Feingliedrige 50er-Jahre Architektur: das Kantonsspital in Liestal – ein Rück- und Ausblick.

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Bis 2024 hätten die Gebäude des Kantonsspitals Baselland in Liestal um einen neuen Behandlungstrakt ergänzt werden sollen. Nach der gescheiterten Spitalfusion steht das Kantonsspital Baselland allerdings vor einer ungewissen Zukunft. Im schlimmsten Fall droht dem 1962 gebauten Spitalgebäude nach dem Entwurf der Architekten Rudolf Steiger und Hermann Fietz der Abriss – denn unter Denkmalschutz steht es nicht. Ein Rück- und Ausblick.

Grosse Nachfrage
Dem ehrenamtlichen Engagement des in Rünenberg geborenen Armeninspektors Martin Birmann und seinen finanzkräftigen Adoptiveltern ist es zu verdanken, dass Liestal 1877 sein erstes richtiges Spital erhielt. Trotz stetem Bettenmangel in den Vorgängerspitälern – insbesondere dem hufeisenförmigen «Pfrundhaus» von Architekt Benedikt Stehle – sah sich der Kanton erst finanziell nicht in der Lage, Abhilfe zu schaffen. Birmanns privat initiierte Planung fand schliesslich Gehör. Der Neubau ist gelungen und nötig, wird aber bald selbst umgebaut und erweitert. Um die Jahrhundertwende wuchs Liestal zunehmend und somit sah sich der Kanton abermals vor der Herausforderung der Spitalplanung. 1954 errichtete man aus Not ein Provisorium, es wurde erst gar erwogen, das 1895 durch Rudolf Lindner erbaute Sanatorium Erzenberg in Langenbruck in das Spitalsystem einzuschliessen. 1957 vergab der Kanton den Auftrag zum Bau eines neuen Kantonsspitals an die Architekten Rudolf Steiger und Hermann Fietz.

Süd-Ost-Ansicht, im Vordergrund die achteckige Spitalkapelle, Liestal 1962, STABL_PA_6292_01.503, Fotosammlung Seiler Arnold und Junior, Liestal, Staatsarchiv Basel-Landschaft

Süd-Ost-Ansicht, im Vordergrund die achteckige Spitalkapelle, Liestal 1962, STABL_PA_6292_01.503, Fotosammlung Seiler Arnold und Junior, Liestal, Staatsarchiv Basel-Landschaft

Schmale Gebäudekörper
Die 1962 eröffnete erste Spitalanlage im Nordwesten Liestals vis-à-vis des Birmann-Spitals besteht aus einer Bettenstation, einer Verwaltung, einem Küchentrakt und einer Operationsabteilung. Dazu gehörte eine Zentralwäscherei, ein Fernheizkraftwerk, ein Schwesternhaus und eine Spitalkapelle. Mit Ausnahme zweier Personalhäuser als Solitärbauten sind sämtliche Funktionseinheiten miteinander verbunden. Aus wirtschaftlicher Sicht – und heute zumindest aus energetischen Gründen – würde man ein kompaktes Volumen erwarten. Steiger und Fietz waren da wohl anderer Ansicht; ihr Entwurf sah eine diagonale und parallel versetzte Anordnung der verschiedenen, unterschiedlich hohen Gebäudeteile vor. Dank der schmalen Gebäudekörper haben sämtliche PatientInnen-Zimmer, aber auch jene des Personals eine Süd-Ost- bis Süd-West-Ausrichtung mit natürlicher Belichtung und Blick in die Gartenanlage. Trotzdem ist das Krankenhaus durchaus rational organisiert. In den Drehachsen der Gebäudeteile öffnen sich die teils rückseitig belichteten Gänge und erschliessen horizontal andere Bereiche, etwa die achteckige Spitalkapelle im südöstlichen Teil des Erdgeschosses direkt im Garten oder vertikal mit Treppen und Liften die weiteren Geschosse.

Spitalbau von Rudolf Steiger und Hermann Fietz (1962), Normalgeschoss

Spitalbau von Rudolf Steiger und Hermann Fietz (1962), Normalgeschoss

Feingliedrige Fassade
Das Prinzip des Ineinanderschiebens und Abwinkelns findet sich in der Gestaltung der Fassade wieder. Die Fensterpartien sind leicht vorstehend, während die Fensterflucht in den Drehachsen teils etwas zurückspringt. Die Balkone führen Steiger und Fietz über Eck. Die Fenster und Fenstertüren in diesen Bereichen sind wiederum versetzt – im selben 45°-Winkel wie auch schon die Gebäude selbst. Zusammen mit der Anordnung der Gebäude ergibt sich daraus eine sehr feingliedrige, wie auch detaillierte, aber trotz Wiederholungen durchaus lebendige Fassade. Im historischen Umfeld der 1866 erbauten Villa Gauss – Bauherr war wiederum Martin Birmann – und des Berrigutes 1763 aus der Feder von Samuel Ryhiner-Werthemann wirkt das Spitalgebäude mit seinem dichten Raumprogramm aber keineswegs dominierend; zwischen der durch Samuel Eigenheer geplanten Gartenanlage mit hohen Bäumen, einem künstlich angelegten Wasserbecken und einem Wegesystem und den beiden Villen herrscht weitestgehende Harmonie. Farblich bewegen sich die Fassaden der Villa Gauss mit ihren hellgelben Gewänden, das Berrigut mit seinen hellblauen Fensterläden und Gesimse, als auch das neue Kantonsspital mit vertikalen Fassadenteilen in angenehmem Rosa und horizontalen Unterteilungen und Balkonstirnen in weiss – das Dach der Spitalkapelle in kupfergrün – in einem zurückhaltenden Pastellspektrum.

