Eine Stütze mitten im Wohnzimmer: Haus am Hang in Liestal

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Irgendwo an einem Südhang in Liestal gedeiht seit Urzeiten ein Baum. Ein grosser Baum; nennen wir ihn Mammutbaum. Für Architekt Aldo Duelli galt es den Baum auf dem stark abschüssigen Gelände nicht nur zu erhalten, er sollte zum eigentlichen Entwurfsthema für ein neues Zweifamilienhaus werden.

Zwei unterschiedliche Volumen in der Situation © Notaton

Zwei unterschiedliche Volumen in der Situation © Notaton

Wie üblich am Berg werden die Grundstücke in der Nachbarschaft hangseitig betreten, oft sogar direkt via Dachgeschoss, nicht so beim Mammutbaum. Beidseits der Einfahrt führen Fusswege zu den beiden Wohnungen. Das Haus besteht eigentlich aus zwei Häusern, zwei Volumen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Parallel zur Strasse mural, geschlossen, verbunden mit der Erde. Aufgesetzte Rollladen und Lochfenster. Dem Tal zugewandt, abgedreht das pure Gegenteil: wie eine Laterne schiesst der offene Hausteil aufgebockt aus dem Berg. Raumhohe Fenster. Das Haus soll andeuten, was wo passiert, sagt Duelli, aber ohne, dass sich jemand etwa ausgestellt fühlt. Der funktionale dienende Privatteil mit Garage und der extrovertierte Wohnteil ordnen sich um eine ebene kleine Rasenfläche mit dem Mammutbaum. Eine horizontale Fläche am Hang? Der kühne Vorschlag aber hat durchaus einen Nutzen. Durch die Aufteilung des Hauses in zwei Teile geht Duelli dem Problem der riesigen Volumen am Berg aus dem Weg und schafft es, diese zwar soweit wie möglich ins Tal zu stellen, aber dennoch nicht zu klotzen. Schliesslich wollen alle eine Sitzfläche im Garten, sagt Duelli, eine talseitige Aufschüttung ist aber problematisch, warum also den schattenspendenden Mammutbaum nicht gleich ins Konzept miteinbeziehen? Zudem schafft der Minigarten die soziale Verbindung zum Leben auf der Strasse. Einsicht ohne Einsicht. Nicht selten wenden sich terrassierte Häuser total vom Strassenraum ab.

Der Ausblick will gekonnt sein © Lucas Peters

Der Ausblick will gekonnt sein © Lucas Peters

Ob Duellis Gedanken auch verfangen, zeigt der Innenraum. Vorbei am Baum betritt man das Haus nahe am Gelenk der beiden Teile. Wie eine Eisscholle schneidet sich die etwas erhöhte Bodenplatte der Laterne in den Eingangsbereich. Über vier Stufen geht es hoch in den Wohnraum, schon jetzt winkt ein grandioser Ausblick über Liestal. Nur verdeckt durch eine prominent im Raum platzierte massive Rundstütze auf einem quadratischen Sockel. Hallo Mammutbaum? Dass man sich selbst im Einraum-Raum nicht in die Mitte stellen kann irritiert zu Beginn, aber bald offenbart sich die Funktionsweise. Die Stütze mit ihren ungerichteten Unterzügen fungiert nicht nur als statisches Rückgrat, sondern vielmehr als sonderbarer Raumteiler – ohne aber den Raum tatsächlich zu trennen, fügt Duelli an. Nicht raumhohe Körper gliedern die Fläche und gestalten die Wände, kanalisieren die Aus- und Einsicht. Seitlich befindet sich die Küche, eine Tür führt zu einem französischen Balkon mit Treppe in den Garten beim Baum. Auch talseitig gibt es einen Balkon. Beide Aussenbereiche gehören zum quadratischen Grundriss, scheinen optisch auf ein- und derselben erhöhten Terrazzo-Bodenplatte. Diese umgibt das gesamte Geschoss, bildet den unteren Abschluss aller raumhohen Holzfenster. Oben stossen sie ebenso unvermittelt an die Deckenplatte. Diese vollführt formale Kapriolen, als hätte sich die Schalung des Baumeisters über Nacht selbstständig gemacht. Tatsächlich aber, so Duelli, seien diese Verrenkungen die Zeugen des maximal erlaubten Volumens am Hang. Das Dach schwebt förmlich, liegt nur auf den vermutlich überdimensionierten Unterzügen und steht auf langen dünnen Stützen, die ausserhalb der auskragenden Bodenplatte, vorbei an der Küche, am talseitigen und französischen Balkon direkt ins Erdreich verschwinden. Neben der Mammutstütze mitten im Wohnzimmer wirken sie fast etwas filigran und zerbrechlich – wie die rutenförmigen Zweige einer Trauerweide. Dass das Wohnen in der Laterne aber keineswegs eine traurige Angelegenheit ist, davon zeugt das eingerichtete Wohnzimmer der jungen Familie. Es sei schon etwas ein Experiment, meinen sie, aber der Raum lässt sich super bespielen. Wohnlich, angenehm, aber auch sachlich. Was auf dem Grundriss erst etwas kompliziert und starr wirkt, entwickelt sich im realen Leben zu einem sehr brauchbaren Entwurf. Die nicht raumhohen Wände schaffen dabei Vor- und Rückseiten innerhalb der Laterne, Parkmöglichkeiten für die feinen Vorhänge und gestaltete Kastenfronten.

