Literatur 30.04.25
«Feed the City» zeigt auf, welchen Einfluss Ernährung und Lebensmittelproduktion auf die Architektur hat.

«Feed the City» zeigt auf, welchen Einfluss Ernährung und Lebensmittelproduktion auf die Architektur hat.

«Feed the City» – Vom Silo bis zum Hafenkran: Architekturen für die Ernährung

Direkt an der Limmat gelegen prägt es die Silhouette von Zürich. Ein riesiges Bauwerk aus Beton. Dabei handelt es sich um ein Getreidesilo. Mit 118 Metern das höchste der Welt – und entscheidend für die Ernährung der Schweiz. Es ist eines von vielen Bauwerken, die in irgendeiner Form mit der Herstellung, dem Transport oder der Lagerung von Lebensmitteln zu tun haben. In «Feed the City» widmet sich das Institut Architektur der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW diesen Architekturen. Getreide wurde früher auch gelagert, allerdings in wesentlich dezentraleren kleinen Speichern. Man kennt die Typologie aus dem Alpenraum. Im Laufe der Zeit ging man dazu über, Getreide in grösseren sogenannten Kornhäusern in zentralen Ortschaften oder Städten zu lagern. Neben Getreide gabs da beispielsweise auch Wein, Salz oder Butter. Mit dem Einsetzen der Industrialisierung hat sich dies verändert. Lebensmittel werden nicht mehr gänzlich vor Ort aus lokalen Rohstoffen hergestellt, sondern dezentral produziert und transportiert. Spätestens mit der Globalisierung sind die klassischen innerstädtischen Lagerhäuser grossen Hafenkränen und Transportterminals an Logistikstandorten gewichen. Was wiederum teilweise blieb oder andernorts neu entstand, ist die hochtechnisierte spezialisierte Lebensmittelindustrie mit ihren ganz eigenen Bauwerken. Aber auch im Verkauf an die Konsument:innen hat sich einiges getan: was früher die Markthalle war, sind heute die Supermärkte.
Viel Text und Grafiken – verschiedene Essays fokussieren die einzelnen Themenbereiche.

Viel Text und Grafiken – verschiedene Essays fokussieren die einzelnen Themenbereiche.

«Die Zusammenhänge des Nahrungssystems sichtbar zu machen ist wichtig und hat durchaus auch einen didaktischen Hintergrund: erst wenn wir die Zusammenhänge sehen und verstehen, können wir uns eine Meinung bilden, kritisch hinterfragen und allenfalls unser Verhalten ändern.» (Ursula Hürzeler & Shadi Rahbaran)

  Den Fokus auf Basel, lässt sich diese Entwicklung genauso beobachten. Wurde im Baselbiet früher grossmehrheitlich Getreide angebaut, so änderte sich dies mit dem Wachsen der Stadt und den eidgenössischen Subventionszahlungen. Die Landwirtschaftsbetriebe stellten nach und nach auf Milchproduktion um. Bereits um 1920 lieferte das Baselbiet rund 25'000 Liter Milch in die Stadt. Die Milchwirtschaft war allerdings weniger arbeitsintensiv, worauf viele eine neue Anstellung in der um diese Zeit wachsende Industrie in der Stadt fanden. Mit der Globalisierung sind diese Arbeitsplätze dann aber wieder verschwunden, dafür hat sich in Basel die Pharma ausgebreitet. Bis heute. Insgesamt hat im Laufe der Zeit über die gesamte Region eine Verschiebung der klassischen Wirtschaftssektoren stattgefunden. Die jeweils benötigten Infrastrukturen sind heute nicht mehr hier, oder umgenutzt, umgebaut. Beispielhaft für Basel ist etwa das Hafenareal auf Grossbasler Seite. Wo früher Schiffe gelöscht oder beladen wurden, führt heute ein Uferweg nach Frankreich. Dahinter der Novartiscampus. Das Bernoullisilo auf der anderen Rheinseite ist noch in Betrieb und geschützt.
Die Veränderungen gehen auch nicht am Birsmattehof in Therwil vorbei: der Plan zeigt eine teilweise Umnutzung des Hofgebäudes

Die Veränderungen gehen auch nicht am Birsmattehof in Therwil vorbei: der Plan zeigt eine teilweise Umnutzung des Hofgebäudes

Die klassische Landwirtschaft existiert aber nach wie vor. Tendenziell sind die Betriebe jedoch weniger, dafür grösser geworden. Man organisiert und spezialisiert sich. Doch wieviel wirft ein solcher Hof überhaupt ab? Diese Frage stellt sich «Feed the City» und besucht einen Hof in Buus: wie ernährt man 316 Personen mit 2,3 Arbeitskräften? Neben diversen Beschrieben listet eine Tabelle jedes einzelne Produkt von Hühnereiern über Milch bis Fleisch auf und quantifiziert, welcher Bedarf damit jeweils gedeckt wird.  

