Bruno Trinkler: „Ich wurde dadurch geprägt, dass mich die Fragen der Studierenden immer wieder verunsichert haben“ – Monatsinterview #2

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Im zweiten Teil des Monatsinterviews mit Bruno Trinkler blicken wir zurück auf seine langjährige Tätigkeit als Professor für Architektur an der Fachhochschule in Muttenz. Er sagt rückblickend: «Mich hat das alles immer inspiriert. Ich habe wahrscheinlich von euch allen viel mehr profitiert, als ihr von mir.»

Céline Dietziker (Architektur Basel): Neben deiner Arbeit im Büro warst du zwölf Jahre Professor für Architektur an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Wieso hast du dich dazu entschieden Professor zu werden?
Bruno Trinkler: «Das hat sicher damit zu tun,  dass ich Assistent an der ETH war. Die Beschäftigung mit jungen Kollegen und Kolleginnen, die was lernen möchten, die weiterkommen möchten, diese Möglichkeit der Auseinandersetzung war für mich ein Geschenk. Die Stelle war ausgeschrieben und so ich habe mich beworben. Mit mir zusammen hatten sich auch Matthias Ackermann und Dominique Salathé beworben. Man hat dann Matthias Ackermann gewählt. Dominique und mir wurde eine Co-Dozentenstelle angeboten. Das Angebot habe ich sehr gerne angenommen. Ich habe dann zusammen mit Andreas Galli im ersten Jahreskurs unterrichtet.»

Was waren die spannendsten Momente als Professor?
«Es ist schwer etwas Einzelnes herauszupicken. Aber mitunter sicher die Organisation der Bolognareform. Das war einschneidend. Uns war relativ schnell klar, dass wir mit der neuen Struktur aufpassen müssen, dass wir nicht unsere bewährten Inhalte verlieren. Auch die Aufteilung in Bachelor und Master war neu. Ich habe zusammen mit Andreas Galli und Oswald Hari die Organisation des Bachelors übernommen. Das war prägend. Die Kombination von Dozent und Co-Dozenten war danach nicht mehr möglich weil es offenbar zu teuer war. Aus diesem Grund wurden Dominique und ich dann auch fest ins Team genommen. Andreas Galli ist ein unglaublich guter Typ. Als er schliesslich aufhörte, waren wir alle traurig. Er wollte sich auf sein Büro konzentrieren. Das ist gewachsen und sehr erfolgreich. Ich konnte seinen Entscheid verstehen, aber für die Schule war es ein Verlust.»

Bruno Trinkler auf der Studienreise in Indien © Céline Dietziker / Architektur Basel

Bruno Trinkler auf der Studienreise in Indien © Céline Dietziker / Architektur Basel

Studienreisen gehören zu den Höhepunkten des Studiums. Ich hatte das Glück mit dir nach Indien reisen zu dürfen. Welche Bedeutung hat für dich das Reisen?
«Ich bin absolut glücklich mit meiner Biografie, aber was nicht möglich war in jungen Jahren, waren grosse Reisen. Als ich unterrichtet habe, stellt ich fest: Ihr seid alle viel weiter gereist, als ich das je bin – obwohl ich viel älter bin. Damals, im Alter wo ihr viel reist, so von 18 bis 35, hatte ich schlicht kein Geld. Darum schätzte ich bereits, als ich noch selbst studierte die Studienreisen besonders. Und dann als Unterrichtender fand ich die Reisen sehr bereichernd. Ich habe mir erlaubt, drei Superreisen zu machen. Die erste davon war nach Marokko, Patrick Gmür hatte mich damals dazu ermutigt. Es war eine unglaublich tolle Reise. Marokko war nebst seiner fantastischen Lehmarchitektur auch landschaftlich unglaublich prägend. Michael Fischer war da noch Assistent, den du ja auf der Indienreise kennengelernt hast. Er hat das Ganze organisiert. Die zweite, auch etwas verrückte Reise, war nach Chicago. Dank meinem damaligen Assistenten Christian Kahl wurde diese Reise möglich. Er hatte seine Freizeit nur noch mit der Planung einer kostengünstigen Reise verbracht. Und die letzte nach Indien, da warst du ja selbst dabei. Das waren schon Highlights.»

