Ikone der Nachkrigesmoderne – aber kein Baudenkmal?

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Das Haus Sulzer in Riehen gehört zu den Ikonen der Basler Nachkriegsmoderne. Das 1953 bis 1956 von den Architekten Rasser & Vadi erbaute Wohnhaus nimmt Elemente der nordamerikanischen „Case Study Houses“ auf und wiederspiegelt den Optimismus und die Aufbruchstimmung der 1950er-Jahre. Die Bauherrschaft, die Familie Sulzer, wünschte sich ein „modernes“ Haus, wobei „mit wenig finanziellen Mitteln ein weiträumiges Wohnhaus“ zu erstellen war. Den Architekten gelang es, durch das Zusammenfassen der verschiedenen Räume und trotz dem kleinen Bauvolumen eine „offene und weiträumige Wirkung“ zu erzielen.

Haus Sulzer in Riehen von Rasser & Vadi © Alfred Löhndorf, Basel

Und nun das: Gegen die Meinung und den Antrag aller Fachgremien hat der Regierungsrat beschlossen, das Haus an der Schlossgasse 23 in Riehen nicht unter Denkmalschutz zu stellen. Als Grundlage hatte die kantonale Denkmalpflege eine Auswahl von architektonisch hervorragenden Einfamilienhäusern ermittelt, welche in Riehen zur Zeit der Hochkonjunktur von Basler Büros geplant und errichtet wurden.

Grundrisse Haus Sulzer in Riehen © Rasser & Vadi

„Im Fall Schlossgasse 23 ignoriert der Basler Regierungsrat die Meinung von Denkmalpflege und Denkmalrat, welche beantragt hatten, dieses Haus in Riehen unter Denkmalschutz zu stellen“, schreibt der Heimatschutz. Das Haus „zeigt klare Referenzen an die internationale Moderne“, wie der Regierungsrat in seinem negativen Beschluss sogar selbst einräumt. „Es stellt ein progressives Beispiel eines Einfamilienhauses dar, das aus der gebauten Masse der Boomjahre zwischen 1945 und 1970 heraussticht,“ heisst es mit Bezug auf ein Gutachten, das die Denkmalpflege in Auftrag gegeben hat.

Haus Sulzer in Riehen von Rasser & Vadi © Alfred Löhndorf, Basel

Gegen den Beschluss der Regierung vom 13. August 2019, auf Denkmalschutz zu verzichten, haben der Heimatschutz Basel und die Freiwillige Basler Denkmalpflege beim Appellationsgericht Rekurs eingereicht. In seiner Rekursbegründung hält der Heimatschutz fest, dass der Regierungsrat gegen das Denkmalschutzgesetz verstossen hat. Der Entscheid steht in krassem Kontrast zum denkmalpflegerischen Gutachten und zu sämtlichen Einschätzungen der Fachbehörden. In der Rekursbegründung heisst es wörtlich: „Auch der regierungsrätliche ‚Eindruck‘, dass die Substanz der Baute relativ schlecht ist und ihre insbesondere in energetischer Hinsicht dringend und umfassend erforderliche Sanierung nur mit Massnahmen möglich wäre, die zu erheblichen denkmalpflegerischen Einbüssen führten, ist willkürlich, da er in völligem Widerspruch zum Gutachten und zu den Stellungnahmen der Fachbehörden steht.“ Die Freiwillige Basler Denkmalpflege hingegen wehrt sich dagegen, dass in Basel, „wo die moderne Architektur bekanntlich gross geschrieben wird und als wichtiger Standortfaktor gilt, eine bedeutende Bauikone der Nachkriegsarchitektur der Schaffung von neuem Wohnraum kurzsichtig geopfert werden soll“.

Haus Sulzer in Riehen von Rasser & Vadi © Alfred Löhndorf, Basel

Der entschiedene Widerstand der Eigentümer gegen die Unterschutzstellung habe den Regierungsrat zur fatalen Kehrtwende bewogen, das Haus nicht unter Schutz zu stellen, schreibt der Heimatschutz. Eine Ikone der Nachkriegmoderne auf jeden Fall, aber kein schützenswertes Baudenkmal? Es ist zu hoffen, dass das Gericht diesen Widerspruch auflöst.

Die Pointe der Geschichte folgt zum Schluss. Das erste Baugesuch des Hauses wurde 1953 ausgerechnet von der damaligen Heimatschutzkommission (heute: Ortsbildkommission) abgewiesen: „In der Begründung führt sie aus, der projektierte Bau mit Flachdach würde den Charakter der einheitlichen Bauordnung störend durchbrechen und damit das Straßen- und Dorfbild verunstalten, insbesondere weil er in unmittelbare Nachbarschaft von Bauten zu stehen komme, deren geneigte Dächer den Gesamtcharakter und die einheitliche Wirkung der dortigen Bebauung bestimmen.“ Heute kämpft der Heimatschutz glücklicherweise um den Erhalt dieses Hauses „mit Flachdach“. Die Zeiten ändern sich. Das ist gut so, denn wir sollten dem baukulturellen Erbe der Nachkriegsmoderne besonders Sorge tragen.

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel


Haus Sulzer in Riehen
Adresse: Schlossgasse 23, Riehen
Architekten: Max Rasser & Tibère Vadi
Baujahr: 1953-1956

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