«Der Lebensmittelkreislauf ist jenseits des Konsums im Stadtalltag wenig sichtbar. Nur wer frühmorgens oder spätabends in der fast leeren Stadt unterwegs ist, bekommt etwas mit von Lieferkette und Logistik, aber auch von der Entsorgung, die trotz der immens grossen Menge an weggeworfenen Nahrungsmitteln und Nahrungsmittelresten eher im Verborgenen stattfindet. Plötzlich fallen Hintertüren, befahrbare Vorplätze und Anlieferungen auf, die in der tagsüber belebten Stadt unbemerkt bleiben.» (Frederike Kluge)

  Es gibt bereits seit längerem Tendenzen, sich bewusster und nachhaltiger zu ernähren. Das bedeutet vor allem: die Zutaten sollten möglichst kurze Transportwege aufweisen, also lokal angebaut und verarbeitet werden. Dasselbe gilt sowohl für Gemüse als auch für tierische Produkte. Die Publikation zeigt dies am Beispiel des Birsmattehofs in Therwil. Pro Woche liefert der Birsmattehof 16-20 Tonnen Gemüse aus. Dieses wird in Form von Gemüsekörben in Abhol-Depots in die ganze Stadt transportiert. Derzeit beziehen über 3'600 Abonnent:innen ihr Gemüse über diesen Vertriebsweg. Zusätzlich bedient der Hof 10 Wochenmärkte in der Region.
Anliefern und Entsorgen – zwei Vorgänge, die im Alltag meist unsichtbar sind. Aber dennoch benötigen sie entsprechende Infrastruktur

Anliefern und Entsorgen – zwei Vorgänge, die im Alltag meist unsichtbar sind. Aber dennoch benötigen sie entsprechende Infrastruktur

«Feed the City» thematisiert neben den Themenblöcken 'Landwirtschaft und Produktion', 'Logistik und Lagerung' und 'Verarbeitung und Konsum' aber auch den Bereich 'Entsorgung und Weiterverwendung' und hebt Bauten hervor, die im Alltag nicht an vorderster Front stehen. Abfallpressen, Recyclinganlagen oder die klassischen «Hinterhöfe», von denen man in der Regel wenig mitbekommt. Zwischen zwei Softcoverbuchdeckeln bringt uns das Institut Architektur auf 284 Seiten Konzepte, Strategien und Architekturen in Zusammenhang mit Ernährung näher. Einige Texte und Interviews stammen aus dem Symposium «Feed the City, Architekturen für ein zukunftsfähiges Ernährungssystem» vom Herbst 2023. Ein Architekturbuch ist es nicht, aber auch kein Fachbuch, vielleicht ein Sachbuch; jedenfalls etwas dazwischen. Es liefert viele Ansätze und Betrachtungen, die einen dazu bringen können, sich vertieft mit einer Thematik auseinanderzusetzen. Neben viel Text finden wir Fotografien und ein paar Pläne.  

«Der grösste Fehler des Kapitalismus besteht darin, dass er die Grundlage dessen zerstört, was uns wichtig ist, um einer Abstraktion namens Reichtum nachzujagen, die uns Glück bringen soll. Wir stehen am Ende des von fossiler Energie getriebenen kapitalistischen Experiments und haben die Gelegenheit, die Prioritäten neu zu setzen.» (Carolyn Steel)

  In diesem Zusammenhang muss auch das Jahrbuch 2024 des Instituts Architektur erwähnt werden. Unter demselben Titel «Feed the City» zeigt es studentische Arbeiten im Universum der Ernährung. Konkret wurde im Bachelor und Master die Prämisse gestellt, dass eine erneuerte, nachhaltige Lebensmittelversorgung zukünftig kleinteiliger, regionaler und ökologischer sein wird. Das wirft nicht nur raumplanerische, sondern auch logistische und bauliche Fragen auf. Ziel ist es, dabei den gesamten lokalen Stoffkreislauf zu berücksichtigen. Text: Simon Heiniger / Architektur Basel

Feed the City Konzepte, Strategien, Architekturen

FHNW Institut Architektur Humpert, Axel; Lenherr, Barbara; Seidel, Tim (Hg.) 284 Seiten, 142 meist farbige Abbildungen gebunden, 18 × 24cm © 2024 Christoph Merian Verlag, Basel ISBN: 978-3-03969-034-3 CHF 39.- / EUR 38.-


sowie:

Feed the City Institut Architektur / Jahrbuch 2024 www.iarch.ch

FHNW Institut Architektur (Hg) Lehnherr, Barbara Auflage: 900 Exemplare © 2024 Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW Hochschule für Architektur, Bau und Geomatik ISBN: 978-3-905747-38-6