Aktuelles 27.11.25

Blick aus dem K90 in Richtung Esplanade © Filipo Bolognese / Diener & Diener

Klybeckplus: Zwischen grossem Wurf – und ringen mit dem Bestand

Es ist eines der grössten Transformationsareale der Schweiz. Das Klybeck-Areal bietet ein enormes Potential für die Basler Stadtentwicklung. Drei Jahre nach dem Leitbild steht nun das Richtprojekt. Damit konkretisieren der Kanton Basel-Stadt, Swiss Life und Rhystadt die Zukunft eines Areals, das – wie Regierungsrat Conradin Cramer betont – «entscheidend für die weitere Entwicklung Basels» ist.

© Architektur Basel

Drei Jahre sind vergangen. Seit 2022 wurde das Städtebauliche Leitbild vertieft, überprüft und nachjustiert. Wünsche aus der Bevölkerung flossen ein. Ein Anpassung betrifft beispielsweise die Kleinhüningerstrasse, die künftig durch das Areal bis zum Rhein fortgeführt wird. Sie endet neu auf der neuen Rheinterrasse – ein öffentlicher Freiraum direkt am Wasser. Der Klybeckplatz, flankiert von neuen Hochhäusern, bildet das Zentrum des Stadtteils. Zwei grosse Parkanlagen, am Rhein und an der Wiese, sowie Bäume, Vorgärten und Fassadenbegrünungen sollen das Areal ökologisch transformieren. Regierungsrat Cramer hielt an der Medienkonferenz fest: «Die Bevölkerung will Freiräume. Neu gibt es eine Durchwegung von der Esplanade bis zur Rheinterrasse.»

Blick auf die neue Klybeckmatte © Filipo Bolognese / Diener & Diener

Die Zahlen sind eindrücklich. Geplant sind Wohnraum für rund 8'500 Menschen – ein Drittel davon gemeinnützig in Kostenmiete – sowie 7'500 Arbeitsplätze. Für Rhystadt-CEO Christian Mutschler ist das Projekt «eine Win-Win-Win-Situation», mit einem geschätzten gesamtwirtschaftlichen Nutzen von «10 Milliarden Franken», wie er an der Medienkonferenz im K-610 erklärte. Auf die Rückfrage, ob Baurechtsparzellen an Genossenschaften abgegeben werden könnten, hält man sich bei den Eigentümerschaften bedeckt. Es wäre eine grosse Chance zur Stärkung der Akzeptanz und Verortung im Stadtleben. Die Entwicklungen auf dem Lysbüchel Süd und Westfeld zeigen eindrücklich, welchen Mehrwert gemeinnützige Bauprojekte für ein Quartier leisten können. Man sei im Austausch mit dem Genossenschaftsverband, liess sich Mutschler im direkten Gespräch mit Architektur Basel entlocken. Für die Blockränder zum Klybeckquartier wäre eine kleinteilige Körnung – wie in den Gründerzeitquartieren charakteristisch – für die stadträumliche und architektonische Qualität entscheidend. Das Richtprojekt ist in dieser Hinsicht leider (noch) wenig verbindlich.

Situationsplan Richtprojekt © Diener & Diener

Anspruchsvoll bleibt der Umgang mit der bestehenden Baukultur. Das Richtprojekt sieht einen zusätzlichen Erhalt von Bauten am Rhein und zur Dreirosenbrücke hin vor. Das ist begrüssenswert. Damit gleicht es den schmerzaften Verlust der schützenswerten Bauten an der Mauerstrasse teilweise aus. Kantonsbaumeister Beat Aeberhard sagte dazu: «Wir stärken den Gebäudebestand.» Tatsächlich bleiben einzelne Bauten erhalten oder werden umgenutzt; etwa der markante Bau K-90: «Es wird zum Parking. Die darüberliegende Aufstockung beinhaltet Wohnen.» Es ist ein überraschender, und gleichzeitig pragmatischer Umgang mit dem ikonografischen Industriebau. Man spart damit den Bau eines unterirdischen Quartierparkings, was viel CO2 kosten würde. Zudem könne der stark schadstoffbelastete Bau als offenes Parkhaus weiter "auslüften". Die Idee samt fünfgeschossiger Aufstockung mit Wohnungen ist reizvoll. Die architektonische Fallhöhe ist hingegen enorm. Die Zauberformel lautet hier: Qualitätssicherung durch qualifizierte Varianzverfahren.

