Architektur Basel im Gespräch mit Emanuel Christ © Armin Schärer / Architektur Basel
Emanuel Christ: „Unsere Lehrer waren die ersten virtuosen Entwerfer der postmodernen Theorie“ – Monatsinterview #3
Die Lehre hat für Emanuel Christ eine besondere Bedeutung. Zusammen mit Christoph Gantenbein ist er seit 2010 an der ETH in Zürich als Professor engagiert. Zuvor war er Gastprofessor an verschiedenen Schulen: GSD Harvard, Robert Gordon University, Aberdeen, Accademia di Architettura Mendrisio, Design Studio, und der Oslo School of Architecture and Design. Er glaube an eine "ideale Architektur" sagt Christ im dritten Teil des Monatsinterviews: "Ideal heisst nicht einfach schön oder erstrebenswert, sondern bedeutet für uns, dass Architektur immer auf einer Idee beruht." Ein Gespräch über Hans Kollhof, das ETH Studio Basel, Typologie-Transfers, "Tropical Basel" und Windtürme.
Lukas Gruntz (Architektur Basel): Du hast Architektur an der ETH in Zürich, der EPFL in Lausanne und der HdK (heute Universität der Künste) in Berlin studiert und 1998 bei Prof. Hans Kollhoff an der ETH Zürich diplomiert. Welchen Einfluss hatte die architektonische Haltung von Kollhoff auf deine Arbeit?
Emanuel Christ: “Natürlich wird man von seinen Lehrern beeinflusst und gleichzeitig grenzt man sich von ihnen ab. Vieles in unserer Arbeit hat direkt und indirekt mit der Position von Hans Kollhoff zu tun, wobei ich nur ein Semester bei ihm studiert hatte. Dasselbe gilt übrigens auch für Christoph Gantenbein. Interessanterweise ist das Grundverständnis von Kolhoff gar nicht so weit von denjenigem meiner anderen Lehrer wie Martin Steinmann in Lausanne oder Marcel Meili an der ETH aber auch Herzog & de Meuron, wo ich ein Praktikum absolvierte, entfernt. Die alle haben mich ebenfalls geprägt.“
Inwiefern ist deren architektonisches Grundverständnis verwandt?
“Wenn man ein bisschen zurückgeht und dann im Fall von Kolhoff zu Ungers oder bei Herzog & de Meuron zu Rossi gelangt, sind das zwar zwei unterschiedliche Positionen, die aber ähnliche Themen verhandeln, nämlich die Frage nach dem Verständnis und Verhältnis der Architektur und der Stadt. Unsere Lehrer waren die ersten virtuosen Entwerfer der postmodernen Theorie, die über die stilistische Form hinausgingen. Sie waren zwar theoretisch postmodern geprägt, fanden aber zu einer eigenen Architektursprache. Wir wurden genauso von Herzog & de Meuron und ihrer an der Konzeptkunst orientierten Architektur als auch vom ausgesprochen kohärenten Diskurs Roger Dieners beeinflusst. Und trotzdem blieb Kollhoff hängen. Vielleicht, weil er ein unglaublich charismatischer Lehrer war. Das hatte etwas mit seiner Sprache und seiner Rhetorik zu tun. Er zeichnete gerne drastische Bilder und hatte grosse Lust an der Auseinandersetzung. Er war sich nie zu schade, an seinem Umfeld und der zeitgenössischen Architektur beissende Kritik zu üben. Er hat seinen Diskurs gerne über Feindbilder aufgebaut. Das war sehr eingängig.“
"Ich glaube, es gibt so etwas wie eine ideale Architektur. Ideal heisst nicht einfach schön oder erstrebenswert, sondern bedeutet für uns, dass Architektur immer auf einer Idee beruht."
Architektur Basel im Gespräch mit Emanuel Christ © Armin Schärer / Architektur Basel
Hat er auch euren eigenen Stil der Lehre beeinflusst?
