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Koya, Itten Brechbühl, OAEU/Conrad Kersting – Blick auf alle prämierten Projekte für den Werkhof Allschwil
Der Wettbewerb für den Werkhof Allschwil steht exemplarisch für die Verschiebung im architektonischen Diskurs: Weg von der ikonischen Neuerfindung, hin zur präzisen Transformation des Bestands. Im Zentrum der Aufgabe stand das sorgfältige Weiterdenken eines Gebäudes aus den 1980er-Jahren – mit all seinen räumlichen, konstruktiven und atmosphärischen Qualitäten. Wir blicken im heutigen Artikel auf alle prämierten Beiträge.
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Der Diskurs stiess in der fachkundig besetzten Jury, mit bekannten Namen wie Anja Beer oder Dominique Salathé, auf offene Ohren. Eine vermeintlich «banale» Architektur mit postmodernen Anklängen sollte wiedererfunden werden. Die drei prämierten Beiträge von ARGE Conrad Kersting & OAEU, Itten + Brechbühl und Koya Architektur zeigen exemplarisch, wie unterschiedlich sich die Wiedererfindung architektonisch umgesetzt werden konnte. Das Siegerprojekt «THE SHOW MUST GO ON!» überzeugt durch eine konsequente Entwicklung aus dem Vorgefundenen und eine präzise innere Neuordnung. «Die Eingriffe sind präzise gesetzt, wirken selbstverständlich und niemals gesucht» – diese Haltung beschreibt treffend den Ansatz, der den Bestand stärkt, klärt und zugleich subtil transformiert.
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Der zweitplatzierte Beitrag «Summervogel» von Itten + Brechbühl verfolgt demgegenüber eine ruhigere, fast zurückhaltende Strategie des Weiterbauens. Hier steht die Kontinuität im Vordergrund: «Der Entwurf sucht nicht den gestalterischen Effekt, sondern folgt dem Prinzip eines robusten, ökonomischen und langlebigen Weiterbauens», heisst es im Jurybericht. Die Qualitäten des Bestands werden freigelegt und funktional neu organisiert, ohne sie formal zu überzeichnen. Demgegenüber formulierten Koya Architektur mit «the unexpected answer» einen eigenständigeren Zugang, der die Sprache der Postmoderne bewusst neu interpretiert. Der Entwurf greift vorhandene Motive auf und überführt sie in eine zeitgenössische Ausdrucksform, wobei auch konstruktive und energetische Aspekte integrativ mitgedacht werden. Gleichzeitig bleibt die kritische Einordnung Teil der Beurteilung: «Teilweise wirkte die detaillierte Fassadengestaltung auf die Jury jedoch zu wenig passend für die rohe Arbeitsatmosphäre eines Werkhofs.»
Der Blick auf die Entwürfe macht deutlich, wie breit das Spektrum möglicher Antworten ist – von der nahezu selbstverständlichen Weiterentwicklung über das behutsame Optimieren bis hin zur interpretierenden Neuformulierung. Gemeinsam ist allen Ansätzen das Bestreben, den Werkhof funktional zu stärken und ihn als identitätsstiftenden Ort im Quartier neu zu positionieren. Die Qualität liegt dabei weniger im grossen gestalterischen Gestus als vielmehr in der Präzision der Eingriffe und in der Fähigkeit, den Bestand als tragfähige Grundlage für zukünftige Nutzungen zu verstehen. Gerne blicken wir auf die drei rangierten Beiträge. Die nachfolgenden Projektbeschriebe stammen aus dem Jurybericht.
1. Rang
THE SHOW MUST GO ON!
ARGE Conrad Kersting & OAEU, Basel/Zürich
Das Projekt «THE SHOW MUST GO ON!» wird konsequent aus dem Bestand heraus entwickelt und überzeugt durch seine sinnstiftende Angemessenheit. Grundlage ist ein wertschätzendes Verständnis des bestehenden Gebäudes; das dem Bau zugrunde liegende Narrativ der Postmoderne wird dabei als Qualität erkannt, aufgenommen und weiterentwickelt.
