Anfang an transparent sein, weshalb die Gebäude abgerissen werden, wie das Areal künftig genutzt werden soll resp. ob und wenn ja, welche Ersatzbauten vorgesehen sind. Abriss- und Baupläne sollten miteinander koordiniert werden.”
“Bei Neubauten, auch wenn sie nach neusten ökologischen Standards gebaut werden, macht die graue Energie einen grossen Teil des Energieverbrauchs aus. Abrisse vermeiden und Gebäude renovieren und weiternutzen, ist also nachhaltiger als ein Neubau." - Michelle Lachenmeier
© SSA Architekten
Fragen wirft auch das Vorgehen der bisherigen Eigentümerin Nestlé auf, die in einem Bieterverfahren das Areal verkaufen möchte. Lachemeier kritisiert die angestrebte Preismaximierung: “Nestlé möchte wohl einfach an die Meistbietenden verkaufen, unabhängig davon, was die zukünftigen Eigentümer auf dem Areal planen.” Letztlich stellt sich für sie aber vor allem die ökologische Frage. Ist der Abbruch von Bauten heute überhaupt noch opportun? Lachenmeier hat dazu eine klare Haltung: “Bei Neubauten, auch wenn sie nach neusten ökologischen Standards gebaut werden, macht die graue Energie einen grossen Teil des Energieverbrauchs aus. Abrisse vermeiden und Gebäude renovieren und weiternutzen, ist also nachhaltiger als ein Neubau. Im konkreten Fall wissen wir nicht, was nach dem Abriss folgt. Ob der Platz freibleiben soll oder ob es Ersatzbauten gibt.” Es bleibt die Frage, wieso die Eigentümerin Nestlé ohne Zwang und Kenntnis der künftigen Planung und Nutzung einen vorzeitigen Abbruch von Bauten forciert. In Anbetracht der Klimakrise ist das unverständlich. Sinnvoller wäre es, den Verkauf abzuwarten und mit der künftigen Eigentümerschaft ein intelligentes Verfahren aufzugleisen. Am besten einen Architekturwettbewerb, wobei eine präzise Transformation des Ensembles bei maximalem Erhalt der vorhandenen Bausubstanz das Ziel sein sollte. Michelle Lachenmeier bringt ihre Kritik auf den Punkt: “Ich meine, dass Abrisse nur noch vorgenommen werden sollen, wenn es keine sinnvollen Alternativen für die Weiternutzung gibt.” Wir fragen uns: Wurden die sinnvollen Alternativen tatsächlich und eingehend genug geprüft?
Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Briefkopf der Thomi + Franck aus dem Jahre 1953