Jacques Herzog: „Das Tattoo ist Norm geworden“ – Monatsinterview #2

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Von der Klimakrise bis zum Tätowieren: Der zweite Teil des Monatsinterviews mit Jacques Herzog geht von grundlegenden, ökologischen Fragen – bis unter die Haut. Inwiefern kann die Architektur mithelfen, die Klimakrise abzuwenden? Kann sie das überhaupt? Womit soll in einer klimagerechten, möglichst CO2-neutralen Zukunft gebaut werden? Es sind grosse Fragen, mit denen Herzog konfrontiert wird.

Lukas Gruntz (Architektur Basel): Welchen Beitrag können wir Architekten zur Bekämpfung der Klimakrise leisten?
Jacques Herzog: „Ich denke, wir Architekten sollten immer sehr konkret sein. Der wichtigste Beitrag der Architektur sollte sein, Dinge möglichst intelligent zu machen. Dazu gehört etwa, sorgfältig zu überlegen, welche Ressourcen man einsetzt. Beispiel Beton. Das ist ein kostbares Material: Flusskies, Sand und Zement werden aus ihrem natürlichen Kontext abtransportiert und für immer zu Beton gebunden. Das ist dann ok, wenn es keine Alternative gibt, wie etwa Backstein, der aus dem überall verfügbaren Lehm gebrannt wird. Oder noch besser aus Holz, das wieder nachwächst und CO2 bindet. In Sachen Brandschutz und Statik hat der Holzbau in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht. Holz ist auch vom Raumklima her besser als der Baustoff Beton.”

Stillleben mit Brille und Teetasse © Armin Schärer / Architektur Basel

Im Gegenzug gibt es umso mehr technische Ansätze…
„Ja, und die werden in Effizienz und Anwendungsbereichen laufend verbessert. Es ist aber nicht alles sinnvoll. Und schon gar nicht praktisch und angenehm: etwa wenn physischer Raum von Elektronik regelrecht durchdrungen wird und uns wie ein eigenes Wesen begegnet. Das nervt mich persönlich – besonders in Hotelzimmern, wo es mich immer viel Zeit kostet all die Lichtsensoren und Lüftungsschlitze zu kontrollieren oder abzustellen.”

Es gibt also eine Tendenz, ökologische Fragen durch zusätzlichen Einsatz von Technik lösen zu wollen. Man denke an die vom Minergie-Label stark geförderten Komfortlüftungsanlagen. Wie geht ihr damit um?
„Minergie ist ein Konzept der Einschränkung und des Verbots. Wir suchen eher nach Lösungen, die eine ökologische und eine sinnliche Dimension einbringen. Das ist ja auch der ganz ursprüngliche Sinn von Architektur – mit sparsamen, möglichst lokal verfügbaren Mitteln eine räumliche Qualität zu schaffen. Holz ist in der Hinsicht ein idealer Baustoff.“

„Ja, noch gibt es unzählige Wohnhäuser, die 1500 l Öl pro Jahr verbrennen. In der Schweiz anno 2020. Eine ungeheure Vorstellung.“

Wenn wir vom Holzbau, insbesondere im Wohnungsbau sprechen, hört man oft das Argument, dass das Bauen dann teurer wird. Oder à propos Transportwege: Wenn Schweizer Holz im Vergleich zum importierten wesentlich teurer ist. Wie gehen wir mit diesen ökonomischen Widersprüchen um?
„Holzbau ist zur Zeit noch teurer als Bauen mit Stahl, Beton oder Backstein. Obwohl der Baustoff lokal verfügbar ist und nachwächst. Wieso? Weil die Bauindustrie noch nicht darauf eingerichtet ist. Weil Beton und Stahl, die nicht nachwachsen, zu billig sind. Die ganze Produktionskette von Beton ist fest etabliert – die Zulieferung, Aufbereitung und Verarbeitung auf der Baustelle. Dem Baustoff Holz wird noch mit Misstrauen begegnet. Das wird sich ändern, wenn die Akzeptanz und die Nachfrage nach Holz weiter zunimmt und die Forschung diesem Baustoff weitere Anwendungsbereiche eröffnet. Für höhere Gebäude, höhere Traglasten, besseren Feuerschutz.“

Jacques Herzog: „Bei uns ist von dieser Liebe und diesem persönlichen Engagement wenig zu spüren. Dafür gibt es mehr Neid und Ablehnung.“  © Armin Schärer / Architektur Basel

Stand heute wird vielerorts auch immer noch mit Öl geheizt.
„Ja, noch gibt es unzählige Wohnhäuser, die 1500 l Öl pro Jahr verbrennen. In der Schweiz anno 2020. Eine ungeheure Vorstellung. Ein kostbarer Rohstoff, der aus der Erde gesaugt wird, um verbrannt zu werden. Das zeigt auch, wie träge Gesellschaft, Politik und erst recht die Industrie Veränderungen umzusetzen im Stande sind.”

„Das Tattoo ist Norm geworden. Man könnte auch sagen: Ausdruck konventionellen Denkens.“

In einem Interview sagtest du einmal: “Wir treiben auf eine zunehmend konventionelle und genormte Welt zu.” Könnte man den Klimawandel und die immer lauter werdenden Stimmen nach radikalen Gegenmassnahmen als Chance zum Widerspruch dieser zunehmenden Normierung verstehen?
„Es gibt ein Hin und Her von Freiheit/Freiraum und Norm/Konvention. Was als Ausdruck von Rebellion und Individualität anfängt – wie etwa das Tätowieren des menschlichen Körpers, wird zu einem Massenphänomen, dem sich eine ganze Generation von jungen Menschen kaum entziehen kann. Jede und jeder trägt das. Das Tattoo ist Norm geworden. Man könnte auch sagen: Ausdruck konventionellen Denkens.“

Und wo siehst du den Bezug zur Architektur – oder zum Städtebau?
„Einfamilienhausquartiere sind doch Ausdruck der persönlichen Vorlieben ihrer Besitzerfamilien und doch bedrückend gleichförmig. Ausdruck unserer formalisierten Baukultur. Ich sah in Slums und informellen Wohnquartieren in Nairobi und Mexiko selbstgebaute Siedlungsstrukturen mit mehr Erfindergeist und Individualität. Ja auch mit mehr Liebe und Stolz gebaut und unterhalten, obwohl sie auch Ausdruck von Armut und Mangel sind. Bei uns ist von dieser Liebe und diesem persönlichen Engagement wenig zu spüren. Dafür gibt es mehr Neid und Ablehnung. Auch angesichts der baulichen Veränderungen in unseren Städten. Gerade wenn es sich um Veränderungen ausserhalb der Norm handelt. Etwa Gebäude, die das Gesicht der Stadt verändern.“

Interview: Lukas Gruntz / Architektur Basel


Teil 1Jacques Herzog: „Vielleicht entsteht im nicht-demokratischen Kontext mehr Schönheit“

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