„Es wird etwas gemacht, aber nicht besonders viel und auf jeden Fall nicht genug oder das Falsche“

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Der Klimawandel war ohne Zweifel das bestimmende politische Thema im vergangenen Jahr. ArchitektInnen haben sich diesbezüglich bisher jedoch eher zurückhaltend bis gar nicht geäussert. Damit soll Schluss sein. Mit dem „Countdown 2030“ hat sich eine Gruppe von ArchitektInnen und PlanerInnen formiert, die der Architektenschaft und allen am Bau Beteiligten „die Auswirkungen ihres beruflichen Handelns auf den Klimawandel bewusst machen“ möchte. Der Bausektor sei ein entscheidender Faktor in Sachen Klima, sagen die Initianten. Bauten und ihr Betrieb sind für rund 40 % des CO2-Ausstosses verantwortlich und haben damit einen direkten Einfluss auf den Klimawandel. Was heisst das für die Architektur? Darüber haben wir uns mit Architekt und Mitinitiant Jakob Schneider unterhalten.

Architektur Basel: Zuallererst interessiert uns natürlich, wer hinter dem Countdown 2030 steckt? Und zweitens: An wen richtet er sich?
Jakob Schneider: „Countdown 2030 ist eine Gruppe von ArchitektInnen und PlanerInnen, die der Architektenschaft und allen am Bau Beteiligten die Auswirkungen unseres beruflichen Handelns auf den Klimawandel bewusst machen möchte. Wir stellen fest, dass das Thema in der Fachpresse, in der Lehre sowie in der Praxis zu wenig Beachtung findet. Und dies, obwohl Gebäude und Infrastruktur heute rund 40 % bis 50% der europäischen Treibhausgasemissionen verursachen und damit einen direkten Einfluss auf den menschengemachten Klimawandel haben. Nach wie vor werden Objekte und Anlagen prämiert und in der Fachpresse sowie an Hochschulen anerkennend diskutiert, die weder nachhaltig sind noch die Biodiversität genügend fördern. Und das, obwohl man nach heutigem Stand der Wissenschaft weiss, dass die Schäden nach 2030 irreparabel sein werden. Der Countdown läuft.“

Zeit bis 2030? Die Uhr beim S AM tickt unaufhaltsam… © Countdown 2030

Das tönt dramatisch. Was soll mit der Aktion konkret bewirkt werden?
„Unser erstes Ziel ist es, zum Handeln aufzurufen. Deshalb installieren wir über dem Eingang des S AM ab dem 1. Januar 2020 einen Countdown, der die nächsten zehn Jahre herunterzählt. Denn die kommende Dekade muss genutzt werden, um die negativen Folgen des Klimawandels so weit wie möglich einzudämmen und der Bevölkerung eine nachhaltigere Lebensweise zu ermöglichen.“

Und weshalb braucht es dazu einen Countdown?
„Der Countdown verdeutlicht die zeitliche Dringlichkeit des Problems und trägt unser Anliegen in die Öffentlichkeit. Während der nächsten zehn Jahre wandert er an verschiedene Standorte in der Schweiz und wird mit seiner Präsenz die jeweiligen Institutionen oder Firmen anregen, ihre Geschäftspraxis in Bezug auf den Klimawandel zu hinterfragen und zu verändern. Der erste Standort am S AM und der Kunsthalle ist in der Öffentlichkeit sehr präsent und beide Institutionen haben sich zu unseren Zielen bekannt. In weiteren Aktionen wollen wir die grössten Hebel in Bezug auf Architektur und Nachhaltigkeit aufzeigen. Dieses Wissen ist vorhanden, es ist jedoch unter Planenden noch nicht ausreichend bekannt. Auch wir stehen hier noch am Anfang und eignen uns mithilfe von Fachleuten die wichtigsten Grundlagen an. Ist es wirklich nachhaltiger, ein Gebäude aus Holz statt aus Beton und Backstein zu bauen? Was sind Kriterien der Nachhaltigkeit? Was können wir als Architektinnen und Architekten hier tun und wie beraten wir unsere Bauherrschaft?“

