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16.03.26
© Architektur Basel
Wo Dinge flüstern
Mit „Whispering Things“ widmet das Vitra Design Museum der niederländischen Designerin Hella Jongerius erstmals eine umfassende Retrospektive. Rund 400 Objekte zeichnen ein Werk nach, das sich über drei Jahrzehnte erstreckt – von frühen Experimenten der 1990er Jahre bis zu jüngsten skulpturalen Arbeiten. Die Ausstellung öffnet dabei nicht nur ein Archiv, sondern auch eine Denkweise: Design als forschende, poetische Praxis, die Material, Herstellung und Beziehung zum Objekt gleichermassen ernst nimmt.
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„Ich sehe hier mein ganzes Leben“, sagte Jongerius an der Medienkonferenz. Tatsächlich wirkt die Schau wie eine verdichtete Biografie. Möbel, Textilien, Keramiken, Prototypen, Skizzen und Filme zeigen eine Designerin, die sich nie mit der Oberfläche begnügt hat. