Hans Schmidt: Ein Basler Architekt in Stalins Reich

0

5. Oktober 1930. An diesem Tag stürzte sich das Basler Ehepaar Lili und Hans Schmidt in ein grosses Abenteuer. In Basel setzten sich die beiden in den Zug nach Fernost. Die Destination trug den Namen der damals für die Linke grössten Verheissung auf eine bessere Zukunft: Moskau. Im Gepäck hatten die beiden ambitionierte Ziele. Sie wollten die Sowjetunion beim Aufbau ihrer Industriestädte tatkräftig unterstützen. In der kürzlich erschienenen Publikation „In Stalins Reich“ zeichnet Jürg Düblin diese eindrückliche Geschichte nach – vom verheissungsvollen Beginn bis zum bitteren Ende.

Hans Schmidt: In Stalins Reich © Verlag Scheidegger & Spiess

Mit der Gruppe May im Transsibirienexpress nach Moskau
Das Ehepaar Schmidt – sie gelernte Grafikerin und Schaufensterdekorateurin; er Architekt von Beruf – trafen beim Zwischenhalt in Berlin auf die weiteren Mitglieder der sogenannten „Gruppe May“ rund um den deutschen Architekten Ernst May. Zur Gruppe gehörte unter anderem auch Margarete Schütte-Lihotzky, die Erfinderin der revolutionären Frankfurter Küche, die sich folgendermassen an die Zugfahrt nach Moskau erinnert: „Möbel und Hausrat füllten zwei Gepäckwagen, die unseren folgten (…) Zwei Tage und zwei Nächte Eisenbahnfahrt lagen vor uns.“ Die Gruppe umschwebte eine Mischung aus Euphorie, Vorfreude und Aufregung. Schütte-Lihotzky beschreibt, wie sie auf Initiative von Gruppenmitglied Mart Stam ein Papier unterzeichneten, worin sie sich alle dazu verpflichteten, ihre künftigen Entwürfe und Pläne nicht mehr individuell zu unterzeichnen. „Der persönliche Name soll nicht mehr als solcher erscheinen, das Individuum muss sich ganz dem Kollektiv einordnen.“ Drei Tage nach der Abfahrt in Basel erreichen die Schmidts schliesslich Moskau. Hans Schmidt beschreibt die Ankunft folgendermassen: „Das Häuflein der Auswanderer steht, nach langer Fahrt durch die gleichförmigen Ebenen Ostdeutschlands, Polens und Weissrusslands vor dem Weissrussischen Bahnhof in Moskau und blickt erwartungsvoll in die graue, novemberkalte Luft des fremden Landes (…) alles berührt uns altmodisch, die leeren oder mit Aufrufen und Emblemen ausgefüllten Schaufenster, die aufs Einfachste gekleideten Menschen, das in der vergangenen Pracht des 19. Jahrhunderts ausgestattete Hotel.“

Postkarte Hans Schmidt an Georg Schmidt (Sujew-Arbeiterclubhaus, Moskau, 1926), Moskau, 11. Oktober 1930. © gta Archiv / ETH Zürich, Hans Schmidt

Eindrücke aus der Sowjetunion: „Das Bauen ist hier draussen natürlich ganz primitiv“
Eindrückliche Zeitdokumente sind die Briefe von Lili und Hans Schmidt an Freunde und Familie in Basel. Insbesondere die Schreiben von Lili an ihre Basler Freundin Martha Hörler sind bemerkenswert. Zu Beginn ist da viel Euphorie zu vernehmen: „ich habe sehr stark den eindruck, dass die intelligenz zusammen mit den lernbegierigen und fähigen arbeitern eine elite bilden, die besonders unter der heranwachsenden jugend stark zu sein scheint.“ Ein Jahr nach Ankunft berichtet Hans Schmidt seinem Bruder Georg von seiner neusten Aufgabe „in grossem massstabe fabrikmässig hergestellte standardhäuser hauptsächlich aus holz und vor allem für die kohlengebiet des donbass“ zu bauen. Bemerkenswerte die darauffolgende kritische Note: „man war mit den sog. sozialistischen städten in gefahr, fern von jeder realen notwendigkeit architektenträume zu verwirklichen. in russland gibt es womöglich noch mehr architekturfantasten als bei uns.“ Die beiden berichten zwar durchaus von Problemen und Schwierigkeiten in der jungen Sowjetunion – jedoch stets verständnisvoll und ganz im Bewusstsein einer grösseren, gesellschaftlichen Perspektive. Schmidt vermisst bei seiner Arbeit im Moskauer Büro den direkten Bezug zur Baustelle. Umso hoffnungsvoller sind seine Berichte von Baustellenbesuchen beispielsweise in Orsk. Er schreibt Bruder Georg im Mai 1935: „Das Bauen ist hier draussen natürlich ganz primitiv, aber wir hoffen, trotzdem etwas Gutes zu Stand zu bringen, eine anständige ehrliche Architektur.“

Hans Schmidt, Entwurf Orsk, um 1933. Marco de Michelis/Ernesto Pasini, La città sovietica 1925–1937, Venedig 1976

Hals über Kopf! Das bittere Ende 1937
Spätestens seit 1932 und dem Wettbewerb für den Sowjetpalast war in der sowjetischen Architektur ein Paradigmenwechsel festzustellen. Weg von einer konstruktivistisch-modernen Haltung zurück zu einer neoklassizistischen Architektur. Für Hans Schmidt, bis dahin Verfechter der Moderne, war dieser Wechsel nicht einfach zu verkraften, dennoch blieb er der sowjetischen Sache treu – im Unterschied zu Ernst May, der Moskau vorzeitig verliess. Lili schreibt ihrer Freundin, „dass hans gegenwärtig etwas deprimiert ist durch seine arbeit, die neue richtung in der hiesigen architektur ist ein grosses problem und hans hat es nicht leicht.“ Den ausländischen Spezialisten und Experten wurde spätestens ab Mitte der 1930er-Jahre mit zunehmender Missgunst und Ablehnung begegnet. Schmidt wurde von der Mitarbeit an Stadtplanungen ausgeschlossen. Er wurde zur Ausarbeitung von Küchenplänen und Müllsystemen für Mehrfamilienhäuser degradiert. Ihm ging es nicht gut, wie der Brief vom Juni 1937 beweist: „Offenbar sind meine Nerven nicht ganz einverstanden, wenigstens habe ich seit einiger Zeit mit allerhand Magengeschichten zu tun und lebe gegenwärtig als Vegetarier.“ Nach Stalins „Deutscher Operation“ ab Juli 1937 wurde die Situation für Ausländer immer gefährlicher. Gemäss Erinnerung von Tochter Madleen Lamm-Schmidt rieten russische Freunde ihren Eltern zur sofortigen Ausreise. „Hals über Kopf“ verliessen sie im August 1937 die Sowjetunion. Einen Grossteil seines Planmaterials, „eine Kiste, gefüllt mit Entwürfen, Skizzenbüchern und Photos“, liess Hans Schmidt zurück: „Ein halbes Lebenswerk“, wie er bitter bemerkte. Zusammen mit dem Ehepaar Schütte-Lihotzky reisten die Schmidts via Odessa auf einem Dampfer übers Schwarze Meer nach Istanbul – und danach zurück nach Basel.

«An die Wand!» – Der Staatsanwalt der Sovietunion beantragt Todesurteile gegen 8 Schädlinge, Basler Vorwärts, 6. Dezember 1980.

Die Form: Umfangreich, textlastig, grafisch stark
Das 440 Seiten starke Werk überzeugt in Sachen Umfang, Gestaltung und thematischer Gliederung. Schmidts Schaffen vor, nach und während seiner Zeit in Moskau wird umfassend aufgearbeitet. Besonders bemerkenswert ist die Entdeckung des Briefwechsels zwischen Martha Hörler und Lili Schmidt. Sie beleben die Berichte und Texte über die sieben schmidt’schen Jahre in Moskau. Die Gliederung der Kapitel entlang der Chronologie des Geschehens ist stimmig. Das erste Kapitel zur „Architektur im nachrevolutionären Russland“ hilft bei der Einordnung der damaligen Situation. Gelungen sind die eingeschobenen „Exkurse“ beispielsweise zu Aldo Rossis Auseinandersetzung mit dem Werk von Hans Schmidt. Rossi erkannte darin (trotz allen stilistischen Wandlungen) eine inhaltliche Kontinuität, eine „eigene kompositorische und konstruktive Logik.“ Die Grafik des Buches kommt unaufgeregt, aber prägnant daher. Fette Titel kontrastieren die Serifenschrift „Kasimir“ für den Fliesstext – sie wurde sinnigerweise von Russen entworfen. Die roten Seiten zwischen den Kapiteln gliedern das Buch auch visuell.

Hans Schmidt: In Stalins Reich © Verlag Scheidegger & Spiess

Fazit
Das umfangreiche Quellenstudium von Autor Jürg Düblin ist beeindruckend. Dass er bisher kaum bekannte Quellen aufgespürt und kontextualisiert hat, ist eine tolle Leistung. Für den lesenden Architekten mag der Fokus des Buches etwas zu stark auf der historischen Auseinandersetzung liegen. Architektur, Form, Gestalt kommt eine Spur zu kurz. Zusätzliche Pläne, Skizzen und Fotos wären da natürlich wünschenswert gewesen… Hier vermisst man den Inhalt von Schmidts in Moskaus zurückgelassener „Kiste“ schmerzlich. Ob dieser Schatz in Russland jemals geborgen wird? Es bleibt zu hoffen – nach der Lektüre dieses bemerkenswerten Buches umso mehr. Dazu gesellt sich eine Spur Fernweh. Wie wäre es mit einer Fahrt in der transsibirischen Eisenbahn nach Orsk?

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel


In Stalins Reich
Die Moskauer Jahre des Architekten und Städteplaners Hans Schmidt 1930-1937

Düblin, Jürg

Preis: CHF 49
ISBN: 978-3-85881-653-5
Format: Kartonierter Einband
Herausgeber: Scheidegger & Spiess
Anzahl Seiten: 440
Gewicht: 915g
Größe: H244mm x B172mm x T34mm
Jahr: 2019

Teile diesen Beitrag!

Comments are closed.