Das sind zweifellos wichtige Fragen. Und dennoch: In der Baubranche wurde punkto Energieeffizienz schon viel gemacht. Inwiefern müssen wir Planende uns dennoch stärker anstrengen?
„In diesem Punkt widersprechen wir. Es wird etwas gemacht, aber nicht besonders viel und auf jeden Fall nicht genug oder das Falsche. Das Ziel der CO2-Neutralität soll bereits beim Planungsbeginn eine Rolle spielen. Dies betrifft den Städtebau ebenso wie die Architektur. In unserer Erfahrung als bauende Architektinnen und Architekten ist die Nachhaltigkeit in Wettbewerbsausschreibungen, in Jurys, in der Lehre und im Alltag nur am Rande ein Thema. Zum Beispiel müsste ein späteren Umbau oder auch der Rückbau schon von Anfang an mitgedacht werden.“

Baustelle Baloise Park Ost von Valerio Olgiati © Daisuke Hirabayashi

Nachhaltig Bauen in Stahlbeton? Blick auf die Baustelle Baloise Park Ost von Valerio Olgiati © Daisuke Hirabayashi

In einer direkten Demokratie werfen solch symbolische Aktionen immer gewisse Fragen auf: Wie leitet man daraus eine konkrete, politische Massnahme ab? Sollte nicht eher eine konkrete Initiative lanciert werden?
„Symbolische Aktionen können durchaus zu konkreten politischen Massnahmen führen, man denke nur an die Schulstreiks von Greta Thunberg. Ihre eigentlich simple Aktion hat Millionen auf der Welt politisiert und über Wahlen, Initiativen und Vorstösse die Gesetze direkt beeinflusst. Wir haben uns eben erst gegründet und wissen noch nicht wie wir unsere Nachhaltigkeitsziele konkret erreichen und lancieren einen ergebnisoffenen Prozess. Mittels interdisziplinärem Austausch wollen wir Mittel und Wege finden, um in erster Linie den eigenen Handlungsspielraum voll ausschöpfen zu können. Gesucht sind Lösungsprinzipien, die neben den sozialen und ökonomischen Anforderungen insbesondere auch die ökologischen berücksichtigt werden. Erst wenn die eigenen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, können glaubhaft weitere Forderungen gemäss einer “best practice” formuliert und über Initiativen in die Gesellschaft getragen werden. Mögliche Ansätze für politische Forderungen findet man bei der Grazer Deklaration SBE19, den architects for future, bei architects declare und in diversen wissenschaftlichen Studien. (siehe Links am Ende des Artikels) Wir machen die Erfahrung, dass der Grossteil der Architekten sich noch nicht genügend mit der Thematik auseinandergesetzt hat und da schliessen wir uns nicht aus. Das wollen wir ändern.“

Holzgerüst und Pferdegespann: Blick auf die Baustelle im Jahre 1920 © Siedlungsgenossenschaft Freidorf

Rückblick auf die alte Einfachheit des Bauens: Holzgerüst und Pferdegespann auf der Freidorf-Baustelle in Muttenz vor 100 Jahren © Siedlungsgenossenschaft Freidorf

„Bauen heisst Zerstörung“, pflegt Luigi Snozzi zu sagen. Oder umgekehrt: Das nicht gebaute Haus ist das energiesparendste. Wie lösen wir Architekten uns von diesem grundsätzlichen Widerspruch des Bauens?
„Wir befürchten nicht, dass uns die Arbeit ausgeht. Und auch Energie ist genügend vorhanden – sobald diese erneuerbar produziert wird und eine zirkuläre Wirtschaft nicht bloss Utopie bleibt, kombiniert mit raumplanerisch definierten Baugrenzen, ist dieser Widerspruch Geschichte.“


Weitere Infos zum Countdown 2030 auf folgenden Kanälen >
https://countdown2030.ch/
https://www.facebook.com/countdown2030
https://www.instagram.com/countdown_20_30/
https://twitter.com/countdown_20_30

Schweizer Aufruf zum Klimawandel und Biodiversität jetzt hier unterzeichnen: ch.architectsdeclare.com/

Interview: Lukas Gruntz / Architektur Basel


Quellenverzeichnis:
01 > https://www.tugraz.at/fileadmin/user_upload/tugrazExternal/570da940-43c8-4fcc-98c3-01b8c77c6316/Graz_Declaration_DE.pdf
02 www.architects4future.de
03 ch.architectsdeclare.com
04 IPCC sr15 und
https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/1410/publikationen/2019-10-29_texte_132-2019_energieaufwand-gebaeudekonzepte.pdf

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