Aktuelles 30.05.23

© Nauentor.ch / ethandeclerk

«Der nächste Schandfleck. Ich fühl mich nicht mehr wohl in Basel.» – «Gefällt mir sehr gut! Endlich mal ein anderes Architekturbüro.»

Grossprojekte haben es schwer. Sie schaffen es kaum, die Herzen der Basler:innen zu erobern. Zuletzt ging es bei der Präsentation des Rosentalturms von Herzog & de Meuron auf unserer Facebookseite hoch zu und her. Vergangene Tage sorgte das Projekt für das neue Nauentor beim Bahnhof SBB für zahlreiche Reaktionen. Wir wagen aller Undifferenziertheit zum Trotz einen vorsichtigen Stimmungsbericht von der Basis. So viel vorneweg: Der Grossteil der kommentierenden Leserschaft fand keinen Gefallen am geplanten Nauentor und dem siegreichen Entwurf von Bruther, Jan Kinsbergen und Truwant + Rodet +. Einzelne positive Stimmen waren dennoch zur vernehmen. Irene Locatelli Bloch schrieb: «Gefällt mir sehr gut! Endlich mal ein anderes Architekturbüro!» Eine dezente Anspielung auf die in Basel omnipräsenten Grossmeister von der Rheinschanze. Adrian Huber zeigte sich ebenso begeistert: «Eine Wohltat für die Augen, vielleicht ein wenig zu zeitlos. Auf den Bildern scheint es mir ein offenes, einladendes Projekt zu werden. Auch die Begrünung ist vorhanden, darf immer noch mehr Grünes sein. Es gibt sicher eine Riesenbaustelle, aber wenigstens ist anschliessend dieser unmenschliche, stählerne Technokomplex aus den 70/80ern verschwunden.» Ferdinand Wangler fand insbesondere Gefallen an der Gestaltung der Hochhäuser: «Mir gefällt das Projekt. Durch die hohen Galerien hat man den Eindruck, als hängen die oberen Stockwerke in der Luft, gibt sicher auch bei Dunkelheit einen speziellen Anblick.»

Postreiterbahnhof in Basel von Suter+Suter Architekten erbaut 1971 © Architektur Basel / Lukas Gruntz

Erstaunlicherweise offenbarten zahlreiche Leser:innen ihre Liebe für den heutigen «Rostbalken», der ja kaum als besondere, architektonische Schönheit bekannt ist. «Der Rostbalken ist eines meiner Lieblingsgebäude. Filigran, eigenartig und farblich unschlagbar, besonders bei blauem Himmel», kommentiere Anna Jungen. Einmal über die Strasse hinweg machte sich Beat Degen seine Gedanken: „Dem Peter Merian Haus wird der komplementäre Kontrast fehlen.“ Eher pragmatisch bemerkte Thomas Canziani: „Hand auf‘s Herz, sieht nicht wirklich schöner aus als der bestehende Rostbalken.“ Tatsächlich wird die markante, rotbraune Farbe, die den Ort heute charakterisiert, irgendwie fehlen. Wobei sich die Fassade des Siegerprojekts in der weiteren Bearbeitung sicherlich noch weiterentwickeln wird, da darf man auf die Ambition der siegreichen Architekt:innen vertrauen.

© Nauentor.ch

Die grosse Mehrheit der Leserschaft zeigte sich kritisch bis ablehnend dem Nauentor-Projekt gegenüber. Unsere treue Leserin Barbara Seiler schrieb: «Ich wüsste nicht, was an diesem nächsten beliebigen Glas-Stahl-Würfel ohne Charakter, ohne Schönheit, ohne Ornament, ohne lokalen Bezug irgendwem gefallen könnte. Der Architekt könnte ja mal 100 m weiter zum Centralbahnplatz gehen und das Bahnhofsgebäude studieren, für Inspiration. So müssen grosse Gebäude aussehen!» Der Verführungskraft der Nostalgie erliegt man leicht. Mehr Mut wünschte sich hingegen Eva Krieger: «Zu wenig grün und auch sehr langweilig. Mir fehlt in BS der Mut für etwas Aussergewöhnliches. Schade!» Tobias Hirt störte sich vor allem am umgestalteten Reiterbau über den Geleisen: «Ich finde speziell die Fassade des Gebäudeteils welcher die Geleise quert eher uninspiriert und ausladend.» Zur grundsätzlichen Kritik setzte eine andere Leserin an: «Was soll diese überdimensionierte Vertikale? Den Ankommenden „Weltstadt“ beweisen? Ein paar gutbetuchten Ex-Pats Wohnraum bieten könnten auch die andern geplanten Überbauungen.» Ihr sei gesagt, das der Städtebau und die Gebäudedimensionen bereits in einem Bebauungsplan, der dem üblichen demokratischen Prozess unterliegt, definiert wurden. Kritik ist immer auch eine Frage des Timings. Sein Vertrauen in die Stadtenwicklung scheint Klaus Stahlberger vollends verloren zu haben: «Der nächste Schandfleck. Ich fühl mich nicht mehr wohl in Basel. ich traue den Architekten heute nicht mehr… »

© Nauentor.ch / ethandeclerk

Natürlich darf man sich fragen, welche Relevanz die Kommentarspalten auf den sozialen Medien haben. Repräsentativ sind sie kaum. Sie dienen höchstens als Ventil. Wenig differenziert oder fundiert fallen die meisten Kommentare aus. Und dennoch vermitteln sie einen Eindruck der «Vox populi». Der Verdruss an herausragenden Grossprojekten, an zeitgenössischer Architektur, an der dynamischen Veränderung des Stadtbilds ist in breiten Bevölkerungskreisen offensichtlich vorhanden. Das müssen wir uns eingestehen. Wir Planenden sollten das ernst nehmen – aber auch nicht überbewerten. Die meisten Menschen gewöhnen sich schnell an neue städtebauliche Massstäbe. Das beste Beispiel sind die Roche-Türme. Dem Schreibenden gibt hingegen eine «Empfehlung» des Beurteilungsgremiums für die weitere Bearbeitung des Siegerprojekts zu denken. Da steht: «In der Weiterbearbeitung ist ein besonderer Fokus auf der Steigerung und Gewährleistung der Gesamtwirtschaftlichkeit (Baukosten, Betriebsaufwand und Erträge) zu legen. Das heisst, wo möglich und sinnvoll sollen einerseits die Erstellungskosten reduziert und andererseits das Ertragspotenzial weiter gesteigert werden. Zudem gilt es auch den Aspekt der Kosten- und Flächeneffizienz noch stärker zu beleuchten.» Kurzfassung: Der Renditedruck ist hoch; das Siegerprojekt (noch) zu wenig rentabel. Das stimmt mich nachdenklich: An einem städtebaulich derart wichtigen Ort, darf die Renditeoptimierung nicht auf Kosten der architektonischen Qualität geschehen. Wir sind gewarnt – und werden die weitere Projektentwicklung kritisch begleiten. Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel

Nauentor: Ausstellung der Wettbewerbsbeiträge 26. Mai bis 07. Juni 2023 jeweils von 16 bis 19 Uhr (exkl. Sonn- und Feiertage) Mehrzweckraum (Level 7), Post-Passage 11, 4051 Basel (der Weg ist beschildert)