Wie hat dich der Austausch mit den Studierenden geprägt?
«Es ist ein absolutes Glück und Privileg, wenn man unterrichten darf. Mich hat das alles immer inspiriert. Ich habe wahrscheinlich von euch allen viel mehr profitiert, als ihr von mir.»

„Und dann stellt eine Studentin eine Frage und während man antwortet, fragt man sich selbst: Ist das wirklich so?“

Architektur Basel im Gespräch mit Bruno Trinkler © Armin Schärer / Architektur Basel

Bruno Trinkler: „Man denkt ja, in einem gewissen Alter, mit einer gewissen Erfahrung, wisse man einige grundsätzliche Dinge…“ © Armin Schärer / Architektur Basel

Da wäre ich mir jetzt nicht so sicher.
«Nein, das ist so! Man denkt ja, in einem gewissen Alter, mit einer gewissen Erfahrung, wisse man einige grundsätzliche Dinge. Und dann stellt eine Studentin eine Frage und während man antwortet, frägt man sich selbst: Ist das wirklich so? Das ist unglaublich. Eine Möglichkeit, die ich im Büro versuche, weiterhin zu kultivieren. Aber da fehlt etwas die unglaubliche Freiheit, wie man sie im Studium hat. Ich würde mal so sagen: Wahrscheinlich wurde ich dadurch geprägt, dass mich all diese Fragen der Studierenden immer wieder verunsichert haben.»

„Das Büro leitest du aber natürlich nicht mit 30 oder 40 Prozent.“

Vor einigen Jahren wurdest du pensioniert. Vermisst du die Lehrtätigkeit?
«Das ist schwierig zu sagen. Für mich war es ein guter Zeitpunkt aufzuhören. Auch wenn ich jetzt zehn Jahre jünger wäre, glaube ich nicht, dass ich es noch weitere zehn Jahre gemacht hätte. Weil am Schluss lief ich etwas auf dem «Zahnfleisch». Unser Büro ist in dieser Zeit gewachsen. Ich habe vorher Andreas Galli erwähnt, der deswegen aufgehört hat. Bei mir war es nicht so extrem, da unser Büro in Basel und nicht in Zürich ist. Ich war näher dran. Ich konnte auch mal über Mittag oder abends noch ins Büro. Aber trotzdem musst du sehen, dieses Mandat an der Schule ist je nach Semester zwischen 60 und 70 Prozent. Das Büro leitest du aber natürlich nicht mit 30 oder 40 Prozent. Mich hat gerettet, dass ich keine Kinder habe. Vielleicht ist es jedoch auch hilfreich, wenn man Kinder hat. Ich weiss es nicht. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie meine Kollegen, die Kinder haben, das alles bewältigen. Davor habe ich grossen Respekt. Ich glaube, dass hätte ich nicht gepackt. Ich hatte das Glück, dass nachdem ich mit dem Unterrichten fertig war, sich viele ehemalige Studierende bei mir im Büro gemeldet hatten. Das war und ist für mich unglaublich toll. Dadurch war es ein sanfter Übergang. Wir hatten’s ja schon von der Gesprächskultur im Studium.»

Architektur Basel im Gespräch mit Bruno Trinkler © Armin Schärer / Architektur Basel

Bruno Trinkler: „Aber natürlich ist das eine faule Ausrede, schon klar.“ © Armin Schärer / Architektur Basel

Also verstehe ich das richtig, dass dir die Arbeit an der Fachhochschule, der Austausch mit den Studierenden, nicht besonders fehlt?
«Für mich ist es völlig ok, so wie es ist. Aber was ich auch feststelle, wie schnell man weg ist von der Schule. Letztens habe ich Dorothee Huber getroffen und habe sie gefragt: «Wie ist es bei dir? Ich fühle mich extrem weit weg von der Schule.» Ihr geht es genau gleich. Das hat sicher auch damit zu tun, dass jetzt der Master auch in Muttenz ist und man nicht mehr so schnell nach Feierabend an einen Vortrag an der Spitalstrasse gehen kann. Früher konnte man ein Bier trinken und danach an den Vortrag – oder umgekehrt. Das fehlt ein bisschen. Aber natürlich ist das eine faule Ausrede, schon klar. Trotzdem ist es so.»

Interview: Céline Dietziker / Architektur Basel
Fotos: Armin Schärer + Céline Dietziker / Architektur Basel


Teil 1 > Bruno Trinkler: „Die Arbeit als Zimmermann hat mich extrem beeindruckt“

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