© Diener & Diener

Doch trotz einzelner Akzente bleibt im Richtprojekt die Tatsache bestehen, dass ein Grossteil der heutigen Bausubstanz verschwindet. Darunter Bauten neueren Datums, wie das K-693 an der Wiese, das keine Schadstoffbelastung aufweist. Ein substantieller Teil der bestehenden Gebäude – insbesondere im östlichen Teil des Areals – muss aufgrund hoher Gebäudebelastungen oder wegen der städtebaulichen Neuordnung abgerissen werden. Der Charakter des heutigen Industrieareals wird damit zwischen Klybeckplatz und Wiese weitgehend ausgelöscht. Der neue Stadtteil entsteht hier auf einer oberirdisch rückgebauten Grundlage, was der anstehenden Altlasten-Sanierung des Untergrunds sicherlich zu Gute kommt. Dass der Erhaltungsanspruch und die tatsächliche Abrissquote auseinanderklaffen, bleibt ein kritischer Punkt des Richtprojekts. Auch wenn die Planungspartner die ambitionierte Absicht formulieren, Bestand neu zu denken, graue Energie zu erhalten – und Beat Aeberhard vor den Medien verspricht: «Wir werden nicht ohne Not Bauten abbrechen.»

Blick über den Klybeckplatz in Richtung Rhein © Filipo Bolognese / Diener & Diener

Die Freiräume sind das verbindende Element: «Sie sind wichtig, zum Beispiel für die Vernetzung der Natur von der Wiese bis zum Rhein», erklärt Aeberhard. Die Klybeckmatte, ein grosser Park im Zentrum des Areals, wird «in etwa dieselbe Grösse wie die Claramatte» haben. Sie bildet zwischen Rhein und Wiese ein durchgehendes Grünsystem. Artenvielfalt, Abkühlung und Durchlüftung stehen im Vordergrund – ein starker Kontrast zur heutigen, nahezu vollständig versiegelten Industriefläche.

© Filipo Bolognese / Diener & Diener

Das Richtprojekt bildet eine solide Grundlage für die anstehende Nutzungsplanung. Die Weiterentwicklung des städtebaulichen Leitbilds ist vielleicht kein grosser Wurf, aber nachvollziehbar und sorgfältig. Baudirektorin Esther Keller spricht von einem «wichtigen Etappenziel», das den Übergang in die nächste Phase markiere. Die Planung bleibt ein Marathon. Der Bebauungsplan soll Anfang 2027 in die Vernehmlassung gehen. Mit einer Behandlung im Grossen Rat ist nicht vor 2028 zu rechnen. Das heisst: Die Bagger fahren im Klybeck frühestens 2029 auf. Eins ist unbestritten: Mit dem Klybeck-Areal entsteht ein neuer Stadtteil, der Basels Norden stark prägen wird – grün, dicht, vernetzt. Doch die Diskrepanz zwischen dem Anspruch, Identität zu wahren, und der Realität, dass ostwärts ein Grossteil der bestehenden Bauten weichen muss, bleibt ein zentrale Frage der städtebaulichen Debatte. Artikel: Lukas Gruntz / Architektur Basel

Info: Ausstellung Richtprojekt Am MI 3.12. und DO 4.12., 16.00 bis 18.00 Uhr, können sich Interessierte vor Ort (Gebäude WKL 610, Gärtnerstrasse 2, Showroom im EG) anhand des Modells und Plänen sowie im Austausch mit Fachpersonen über das Richtprojekt informieren.