© ARGE Conrad Kersting & OAEU, Basel/Zürich
Ausgangspunkt der räumlichen Reorganisation des Werkhofgebäudes ist die Klärung der Gebäudetypologie. Die bestehende, identitätsstiftende Erschliessung über die halbrunde Treppe wird in ihrer zentralen Bedeutung gestärkt, durch einen Lift ergänzt und im Erdgeschoss durch eine «rue intérieure» als Erschliessungsfigur zusammengebunden. Im Obergeschoss befinden sich die Werkhofbüros und Kleinlager; die neue Raumorganisation ermöglicht eine klare und einfache Zuordnung von zusätzlichen Fremdnutzungen. Ein verbindendes Element für alle Nutzenden bildet die gemeinsam genutzte Cafeteria, die in der Rotunde angelegt ist. Den Werkhofbüros vorgelagert, schafft ein aussenliegender Laubengang eine direkte Verbindung zwischen den Büroeinheiten und bietet über eine Spindeltreppe einen informellen Zugang zum Werkplatz.
© ARGE Conrad Kersting & OAEU, Basel/Zürich
Die vorgeschlagenen Massnahmen wirken selbstverständlich und überzeugen durch grosse Klarheit sowie eine logisch nachvollziehbare Nutzungszuordnung. Durch die typologische Klärung und den Rückbau verschiedener Einbauten entstehen Räume mit angenehmen Proportionen und hoher Qualität. Auch die Frage nach einer Zusatznutzung im Erdgeschoss zum Garten hin wird mit grosser Selbstverständlichkeit beantwortet. Anstatt spekulativ konkrete Nutzungen festzulegen, wird pragmatisch – beinahe nonchalant – auf die räumliche Qualität der Orangerie verwiesen. Damit wird die Frage nach der finalen Nutzung elegant beantwortet – oder bewusst aufgeschoben.
In der Nachhaltigkeitsbeurteilung weist das Projekt noch Optimierungsmöglichkeiten auf, die aber mit einfachen Massnahmen angepasst werden können. Dämmperimeter und Verglasungsanteil werden diesbezüglich kritisch reflektiert, können aber mit einfachen Massnahmen verbessert werden. Ansonsten ist von einer konstruktiv einfachen Umsetzung auszugehen. Der angestrebte Einsatz von Re-Use-Elementen ist in diesem Kontext grundsätzlich sinnvoll, bedarf jedoch noch der konkreten Überprüfung.
Der Wettbewerbsbeitrag besticht durch seine bemerkenswerte Klarheit. Die Eingriffe sind präzise gesetzt, wirken selbstverständlich und niemals gesucht. Entscheidendes Qualitätsmerkmal ist die räumliche Klärung der inneren Organisation. Was auf Anhieb einfach wirkt, ist in der Konsequenz das Ergebnis einer sorgfältigen, durchdachten Bearbeitung in allen Belangen.
© ARGE Conrad Kersting & OAEU, Basel/Zürich
In der architektonischen Ausformulierung vertrauen die Autorinnen auf die architektonische Wirkkraft des Bestands, geben dem Gebäude seine ursprünglichen Qualitäten zurück, klären diese neu oder entwickeln sie gezielt weiter. Mit dem Aufbrechen der Fassade zum Platz hin erhält der Werkhof ein neues Gesicht. Dieses wird über vier präzise Bildtafeln vermittelt, welche die Ambivalenz zwischen der türkis-blauen Beredtheit und der funktional bedingten Robustheit glaubhaft zum Ausdruck bringen. THE SHOW MUST GO ON…
2. Rang
Summervogel
Itten + Brechbühl AG, Basel
Das Projekt «Summervogel» überzeugt durch eine präzise Weiterentwicklung des Bestands und eine ruhige, sachliche Architektursprache. Es knüpft respektvoll an die kraftvolle Formensprache der Postmoderne an und übersetzt sie mit einer klaren, funktionalen Haltung in die Gegenwart. Die neu proportionierten Fenster zum Werkhofareal stärken den Aussenbezug, während das ergänzte Vordach einen praktischen Mehrwert für Arbeitsabläufe bietet. Der Entwurf sucht nicht den gestalterischen Effekt, sondern folgt dem Prinzip eines robusten, ökonomischen und langlebigen Weiterbauens.
© Itten + Brechbühl AG, Basel
Die konzeptionelle Haltung – Erhalten, Freilegen, Aktivieren – wird nachvollziehbar umgesetzt. Mit wenigen, gezielten Eingriffen entstehen neue räumliche Qualitäten, ohne den Bestand zu überformen. Zentrale Elemente wie Gewächshaus, Haupthalle und Treppenanlage bleiben erhalten; die funktionale Neuordnung folgt dem Prinzip klarer Wege. Werkstätten und häufig genutzte Lagerräume liegen im Erdgeschoss, während über die bestehende Wendeltreppe weitere Lagerflächen erschlossen werden. Besonders gelungen ist die Anordnung der Büros der Abteilung Regiebetriebe im nordwestlichen Obergeschoss mit Blick auf das Werkhofareal. Auch die beidseitige Öffnung des Gebäudes stärkt den Charakter des Hauses und macht es zu einem lebendigen Bestandteil seines Umfelds.
© Itten + Brechbühl AG, Basel
Weniger überzeugend ist die Trennung der Nutzungen im Obergeschoss: Die Räume der Regiebetriebe und die extern vermieteten Flächen bleiben funktional zu eng verschränkt. Zwar schafft die östliche Aussentreppe einen separaten Zugang, doch der hindernisfreie Weg führt über den Hauptzugang – eine unerwünschte Vermischung, die betrieblich zu klären wäre. Zur Wohnsiedlung hin bleibt die charakteristische Orangerie mit ihrem türkis gerahmten Glasrund erhalten und wird als Quartiertreff neu belebt – mit Mittagstisch, „botanischem Garten“ und pädagogischer Nutzung. So entsteht ein lebendiger Begegnungsort für das Quartier. Im Obergeschoss bilden zwei klar definierte Zonen – Regiebetriebe und unabhängige Mietflächen – ein funktional ausgewogenes Ganzes; die gemeinsam genutzte Mitte mit Cafeteria und Sanitärräumen stiftet Identität.
© Itten + Brechbühl AG, Basel
Die Materialwahl ist ökologisch, robust und pflegeleicht; Photovoltaik und Fernwärmeanschluss sind vorgesehen. Die einfache, zurückhaltende Fassadengestaltung überzeugt in ihrer Haltung, schöpft ihr gestalterisches Potenzial aber nicht vollends aus – insbesondere die mittlere Gebäudepartie mit Umkleiden und Sanitärräumen bleibt verschlossen.
© Itten + Brechbühl AG, Basel
Die konstruktive Zurückhaltung – minimale Eingriffe in Tragstruktur und Fassade – wahrt die Integrität des Bestands, wirkt jedoch stellenweise fast zu vorsichtig. Die neuen Vordächer an der Nordfassade sowie die bis zum Boden verglasten Tore erscheinen etwas gar fragil; ihre Alltagstauglichkeit bleibt zu prüfen.
«Summervogel» präsentiert sich als überzeugendes, feinfühliges Weiterbauen, das den Bestand respektiert, seine Nutzung klärt und ihn mit stiller Konsequenz in die Gegenwart führt.
3. Rang
the unexpected answer
Koya Architektur GmbH, Zürich
Das Projekt «the unexpected answer» bietet eine überzeugende Antwort auf die komplexe Wettbewerbsaufgabe. Auf Basis einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Bestand wurden Bestandsqualitäten und Optimierungspotenzial herausgearbeitet und weiter nutzbar gemacht. Den Verfassenden ist es gelungen, die Formensprache des heutigen Werkhofs geschickt neu zu interpretieren, und zentrale Prinzipien der Postmoderne wurden aufgegriffen: Die Konstruktion wird zitiert, ohne ihre Funktion erfüllen zu müssen. Teilweise wirkte die detaillierte Fassadengestaltung auf die Jury jedoch zu wenig passend für die rohe Arbeitsatmosphäre eines Werkhofs.