Die «Laterne» ist etwas erhöht, eine Treppe führt runter in die «Höhle» © Lucas Peters

Die «Laterne» ist etwas erhöht, eine Treppe führt runter in die «Höhle» © Lucas Peters

Wo Licht ist, ist auch Schatten; im positiven Sinne. Wenn sich der Tag in der Laterne zu Ende neigt, verzieht man sich in die kuschelige Höhle. Der murale Hausteil gibt sich ungleich verschlossener, besteht gefühlt nur aus verwinkelten Räumen und dicken Mauern. Wer sein Zimmer über eine fünfundfünfzig Zentimeter dicke Wand betritt, schläft gleich viel besser. Hier kann man sich richtig einnisten, schmunzelt Duelli. Zumindest optisch geben sich die Türleibungen eine gewisse Stärke, ein grosser Teil der Wände aber dient als Einbauschrank. Auf minimaler Fläche übernimmt die Höhle auf zwei Geschossen drei Schlafzimmer, ein Büro und ein Gästezimmer, zwei Bäder und eine Toilette. Die absolute Gegenthese.

Eine private Höhle – zurückhaltende Wände mit hölzernem Boden © Lucas Peters

Eine private Höhle – zurückhaltende Wände mit hölzernem Boden © Lucas Peters

Das Obergeschoss wird über eine Galerie betreten. Auf der Treppe nach oben bleiben wir stehen. Hier treffen Höhle und Laterne aufeinander, beide mit ihren Ansprüchen und Wünschen. Duelli zeigt auf einige Stellen und meint dazu, es wäre tatsächlich eine Herausforderung gewesen, beide Systeme ineinander laufen zu lassen. Beide seien so unterschiedlich. In jedem Fall habe man sich deshalb zu gewissen tektonischen Regeln entschieden. Nichts ist bündig, alles ist aufgesetzt, durchlaufend, überstehend oder auskragend. Das vereinfacht vieles, ist aber auch ehrlich. Wer genau hinschaut merkt: die Konstruktion ist – mal abgesehen von den vielen wärmetechnischen Kragplattenanschlüssen des Laternenbodens im Bereich der Fenster – ziemlich simpel. Die Fensterrahmen sind auf- oder drangesetzt, die Kompribänder sichtbar, die Küche ist gestapelt, der Sonnenschutz bei beiden Hausteilen entweder sichtbar aussen an die Fassade montiert oder unter die auskragende wilde Decke geschraubt. Die hölzernen Tritte der Treppe zum Obergeschoss liegen quasi auf dem Boden drauf. Die Führungsschienen der Vorhänge sind nicht in den Beton eingelassen. Ebenso klar verhält sich die Materialisierung. In der Laterne finden wir Terrazzo, Sichtbeton und Eichenholz, die nicht raumhohen Wände sind in Weissputz. Die Höhle nimmt sich zurück. Holzparkett mit Fries. Das manchmal fast richtungslose Gebaren des Wohnzimmers wird hier in fixe Bahnen gelenkt. Aussen ist das Gebäude verputzt.

Obergeschoss, mit dem wilden Dach der Laterne © Notaton

Obergeschoss, mit dem wilden Dach der Laterne © Notaton

Zugangsgeschoss mit Garten und Baum © Notaton

Zugangsgeschoss mit Garten und Baum © Notaton

Zweite Wohnung im Untergeschoss © Notaton

Zweite Wohnung im Untergeschoss © Notaton

Hier darf und muss man durch die Stütze schneiden © Notaton

Hier darf und muss man durch die Stütze schneiden © Notaton

Im Sockelgeschoss befindet sich die zweite Wohnung. Sie vereint die Eigenschaften von Laterne und Höhle auf minimaler Fläche. Betreten über einen Weg nach unten, findet man sich in einem grosszügigen Wohn- und Esszimmer mit Küche wieder. Gegen das Tal geben Fenster mit Sturz den Blick frei, rückwärtig sind Schlaf- und Nassräume angeordnet. Etwas bedrückt wirkt die Wohnung schon, nun, da man sich erinnert, wie hell die Laterne darüber leuchtet. Doch da entdecke ich die Stütze von oben wieder. Sie läuft durch, tritt auch im Sockelgeschoss in Erscheinung. Auch die dünnen Stützen des schwebenden Hauptdaches führen hier immer vor einem Fenster oder beim Sitzplatz sichtbar ins Erdreich und fügen das Ganze zusammen. Und sofort fühle ich mich wieder zuhause. Im Mammutbaum. In den rückwärtigen Keller- und Technikräumen verfängt das Konzept nicht mehr so klar wie in den Wohnungen. Sie nehmen sich den Platz, den sie benötigen und bekommen. Nicht mehr und nicht weniger. Wie sich die Dinge eben logisch fügen, würde Duelli hier wohl sagen. Ob das immer so ist, wage ich zu bezweifeln. Die Detailgestaltung überzeugt in beiden Teilen, das Gelenk aber ist und bleibt in meinen Augen das Sorgenkind. Gar etwas verkrampft treffen beide Theorien aufeinander, ist doch der Rest des Hauses – oder der Häuser – so unglaublich entspannt und ohne jeden Zweifel. Der Mammutbaum jedenfalls dürfte sich darüber keine Gedanken machen. Wie eh und je steht er da und blickt über die Stadt, lässt seine Äste im Wind wehen. Vom erhöhten französischen Balkon beim Garten winkt die Familie; wir sind bereits auf der Strasse an einem Hang in Liestal.

Text: Simon Heiniger / Architektur Basel


Haus am Hang, Liestal
Architektur: Aldo Duelli, Notaton, Chur
Bauherrschaft: Privat
Baujahr: 2018


Fotos: © Lucas Peters
Pläne: © Notaton

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