Aktuelles 13.01.26

© Verein Lebensraum Bruderholz

Vision fürs Bruderholzspital: «Netto-Null-Quartier» mit 420 Wohnungen

Mächtig und von weitem sichtbar thront es auf dem Bruderholz. Doch der stolze Auftritt täuscht: Das Kantonsspital steht vor einer ungewissen Zukunft. Die Baselbieter Regierung denkt spätestens seit Herbst 2024 laut über die Aufgabe des Standorts nach. Was wäre also, wenn das Bruderholzspital als neuer Lebens- und Wohnraum weitergedacht würde? Eine private Initiative legt dazu eine Studie vor – und will damit eine öffentliche Diskussion anstossen.

Luftaufnahme Bruderholzspital, 1973 © zVg

Mit ihrem Rahmenkonzept «Gesundheit BL 2030» hat die Baselbieter Regierung im Herbst 2024 die politische Diskussion angestossen, ob zwei Spitalstandorte – Bruderholz und Liestal – künftig überhaupt noch sinnvoll sind. Sie legte damals die neue Variante mit einem einzigen zentralen Spitalneubau «im mittleren Baselbiet» vor. Inzwischen konnte sich «Salina Raurica Ost» im Rahmen einer Machbarkeitsstudie gegen den anderen potenziellen Spitalstandort in Pratteln auf dem Areal «Bredella Ost» durchsetzen. Der Regierungsrat plant seinen abschliessenden Entscheid für Ende des ersten Quartals 2026. Danach erfolgt ein entsprechender Antrag an den Landrat. Der finale politische Entscheid, ob das Kantonsspital an einem oder zwei Standorten betrieben werden soll, dürfte noch dieses Jahr fallen.

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Das schafft Raum für neue Ideen. Der Verein «Lebensraum Bruderholz» lanciert unter Federführung von Architekt Dominique Salathé die Vision einer Umnutzung des sanierungsbedürftigen Bruderholzspitals: «Es ist Zeit, den Diskurs zu öffnen. Für ein radikal nachhaltiges, zukunftsgerichtetes Quartier vor den Toren der Stadt – vom Heilraum zum Lebensraum.» Mit dem erfolgreich umgebauten Felix-Platter-Spital steht in Basel bereits eine realisierte Referenz. Tatsächlich bietet auch das Bruderholzspital – erbaut zwischen 1969 und 1973 aus der Feder von Suter + Suter – ein grosses Potenzial für eine Transformation. Das Tragwerk basiert auf einem rationellen strukturellen Raster. «Die grosszügigen Eingangshallen lassen sich neu beleben – als gemeinschaftliche Räume, Kindertagesstätten, Ateliers oder Markthallen. Wir stellen uns hier eine Atmosphäre vor wie in der Lobby eines Grandhotels», heisst es in der Studie des Vereins.

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Die planerische Ambition ist gross: «Das Areal funktioniert wie eine kleine Stadt.» Es biete Potenzial für ein «symbolträchtiges, wirksames und nachhaltiges Projekt. Unterschiedlichste Wohn- und Arbeitsformen könnten hier entstehen – dicht, sozial gemischt, ökologisch und ökonomisch sinnvoll. Ein energieautarkes, ressourcenschonendes Quartier mit hoher Lebensqualität, aus dem Bestand heraus entwickelt – ein Netto-Null-Projekt mit Vorbildcharakter.» Tatsächlich macht eine Umnutzung insbesondere ökologisch Sinn. Viel in der Struktur gebundenes CO₂ bliebe erhalten. Die Studie liefert dazu konkrete Zahlen: «Im Vergleich zu einem Neubau spart die Umnutzung rund 21 Millionen kg CO₂eq – das entspricht etwa 10 500 Transatlantikflügen. Der jährliche CO₂-Fussabdruck pro Person liegt bei diesem Umbau dreimal tiefer als beim Neubau. Aktuell lassen sich fast nur mit Umbauten die ambitionierten Grenzwerte gemäss dem ‹SIA Klimapfad› erreichen.»

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Ähnlich fundiert ist die architektonische Auseinandersetzung mit dem ikonografischen Bettenhochhaus. Es biete «gute Voraussetzungen für hochwertiges Wohnen. Seine Struktur besteht aus einem tragenden Kern mit versetzten Fassaden – die Seitentrakte sind durch Betonschotten statisch stabil.» Ob damit auch die Erdbebensicherheit nach aktuellen Vorgaben gewährleistet werden kann, müsste die weitere Planung zeigen. Sicher ist: Die gebäudetechnischen Anforderungen an einen Wohnungsbau sind tiefer als an einen Beherbergungsbetrieb, wozu ein Spital zählt. Im Sinne des Bestandeserhalts macht die Umnutzung also definitiv Sinn. Die Studie kann damit als leiser Seitenhieb an die offizielle Planung des Kantonsspitals verstanden werden: Das siegreiche Projekt «Beletage» des Totalunternehmers HRS und Itten+Brechbühl sieht den Rückbau des Bettenhochhauses zugunsten eines Erweiterungsbaus vor. Auf Rückfrage von Architektur Basel schreibt das Kantonsspital Baselland: «Aktuell haben die Zimmer zum grossen Teil keine eigenen Nasszellen, ein entsprechender Umbau hätte zur Folge, dass die Zahl der zur Verfügung stehenden Betten massiv eingeschränkt wäre.»

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Trotz hochwertiger Visualisierungen und sorgfältig ausgearbeiteter Grundrisse ist klar: Die Studie ist kein fertiges Projekt, sondern ein erster Entwurf, eine Skizze zur öffentlichen Diskussion. Sie lädt Politik, Fachwelt und Öffentlichkeit dazu ein, den Diskurs über die Zukunft des Bruderholzspitals zu öffnen. Was wäre, wenn aus dem Spital ein genossenschaftliches Leuchtturmprojekt entstehen würde? Wie wäre es mit preisgünstigem Wohnen auf dem Bruderholz? Die Studie sagt: Träumen ist erlaubt. Artikel: Lukas Gruntz / Architektur Basel

weitere Infos und Unterlagen zur Projektidee > www.lebensraum-bruderholz.ch