“Natürlich stellten Christoph und ich uns die Frage, was und in welcher Form wir unseren Studierenden weitergeben wollen. Wir glauben, dass der Zugang zur Architektur über die gebaute Architektur geschieht. Es geht um das Verstehen und Begreifen der Gebäude, die wir sehen und erleben können. Und ich glaube, es gibt so etwas wie eine ideale Architektur. Ideal heisst nicht einfach schön oder erstrebenswert, sondern bedeutet für uns, dass Architektur immer auf einer Idee beruht. Also brauchen wir eine Art Repertoire. Daraus leiten sich Fragen der Form, der Komposition und weitere architektonische Prinzipien ab. Am Ende geht es dann um die Konfrontation einer architektonischen Idee mit dem Hier und Jetzt, mit den Herausforderungen einer zeitgenössischen Gesellschaft. An diesem Punkt der Konfrontation mit der Realität wird Architektur relevant – und politisch. So versuchen wir systematisch zu vermitteln, dass es am Ende nicht nur um Form, Raum und Struktur geht, sondern immer um einen Ort, wo gelebt wird. Das Handwerk ist dabei die Grundlage. In diesem Sinne vertreten wir eine klassische Lehre mit durchaus universalistischem Anspruch. ”
Von 2000 bis 2005 warst du Oberassistent am ETH Studio hier in Basel bei den Professoren Roger Diener, Jacques Herzog, Pierre de Meuron und Marcel Meili. Das ETH Studio gibt es inzwischen nicht mehr. Inwiefern war diese Zeit für dich prägend?
“Für mich war das eine wichtige Zeit. Es wurde vor allem sehr viel und sehr offen diskutiert. Zu Beginn hatte ich vor allem zugehört – und dabei enorm viel gelernt. Es war ein grosses Privileg, dabei zu sein. Die Bedeutung des ETH Studios kann man gar nicht genug hoch einschätzen.”
Architektur Basel im Gespräch mit Emanuel Christ © Armin Schärer / Architektur Basel
Inwiefern ist die Schliessung des ETH Studios ein Verlust? Und war es jemals ein Thema, dass ihr das Studio hättet übernehmen können?
“Ja, das ist ein Verlust. Die Frage stand tatsächlich einmal im Raum, ob wir das Studio übernehmen könnten. Für die ETH war es jedoch bereits abgeschrieben. Ausserdem hatten wir uns als Professoren für den Zweitjahreskurs beworben. Für uns stellte sich zudem die Frage, ob das Studio überhaupt etwas Neues werden könnte – oder ob es eher darum ginge, ein grosses Erbe fortzuführen. Dann stünde man immer mit einem halben Bein in der Vergangenheit, was wir schwierig fanden. Wir hätten eine starke Erneuerung angestrebt; leider war das nicht möglich. Ein Thinktank der ETH zu städtebaulichen Fragen in Basel wäre auf jeden Fall wünschenswert, und ich kann mir gut vorstellen, dass wir wieder einmal etwas in dieser Art machen werden. Es braucht dazu ein paar engagierte Personen. Denn in Sachen Infrastruktur ist das ja keine grosse Sache. Es reicht, lediglich eine Etage zu mieten. Wir versuchen bei unseren Semesteraufgaben immer wieder Fragestellungen in Basel zu bearbeiten. Die Stadt ist ein grossartiges Labor. Im letzten Semester haben wir eine Aufgabe im Klybeck vorbereitet, wo es darum ging die bestehenden Gebäude neu zu interpretieren. Das stiess bei den Studierenden auf eine grosse Resonanz. Wir machen es uns zur Aufgabe, in der Lehre ein kleines Kapitel zur Basler Planungsgeschichte beizutragen.”
"Es geht nicht darum, die Dinge 1:1 zu kopieren. Etwas, das in Neu-Delhi perfekt funktioniert, kann nicht direkt im Schweizer Kontext angewandt werden. Es braucht immer eine Übersetzungsarbeit."
Architektur Basel im Gespräch mit Emanuel Christ © Armin Schärer / Architektur Basel
Seit 2010 bist du zusammen mit Christoph Gantenbein Professor an der ETH. Mit der Methode des Typologie-Transfers untersuchst ihr dabei das Potential von existierenden Grossstadt-Architekturen auf ihr Potential als Bausteine einer nachhaltigen, dichten und urbanen Stadt der Zukunft. Welche Typologie-Transfers würden sich für Basel besonders anbieten?