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Das Gebäude ist neu mit einer Hülle aus Re-Use-Wellblech verkleidet, einem Material, das so oder in ähnlicher Form am Markt erhältlich ist. Die Fensteröffnungen im Obergeschoss sind von aussen rund, von innen jedoch rechteckig, was der gewählten Formensprache dient, im Detail jedoch nicht einfach umzusetzen ist und eventuell wartungsintensiv sein kann. Die Sanierung der Aussenhülle soll als serielle energetische Erneuerung mit vorgefertigten Bauelementen aus Holzbau erfolgen. Diese Vorgehensweise verkürzt die Montagezeit auf der Baustelle erheblich und erleichtert die Koordination der Gewerke. Auch nicht tragende Innen- und Aussenwände sind als vorgefertigte Holzelemente vorgesehen, um den Bauablauf effizient zu gestalten.
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Die Werkhofnutzungen sind neu angeordnet. Im Erdgeschoss sind die Werkstatt- und Lagerräume zusammengefasst, im Untergeschoss die Garderoben, im Obergeschoss liegen zentral die Büro- und Sitzungsräume. Die Cafeteria im Obergeschoss erfährt eine deutliche Aufwertung und soll wieder zum gemeinsamen Treffpunkt aller Werkhofgruppen werden. Das besondere Anliegen der Werkhofmitarbeitenden, von den Büroflächen des Obergeschosses direkte Sicht auf das Werkhofareal zu haben, wurde durch zusätzliche Fensteröffnungen und einen Balkon in Fassadenmitte erfüllt. Die Programmvorgaben und Arbeitsabläufe sind im Projektvorschlag gut umgesetzt. Die Erschliessung der Werkhofnutzungen erfolgt vom bisherigen Haupteingang über das bestehende Treppenhaus oder einen mit den Drittnutzungen geteilten Lift.
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Die vorgeschlagene Neuanordnung der Flächen schafft im Gebäude etwas mehr als 600 m² an möglichen Drittnutzungen, die im Erdgeschoss an der Westseite zum Spielplatz liegen und im Obergeschoss beidseitig über die ganze Gebäudetiefe angeordnet sind. Die heute als Lager genutzte Orangerie soll ein zum Spielplatz orientierter öffentlicher Raum und repräsentativer Eingang für die Drittnutzungen werden. Die Flächen im Obergeschoss sind beispielsweise als öffentliche Werkstätten multifunktional nutzbar. Deren Erschliessung erfolgt über den gemeinsamen Lift, eine zusätzliche neue Treppe sowie die bestehende Aussentreppe auf der Südseite des Gebäudes. Damit sind die beiden Nutzungen weitgehend autonom erschlossen, was bezüglich Flexibilität der Drittnutzungen von grossem Vorteil ist.
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Bezüglich der Nachhaltigkeit weist das Projekt eine gute Qualität auf. Die Wahl von emissionsarmen Dämmmaterialien und das Fassadenkonzept aus Re-Use-Komponenten (Wellbleche) überzeugen als durchdachtes Konzept zur Verbesserung der Gebäudehülle. Das Planungsteam hat das zur Verfügung gestellte Ecotool sehr sorgfältig eingesetzt. Das Dach wurde zusätzlich gedämmt, auf einem Teil des Daches wurde Photovoltaik eingesetzt. Durch die Dämmung der Decke über dem Untergeschoss wurde eine grosse Verbesserung erzielt. Der sorgfältig durchgearbeitete Projektvorschlag zeigt eine gute Lösung für die Bedürfnisse des Werkhofs in einer architektonisch ansprechenden Form.