 

Könnens gut zusammen: Spital und Villa Gauss, Liestal, 2018 © Architektur Basel

Könnens gut zusammen: Spital und Villa Gauss, Liestal, 2018 © Architektur Basel

Erweiterung durch Suter + Suter
Diese gelobte Harmonie und Einheit verliert sich mit den Erweiterungsbauten 1979-1984 durch die Architekten Suter + Suter und 1993-2002. Die diversen Anbauten im Nordosten, sowie ein zehnstöckiges Bettenhaus nach Norden verhalten sich zwar grösstenteils nach den Regeln der diagonalen Anordnung, füllen die Freiräume zwischen den verschiedenen Trakten aber empfindlich auf. Konsequenterweise gilt dies auch für die Fassaden. Die Neubauten kommen mit einer wesentlich flächigeren Gestaltung der Fenster daher. Das Ensemble verliert seine rückseitige Ansicht, der Blick durch die Bäume von der Rheinstrasse her, flankiert mit Villa Gauss und Berrigut indes bleibt ungetrübt. Während die beiden Villen im Inventar der Denkmalpflege Basellandschaft Schutzstatus geniessen, so findet sich der Originalbau von Steiger und Fietz immerhin mit Würdigung im Inventar der schützenswerten Objekte. Die späteren Erweiterungen bis 2002 sind nicht klassifiziert.

Die Erweiterung (hinten links) wirkt deutlich flächiger, Liestal, 2018 © Architektur Basel

Die Erweiterung (hinten links) wirkt deutlich flächiger, Liestal, 2018 © Architektur Basel

Umbau – oder doch Abriss?
Die Geschichte wiederholt sich; das in die Jahre gekommene Spitalgebäude muss erweitert werden. 2016 ist ein dafür ein zweistufiger Wettbewerb für einen Ergänzungsneubau mit neuem Hauptzugang, einer Notfall- und Operationsabteilung inklusive Intensivstation und Radiologiezentrum ausgeschrieben worden. Unter fünf Generalplaner-Teams ging der Beitrag der Metron Architektur AG aus Brugg als Sieger hervor. Der Entscheid der Fachjury zur Weiterbearbeitung des Umbauprojekts fiel im November 2018. Inzwischen ist klar: nichts ist klar! Das Nein zur Spitalfusion im Februar 2019 stürzt das Kantonsspital Baselland in eine ungewisse Zukunft. Was ist zu tun? Der Kanton scheint ratlos. Irgendwie kommt einem diese Situation bekannt vor? Als Martin Birmann der Gegenwart präsentiert sich alsbald die Ärztegesellschaft Baselland. Ginge es nach ihr, sollten die Standorte Liestal und Bruderholz zugunsten eines Neubaus im Gebiet Salina Raurica in Pratteln geschlossen werden. Die dafür veranschlagten 600 Millionen Franken (Der Neubau in Liestal sollte 150 Mio CHF kosten) sollen unter anderem durch Private und durch den Verkauf der Standorte Liestal und Bruderholz aufgebracht werden. Geht es nach den Initiatoren, soll mit dem Bau des neuen Standorts frühestens 2023 begonnen werden. Fertiggestellt soll das Spital dann 2027 sein. Ein konkretes Projekt allerdings ist noch nicht vorhanden. Ein Architekturwettbewerb wäre wohl unumgänglich. Die Ärztegesellschaft hat ihr Konzept dem Regierungsrat überwiesen, dieser möchte sich bis Ende September dazu äussern.

Was bedeutet das alles aber für das Gebäude von Steiger und Fietz? Sollte das Spital nach Pratteln ziehen, hätte der Kanton endlich Räumlichkeiten gefunden, um seine Verwaltung zu bündeln – nun nachdem diese doch nicht ins geplante Hochhaus am Bahnhof Liestal kommen sollen. Nebenbei: das Kantonsspital Baselland hatte 2017 ebenfalls Interesse bekundet, am neuen Bahnhof Liestal ein Gesundheitszentrum zu eröffnen. Bis ein möglicher Standort Salina Raurica fertiggebaut wäre, müsste zumindest der Standort Liestal noch in Betrieb bleiben; so schnell müssen wir uns vom eingängigen 50er-Jahre-Bau also nicht verabschieden – wenn überhaupt…

Text: Simon Heiniger / Architektur Basel


Kantonsspital Liestal
Adresse: Rheinstrasse 26, 4410 Liestal
Haupttrakt: Rudolf Steiger, Hermann Fietz
Fernheizkraftwerk: Steiger, Fietz, zusammen mit Wurster & Huggel
Schwesternhaus: Steiger, Fietz, zusammen mit Arnold Gürtler und Wilhelm Zimmer
Gartenanlage: Samuel Eigenheer
Bauzeit: 1958-1962
Erweiterung Schwesternhaus: 1979-1984, Suter & Suter
Erweiterungen: 1995-1998 (Suter + Suter), 1993-2002
Wettbewerb Neubau: 2016-2018, Metron Architektur AG (Siegerprojekt)
Funktion: Krankenhaus


Fotos:
– © Simon Heiniger / Architektur Basel
– Online-Archiv, Staatsarchiv Baselland
Quellen:
– Hasche, K. & Hanak, M. (2010), Bauten im Baselbiet: eine Architekturgeschichte mit 12 Spaziergängen, Schwabe AG, Basel. ISBN: 978-3-7965-2664-0
– Affolter, C. im Auftrag der Denkmalpflege BL (2003), Bauinventar Kanton Basel-Landschaft BIB, Gemeinde Liestal
– Planpartner AG (2018) Bericht des Beurteilungsgremiums «Studienauftrag Neubau Behandlungstrakt» Kantonsspital Baselland, Standort Liestal

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