“Konkret hatten wir es einmal mit Typen aus Paris getestet. Das war ziemlich erfolgreich. Tatsächlich ist es so, dass viele Typen und städtebauliche Muster auch in unseren Breitengraden angewandt werden könnten. Für uns sind Typologien Ideen, die reisen können. Es geht nicht darum, die Dinge 1:1 zu kopieren. Etwas, das in Neu-Delhi perfekt funktioniert, kann nicht direkt im Schweizer Kontext angewandt werden. Es braucht immer eine Übersetzungsarbeit. Wenn man über Typen redet, reden wir über Grundrissorganisation, Erschliessungsprinzipien und nicht zuletzt über den Umgang mit dem Tageslicht. Ein Haus in New York in einem Kontext hoher Dichte, muss sich so verhalten, dass es zu Luft und Licht kommen kann, zum Beispiel mit Einschnitten oder Rücksprüngen. In anderen Klimazonen stehen die Verschattung und die Ventilation im Vordergrund, in Hongkong oder Indien haben wir diesbezüglich spannende Beiträge gesehen. Oder auch in Athen, wo ein mediterraner Bautyp existiert, der dank einer durchgehenden Balkonschicht ein Zwischenklima schafft. So etwas könnte auch in Basel sinnvoll sein. Stadtgrün ist allgemein ein wichtiges Thema, das auf das städtische Mikroklima einen grossen Einfluss hat. Die Begrünung der Stadt wird in Zukunft sicher ein Thema sein.”
"Tropical Basel", Semesterarbeit von Sébastien Fischer und Noah Schweizer, Frühlingssemester 2020 © Studio Christ & Gantenbein, ETH Zürich
Und wie erprobt ihr das konkret in der Lehre?
“Letztes Semester haben wir uns mit Basel und seiner Zukunft beschäftigt. Ein Thema hiess “Tropical Basel”, wo wir davon ausgingen, dass sich das Klima im Durchschnitt 2.5 Grad erwärmen wird. Es war äusserst interessant. Die Studierenden hatten auf tropische und subtropische Typen zurückgegriffen. Ein konventioneller, bestehender Wohnungsbau wurde beispielsweise zum Greenhouse überformt. Eine Gruppe hat Windtürme zur Abkühlung, wie wir sie aus dem Iran kennen, nach Basel gebracht. Das ergab eine wunderbare Dachlandschaft. Dies ist ein Beispiel eines direkten Typolgietransfers. Migration war ebenfalls ein Thema. Wie wäre es, wenn zehnmal mehr Menschen in Basel leben würden? Da ging es dann um Verdichtungszenarien wie Aufstockungen et cetera.”
"Die Einsicht, dass die architektonische Form direkt von ökonomischen und soziologischen Faktoren abhängt, ist bei den Studierenden sehr präsent. Wenn vor ein paar Jahrzehnten die Aura des jeweiligen Professors vielleicht prägender war, so gibt es heute einen stärkeren kollektiven Spirit."
Sind die Studierenden heute politischer als vor 25 Jahren, wo du selbst studiert hattest?
“Ich nehme die Studierenden als äusserst engagiert wahr. In meinen Augen sind sie politischer, als wir es waren. Bei der Diskussion über die Herausforderungen unserer Städte spüre ich ein grosses Engagement aus einem echten Interesse heraus. Die Einsicht, dass die architektonische Form direkt von ökonomischen und soziologischen Faktoren abhängt, ist bei den Studierenden sehr präsent. Wenn vor ein paar Jahrzehnten die Aura des jeweiligen Professors vielleicht prägender war, so gibt es heute einen stärkeren kollektiven Spirit. Das finde ich sehr positiv. Oder empfindest du das anders?”
"Tropical Basel", Semesterarbeit von Sébastien Fischer und Noah Schweizer, Frühlingssemester 2020 © Studio Christ & Gantenbein, ETH Zürich
Nein. Ich würde dir da beipflichten. Insbesondere das Bewusstsein für Fragen der ökologischen Nachhaltigkeit hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Daraus leitet sich konsequenterweise auch ein stärkeres politisches Bewusstsein ab. Für das Verständnis der Architektur kann das nur von Vorteil sein.
“Absolut. Und ich empfinde es als ein Privileg, als Professor in diese Diskussionen eingebunden zu sein. Auf jeden Fall leben wir in einer Zeit, wo vieles in Bewegung zu kommen scheint.”
Interview: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Fotos: Armin Schärer / Architektur Basel
Teil 1 > Emanuel Christ: „Unsere westliche Gesellschaft basiert auf der Idee des Wachstums“
Teil 2 > Emanuel Christ: „Das ist ein wunder Punkt bei uns Architekten“