Aktuelles
15.09.25
© Architektur Basel
Roche Bebauungsplan: Ein guter Kompromiss
Die Anpassungen der Bau- und Raumplanungskommission (BRK) am Bebauungsplan für das Roche-Südareal sorgten für viel mediales Aufsehen. Mit Kritik am Pharmakonzern scheinen sämtliche Tagesmedien am Rheinknie ihre liebe Mühe zu haben. Von der Gefährdung des «Basler Wohlstands» war zu lesen – und gar der «Gipfel der Entfremdung» heraufbeschworen: Die BRK habe sich «zu Helfenden des Trump’schen Powerplays» machen lassen, insinuierte bz-Chefredaktor Patrick Marcolli. Dabei kann man der Kommissionsmehrheit nur gratulieren: Sie hat schlicht und unaufgeregt ihre parlamentarische Arbeit gemacht. Sämtliche Anpassungen sind sinnvoll. Das findet unser Redaktor Lukas Gruntz in seinem Kommentar. Er hat sich den BRK-Bericht genau angeschaut. Sein Fazit: Ein guter Kompromiss.
Axonometrie Bürohochhaus, Roche Bau 52 1957–1960 © Roland Rohn
Es ist einer der umfangreichsten Berichte, den die BRK in den vergangenen Jahrzehnten verfasst hat. 63 Seiten ist er lang. Er zeugt von der intensiven und fundierten Auseinandersetzung mit der komplexen Materie. Die Kommission hat es sich nicht leicht gemacht. Sämtliche wichtigen Akteure, vom Heimatschutz über Quartiervertreter:innen bis zu Herzog & de Meuron, wurden von ihr ausführlich angehört – Roche als Eigentümerin war sogar zweimal zu Gast. Im Fokus stand dabei vor allem die Frage nach dem Erhalt von Bau 52, der 1960 von Roland Rohn erbaut wurde. «Das Hochhaus spielt bis heute in der Stadtsilhouette eine wichtige Rolle, indem es zwischen dem umgebenden Quartier und den neuen himmelsstürmenden Hochhäusern von Herzog & de Meuron vermittelt.» Es ist eines der ersten Hochhäuser mit Curtain-Wall-Fassade in der Schweiz. 2019 hatte der Basler Denkmalrat «nach eingehender Beratung auf Grundlage von architektonischen Gutachten und einer Besichtigung vor Ort» die Unterschutzstellung beantragt.
Roche Südareal © Architektur Basel
Das ist längst Geschichte. Die Roche möchte den schutzwürdigen Bau abbrechen – und argumentiert mit dem baulichen Zustand, der sogenannten Schutzfähigkeit. Diese sei nicht gegeben. Das Hochhaus ist stolze 65 Jahre alt. Im Bericht der BRK erfährt man, «dass eine energetische Sanierung wie auch die Anpassung von heutigen Einzelbüros zu Grossraumbüros dank der Flexibilität der Grundrisse gut möglich wäre.» Das würden die vorgelegten Gutachten belegen. Auch die projektverfassenden Architekten von Herzog & de Meuron bestätigen dies, wie dem Bericht zu entnehmen ist: «Es sei technisch dennoch möglich, den Bau 52 zu erhalten.» Ob mit weniger tiefgreifenden Massnahmen die Schutzfähigkeit erhalten bliebe, könne gemäss Herzog & de Meuron nicht abschliessend beurteilt werden. Entsprechende Studien müssten also erst noch erstellt werden. Weshalb das nicht längst geschehen ist, bleibt unbeantwortet. Roche hätte dazu genügend Zeit gehabt.
Die Argumentation seitens Roche, dass der Bau aufgrund der hohen Betriebsemissionen und zur Erreichung des Netto-Null-Ziels abgerissen werden müsse, erscheint fragwürdig: «Hohe Emissionen im Betrieb sind kein Grund dafür, Gebäude abzureissen und die darin gespeicherten grauen Emissionen zu vernichten. Viel eher sind hohe Betriebsemissionen ein Grund dafür, das Heizsystem auf erneuerbare Quellen umzurüsten, was laut Gutachten problemlos möglich ist.» Dass sich die Erstellung von Hochhäusern nach aktuellem Stand der Technik nicht mit dem Nettonull-Ziel vereinbaren lässt, ist Roche gemäss BRK-Bericht bewusst: «Zur Frage der grauen Emissionen von Neubauten könne sich die Roche dem Umstand, dass die verursachten Emissionen für den Bau der Hochhäuser 1 und 2 noch für 55 weitere Jahre kompensiert werden müssen, nicht verschliessen.»
