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«Wir scheissen auf eure Stadt der Reichen!»
Es rumort im Klybeck. Mit der Besetzung von drei Gebäuden im nördlichen Teil des Areals stellt sich eine alte Frage mit neuer Dringlichkeit: Wem gehört die Stadt? Das Kollektiv «ZACK!» hat in der Nacht auf den 30. Mai 2026 die Gebäude K102, K104 und K106 besetzt – und versteht die Aktion als Rückgewinnung dringend benötigter selbstorganisierter Kultur- und Begegnungsräume. Es wurde die selbsternannte «Zone-Autonome-Culturelle-Klybeck» ausgerufen. Die Eigentümerin Swiss Life hat Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung eingereicht. Ausgang: offen.
Hier entsteht Zukunft. Eigentlich. Die Besetzung trifft einen bedeutenden Ort der Basler Stadtentwicklung. Das ehemalige Industrieareal Klybeck bietet mit rund 300’000 Quadratmeter viel Platz für eine langfristige Entwicklung. Vergangenen November stellten die Projektpartner das Richtprojekt vor. Gleichzeitig bleibt die mittel- und kurzfristige bauliche Zukunft in Teilen des Areals offen, Gebäude stehen leer, Planungsprozesse dauern an, Schadstoffe und Altlasten schlummern in Bauten und Boden. Das Kollektiv «ZACK!» formuliert seine Kritik fundamental. Auf seiner Webseite beschreibt es die Besetzung als Reaktion auf den Verlust selbstverwalteter Räume in Basel und als Protest gegen eine zunehmend kommerzialisierte Stadtentwicklung. Die Aktivist:innen sprechen von einer Stadt, die sich «selbst schon längst verkauft hat», und verstehen sich als «Übriggebliebene einer jahrelangen Aufrechterhaltung von nicht-kapitalisierten und kollektiven Räumen». Das Ende der professionell organisierten Zwischennutzung sei «kein Grund die Gebäude dem jahrelangen Leerstand und den Profitinteressen zu überlassen».
Ausgetanzt! Das Humbug ist seit vergangenem Herbst "dauerhaft geschlossen" © www.humbug.club
Im Zentrum der Forderungen steht die langfristige, selbstverwaltete Nutzung der besetzten Gebäude. Das Kollektiv fordert Kanton, Swiss Life und Rhystadt AG dazu auf, die Gebäude «langfristig und vertragslos abzutreten» und die Nutzung «an die Selbstverwaltung von Unten zu übergeben». Dahinter steht die grundsätzliche Kritik, dass Zwischennutzungen häufig zur Aufwertung von Arealen beitragen würden, ohne langfristige Perspektiven für nicht-kommerzielle Nutzungen zu schaffen. Die Besetzung fällt zudem in einen Moment, in dem der Verlust kultureller Freiräume im Klybeck bereits sichtbar geworden ist. Mit dem Ende 2025 musste auch der beliebte Musik- und Kulturort Humbug das Areal verlassen, nachdem Swiss Life den Zwischennutzungsvertrag nicht verlängert hatte. Das Lokal hatte sich seit 2019 als wichtiger Ort für Konzerte, niederschwellige Kulturangebote und alternative Szenen etabliert; die Schliessung wurde von den Betreiber:innen explizit als Symptom einer zunehmend renditegetriebenen Stadtentwicklung kritisiert.
Tatsächlich verweist die Aktion auf ein strukturelles Spannungsfeld, das Basel seit Jahren begleitet. Man erinnere an die für eine ganze Generation prägende kulturelle Zwischennutzung auf dem nt/Areal. Es stellt sich die Frage, ob Zwischennutzungen echte städtebauliche Experimentierfelder oder lediglich Feigenblätter in renditeorientierten Entwicklungsprozessen sind. Wie einem Artikel in der BZ Basel zu entnehmen war, scheint sich in der «Zone-Autonome-Culturelle-Klybeck» bereits ein vielfältiges kulturelles Programm etabliert zu haben. Allein an einer «Jubiläumsparty» nach der ersten Woche der Besetzung seien laut Kollektiv über tausend Menschen vor Ort gewesen. Eine öffentlich zugängliche Ideentafel am Zaun zeugt zudem vom Versuch, das Areal als offenen Begegnungsort zu etablieren – mit Vorschlägen von «Konzerte und Partys» bis «Nachhilfe für Schulkinder!». Man könnte von subversiver Stadtrendite sprechen.
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Gleichzeitig verweist die Eigentümerschaft auf Sicherheitsfragen und rechtliche Grenzen. Gemäss BZ erklärte Swiss Life, die betroffenen Gebäude seien aufgrund geplanter Rückbauten stillgelegt und nicht für eine weitere Nutzung ausgelegt; die notwendigen Sicherheitsvorgaben seien nicht gegeben. Swiss Life habe Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung eingereicht und erwarte, «dass die Besetzenden das Areal selbständig und zeitnah verlassen». Die Eigentümerschaft rechnet damit faktisch mit einer baldigen Räumung – ob durch freiwilligen Auszug oder behördliches Eingreifen, bleibt offen. Anders klingt es beim Kollektiv selbst: Die Besetzenden bestreiten bislang jeglichen direkten Kontakt mit Swiss Life oder der Polizei. Zugleich bereitet sich das Kollektiv offenbar auf eine mögliche Räumung vor und hat bereits zu einer Demonstration für den Fall eines Polizeieinsatzes aufgerufen.
Auf dem Klybeck-Areal kumulieren sich viele Fragen der Stadtentwicklung: Wie lassen sich langfristige Entwicklungsinteressen mit kurzfristigen, informellen und oft schwer planbaren Aneignungen des Stadtraums verbinden? Wie viel Unbestimmtheit verträgt die Planung? Und vor allem: Für wen planen wir? Die Antwort seitens ZACK ist unmissverständlich – und wenig kompromissbereit: «Wir scheissen auf eure Stadt der Reichen!»
Artikel: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Quellen:
- Webseite Kollektiv «ZACK!» > https://zack.noblogs.org/
- Artikel in der BZ Basel von Gian Gaggiotti (erschienen am 08.06.2026) > https://www.bzbasel.ch/basel/basel-stadt/basler-klybeck-areal-besetzung-zieht-ueber-1000-menschen-an-ld.4181445
- Communiqué zur bevorstehenden Schliessung vom HUMBUG auf dem Klybeckareal