Aktuelles 31.01.21

Neubau Claraturm in Basel © Architektur Basel

Chinesische Fassade im Kleinbasel

Es war ein beiläufiger Satz, der aufhorchen liess. In seinem Artikel über den Claraturm schrieb der frühere S AM-Direktor Hubertus Adam: “Die Fassaden-Fenster-Elemente werden in China produziert und vor Ort vollinstalliert versetzt.” Verdutztes Augenreiben: Hatte er tatsächlich China geschrieben? Einmal um den halben Globus transportiert, findet die chinesische Fassade im Kleinbasel ihren Bestimmungsort. Das wirft Fragen auf.

“Die Fassadenelemente für den Claraturm wurden im Rahmen des Submissionsverfahren aufgrund dieser genannten Qualitäts-Anforderungen ausgewählt.”
UBS-Immobilienfonds / Balintra AG

Neubau Claraturm in Basel © Architektur Basel

Viele offene Fragen
Weshalb fiel die Wahl auf China als Herstellungsort der Fassade? Gab es in der Schweiz oder in Europa keinen geeigneten Anbieter? Wie können die weiten Transportwege ökologisch vertreten – oder zumindest  kompensiert werden? Wir konfrontierten die Eigentümerin, die der UBS zugehörige Balintra AG, mit unseren Fragen. Als Antwort bekamen wir ein dürftiges Statement bestehend aus sechs Sätzen, worin die Qualitäten der Fassade des Claraturms hervorgehoben wurden. Sie entspreche “den höchsten Qualitätsanforderungen und erfüllt alle sicherheitsrelevanten Kriterien – sei dies Wärme-, Schall-, Brand- und Rauchschutz, wie auch Anforderungen zu Auf- und Abwinden bei Einhaltung aller architektonischen Vorgaben.” Und weiter: “Die Fassadenelemente für den Claraturm wurden im Rahmen des Submissionsverfahren aufgrund dieser genannten Qualitäts-Anforderungen ausgewählt.” Von China, Ökobilanz und langen Transportwegen kein Wort.

Neubau Claraturm in Basel © Architektur Basel

Produktion in Shenyang
Daraus könnte man schliessen, dass kein anderer Anbieter die "Qualitäts-Anforderungen" zu erfüllen vermochte. Ob dem so ist, lässt sich nicht nachweisen. Es gibt jedoch durchaus europäische Anbieter, die viel Erfahrung beim Bau von Hochhausfassaden haben. Da wäre beispielsweise die deutsche Josef Gartner GmbH, mit Sitz in Gundelfingen an der Donau, welche die Fassade der Roche Türme oder diejenige der Elbphilharmonie in Hamburg produzierte. Den Zuschlag beim Claraturm erhielt eine Tochterfirma der chinesischen Yuanda China Holdings, die seit 1993 existiert, ihren Hauptsitz im chinesischen Shenyang hat und inzwischen zu den grössten Fassadenherstellern weltweit gehört: “The Yuanda Group of companies is one of the largest producers of facades and curtain walls globally.” Die für den Claraturm verantwortliche Yuanda Europe Ltd. mit Sitz an der Uferstrasse in Basel hat in der Schweiz schon mehrere Projekte realisiert. Darunter sind beispielsweise die Hochhäuser “Allmend” von Marques Architekten neben dem Stadion in Luzern oder an der Zürcher Europaallee das Baufeld F von Boltshauser Architekten.

„Mit dieser als Ganzes aus China importierten Fassade importieren wir billige Arbeitskraft in die Schweiz, statt die Wertschöpfung in der Region zu behalten.”
Barbara Buser

Neubau Claraturm in Basel © Architektur Basel

Kritik von Barbara Buser
“Das gesamte Gebäude ist Minergie-zertifiziert und entspricht neuesten ökologischen Anforderungen”, schreibt die Eigentümerin auf Anfrage von Architektur Basel. Die Fassadenelemente des Claraturms “weisen eine lange Lebensdauer auf und können recycelt werden”. Ob eine chinesische Fassade trotz des langen Transportwegs ökologisch ist, können wir nicht abschliessend beantworten. Viele Bauteile werden heute von weither importiert. Dass eine komplett vorgefertigte Fassade aus China auf eine Baustelle in die Schweiz geliefert wird, hatte bisher dennoch seltenheitswert. Architektin Barbara Buser sieht das kritisch: „Mit dieser als Ganzes aus China importierten Fassade importieren wir billige Arbeitskraft in die Schweiz, statt die Wertschöpfung in der Region zu behalten.” Sie fordert ein grundlegendes Umdenken der Bauwirtschaft: “Der Import ist nur ökonomischer, solange die externen Kosten der langen Transportwege nicht mitgerechnet werden. Wir brauchen dringend neue Berechnungsmethoden, die das berücksichtigen.”

Neubau Claraturm in Basel © Architektur Basel

Wo bleibt die Baukultur?
Das Beispiel steht sinnbildlich für die sich rasant globalisierende Baubranche. Beim Claraturm ist die Halter AG als Totalunternehmerin für die Ausführung und Submission verantwortlich. Deren Verwaltungsratspräsident, Balz Halter, ist Vizepräsident der Stiftung Baukultur Schweiz, die 2020 gegründet wurde und sich für Prozesse und Verfahren einsetzt, “die zu hoher Baukultur führen”, wie einer Medienmitteilung zu entnehmen ist. Ob der Claraturm einen Beitrag zur “hohen Baukultur” leistet, sei dahingestellt das Baukultur massgeblich von lokalen kulturellen Gegebenheiten und von handwerklicher Qualität lebt, sollte hingegen unbestritten sein. Eigentlich.

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel


Quelle:
https://www.komplex-magazin.ch/de/artikel/claraturm

Neubau Claraturm in Basel © Architektur Basel