Roche Südareal © Architektur Basel
Im Zentrum der Auseinandersetzung in der BRK stand das sogenannte «Obergutachten» der Firma Friedli Partner zur Frage der Schutzfähigkeit. Es zeichne «ein weitaus differenzierteres Bild» als die öffentliche Darstellung des Pharmakonzerns. Bei Bau 52 sei «der Bestand in gutem Allgemeinzustand, es gebe statisch keine Bedenken und sowohl eine hundertprozentige Erdbebenertüchtigung nach SIA 261 wie auch eine energetische Sanierung der Fassaden sei möglich, auch unter Beibehaltung einer schlanken und gebäudetypischen Konstruktionsweise. Weiter weist der Bericht darauf hin, dass die Flächenbilanz von Bau 52 besser sei, als von der Roche behauptet (60% statt 50% Hauptnutzfläche zu Geschossfläche), die Investitionskosten pro m2 deutlich geringer wären als bei einem Neubau.» Damit widerspräche das Obergutachten der öffentlichen Argumentation der Roche, wonach eine Renovation des Rohn-Hochhauses technisch kaum möglich – und wirtschaftlich nicht tragfähig sei.
Roche Südareal © Architektur Basel
Es handle sich viel eher um einen «Abrissplan» als um einen «Bebauungsplan», kritisiert die BRK-Mehrheit in ihrem Bericht: «Dieser Eindruck wird zusätzlich verstärkt durch den Umstand, dass Roche mehrfach darauf hinwies, dass aktuell und in absehbarer Zukunft kein Bedarf an einer Realisierung von Bau 3 bestehe.» Nach Auffassung der BRK-Mehrheit entspricht es nicht dem Sinn und Zweck eines Bebauungsplans, auf Vorrat Baufelder, Maximalhöhen, Bruttogeschossflächen und Abstände für Bauten zu definieren, die gar nicht realisiert werden sollen. «Des Weiteren ist für die BRK-Mehrheit nicht nachvollziehbar, wieso der Bebauungsplan im Gegensatz zur etablierten Praxis kein qualitätssicherndes Varianzverfahren vorschreibt, sondern die Roche in Direktvergaben Städtebau betreiben kann.» Tatsächlich verlangt das kantonale Konzept: «Zur Qualitätssicherung von Hochhausprojekten sind Auswahlverfahren wie Wettbewerbe oder Varianzverfahren.» Wieso Roche diese Vorgabe nicht einhalten musste, bleibt schleierhaft.
Nach der Publikation des Kommissionsberichts liess das mediale Gejaule nicht lange auf sich warten. bz-Chefredaktor Patrick Marcolli kommentierte: «So oder so kann man zugespitzt sagen, dass sich die Basler Linken mit ihrer Opposition «nolens volens» zu Helfenden des Trump’schen Powerplays machen.» Wenn man bedenkt, wie die Trump-Administration die Demokratie mit Füssen tritt, ist das eine reichlich absurde Zuspitzung. Neofaschistischen Tendenzen kann man nur mit der Stärkung demokratischer Strukturen begegnen. Die gutschweizerische Kunst der Kompromissfindung gehört dazu. Die Forderungen der Kommissionsmehrheit sind moderat. Es ist ein guter Kompromiss. Der Bau des dritten Turms bleibt unbestritten. Ebenso der grossflächige Abbruch der «weissen Fabrik» von Rohn am Rhein, die nota bene den höchsten Schutzstatus im ISOS geniesst. Die Forderungen nach einer «öffentlichen Durchwegung des neuen Parks», der «Verbreiterung der Solitude-Promenade» und der Reduktion von «Treibhausgasemissionen Richtung Netto-Null» sind schlicht im Interesse der Basler Bevölkerung. Dafür sollten sich gewählte Volksvertreter:innen schliesslich einsetzen. Es ist bedenklich, dass weder Behörden noch Regierung diese Forderungen im ursprünglichen Bebauungsplan einbrachten. Die BRK hat als Korrektiv die Versäumnisse des Regierungsrats ausgebügelt.
Roche Südareal © Architektur Basel
Man sollte am Rheinknie den Fokus richtig justieren: Volkswirtschaftlich ist die Entwicklung des Südareals von untergeordneter Bedeutung. Zur Erinnerung: Die Roche macht einen jährlichen Umsatz von 60 Milliarden Schweizer Franken. Die Anpassungen der Kommissionsmehrheit schränken die wirtschaftliche Handlungsfähigkeit des Konzerns in keiner Weise ein. Im Gegenteil: Mit dem Bau des dritten Turms wird eine substanzielle Weiterentwicklung ermöglicht. «Ausserdem hat Roche sich mit den rein technokratischen Argumenten gegen seinen Erhalt, wie nun deutlich wird, gar keinen Gefallen getan. Architektur ist immer auch Emotion, das hat man nicht verstanden», schreibt Patrick Marcolli. Unsere Community gibt ihm recht. Über 80 Prozent sprachen sich in einer Umfrage für den Erhalt von Bau 52 aus.
Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel