Politik 03.03.22

Badaevskiy Brewery, Redevelopment Moscow © Herzog & de Meuron

Herzog & de Meuron zieht Konsequenzen: Projekte in Russland unterbrochen

“Will Herzog & de Meuron put their business with Russia on hold, until Putin’s troops leave Ukraine, or claim that this has nothing to do with the war?”, fragte Werk-Redaktor Tibor Joanelly vor wenigen Tagen auf Instagram provokativ in die Runde. Damit stiess er eine rege Diskussion an. Zahlreiche Likes erhielt der Post, auch von bekannten Namen wie Meinrad Morger, Andreas Ruby oder Andreas Bründler. Heute nun folgte das Statement von der Rheinschanze: Alle Projekte in Russland werden vorerst ausgesetzt.

"Die Invasion in der Ukraine und das gewaltsame Vorgehen von Putin und der russischen Regierung stehen im Widerspruch zu allen Werten, die wir als international tätiges Büro und Collaborative Practice vertreten. Deshalb haben wir, Herzog & de Meuron, beschlossen, unsere Arbeit an russischen Projekten auszusetzen."

«Die Invasion in der Ukraine und das gewaltsame Vorgehen von Putin und der russischen Regierung stehen im Widerspruch zu allen Werten, die wir als international tätiges Büro und Collaborative Practice vertreten. Deshalb haben wir, Herzog & de Meuron, beschlossen, unsere Arbeit an russischen Projekten auszusetzen. Wir tun dies im Einvernehmen mit unseren Kunden. », schreiben Herzog & de Meuron. Damit bezieht das Architekturbüro klar Stellung. «Unsere Solidarität gilt den Menschen in der Ukraine sowie den Bürgerinnen und Bürgern Russlands, die diesen Angriffskrieg ablehnen. Als Unternehmen und Gemeinschaft mit über 40 verschiedenen Nationalitäten gilt unsere besondere Sorge unseren ukrainischen und russischen Kolleginnen und Kollegen, die wir in dieser beispiellosen Krise unterstützen.» Letztlich geht es hier um eine Grundsatzfrage: Inwiefern stehen Architektinnen und Architekten in einer moralischen und ethischen Verantwortung gegenüber den ökonomischen und politischen Zielen ihrer Auftraggeberschaft? In seinem “Brief aus Basel” an David Chipperfield schrieb Jacques Herzog: “We architects need clients. The more famous the architectural office, the more it will attract potential clients and investors. Not only private investors, but governments as well.” Ein Grossprojekt von Herzog & de Meuron war das “Badaevskiy Brewery Redevelopment” in Moskau. Dahinter steht mit der “Capital Group” eine der grössten Immobilienentwicklungsgesellschaften Russlands. Bei den Dimensionen des Investments (9 Millionen Quadratmeter Entwicklungsareale hat die Firma im Portfolio) ist die Unabhängigkeit vom Kreml kaum vorstellbar. Der Name des Geschäftsführers Pavel Te, Chairman of the Board of Directors, findet sich in der Datenbank der “Offshoreleaks” wieder, wonach er in geschäftlicher Beziehung zu einer dubiosen Briefkastenfirma auf den British Virgin Islands steht.

Badaevskiy Brewery, Redevelopment Moscow © Herzog & de Meuron

Auf Social Media wurde die Rolle von Herzog & de Meuron in Russland in den vergangenen Tagen kontrovers diskutiert. Eine grosse Mehrheit sprach sich für die (nun erfolgte) Sistierung der russischen Projekte aus. Ernst Michael Buchmann fasste die Situation folgendermassen zusammen: “Wirtschaftlicher Erfolg ist nur durch gesellschaftlichen Erfolg (Demokratie, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit etc.) zu erlangen. Auch wenn es weh tut und kurz- bis mittelfristig ein grosser Schaden entsteht. Letztendlich dient es aber Russland (mit der hoffentlich irgendwann anschliessender Demokratisierung) und dann natürlich auch der gesamten "anderen" Welt!” Thomas Schwarz fragte nach der technischen Umsetzbarkeit: “Wäre wünschenswert, aber welche Möglichkeiten bestehen, vom Vertrag zurückzutreten?” Jørg Himmelreich sah die Frage pragmatischer: “Ich denke auch, dass die Realität der Sanktionen diese Entscheidung bald überflüssig machen. Spannend ist auf einer übergeordneten Ebene zu sehen, wie jetzt cancel-culture und Geopolitik ineinander greifen.” Herzog & de Meuron sind dem nun zuvorgekommen.

"Es ist nachvollziehbar, dass Architektinnen und Architekten in erster Linie Ideen umsetzen wollen. Wie Bjarke Ingels sagt, ist es dabei kaum möglich, nur mit Allianzpartnern zu arbeiten, die genau dieselben Wertvorstellungen teilen."

In seinem Brief an Chipperfield schreibt Jacques Herzog weiter: “Projects of that kind are often commissioned by governments that do not have the same democratic standards as we do in Europe. Take China. But we still accept projects there because they are so appealing and because we believe that through the way we design, we can make a contribution to a free society.“ Durch das brutale, militärische Vorgehen Putins war die «contrubution» nicht mehr gegeben. Insofern ist es ein starkes Zeichen von Herzog & de Meuron. Aber zurück zur grundlegenden Frage der Verantwortung. Ist Architektur politisch? Inwiefern trifft Architektinnen und Architekten eine gesellschaftliche Verantwortung? In “jetzt: die architektur!” fasst Stefan Kurath das Dilemma treffend zusammen: “Es ist nachvollziehbar, dass Architektinnen und Architekten in erster Linie Ideen umsetzen wollen. Wie Bjarke Ingels sagt, ist es dabei kaum möglich, nur mit Allianzpartnern zu arbeiten, die genau dieselben Wertvorstellungen teilen. So viel Realitätssinn ist zuzugestehen.” Problematisch wird es erst dann, wenn Architektinnen und Architketen als Feigenblatt herhalten müssen. “Dass umgekehrt Politikerinnen und Politiker egal welcher politischen Couleur sich selbst und ihre Politik über die Zusammenarbeit mit bekannten und weltweit erfolgreichen Architektinnen und Architekten in ein anderes Licht rücken wollen (…) Die mögliche Botschaft dahinter: So schlimm könne ich als Person und unsere Politik nicht sein, wenn international renommierte Intellektuelle für uns arbeiten. Mit Architektur wird in diesem Zusammenhang Politik gemacht”, schreibt Kurath.

Badaevskiy Brewery, Redevelopment Moscow © Herzog & de Meuron

Das Statement von Herzog & de Meuron endet mit dem folgenden Satz: «Wir hoffen, dass schnellstmöglich wieder Frieden in dieser Region hergestellt werden kann.» Das wünschen wir der Bevölkerung in der Ukraine von ganzem Herzen. Krieg ist nie eine Lösung. Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Links: https://www.herzogdemeuron.com/index/news/2022/hdm-statement-on-ukraine.html https://capitalgroup.ru/ https://offshoreleaks.icij.org/nodes/12168587 https://www.domusweb.it/en/architecture/2020/10/13/jacques-herzog-letter-from-basel.htm Literatur: Kurath, Stefan: Jetzt: die Architektur! Über die Gegenwart und Zukunft der architektonischen Praxis, 2021.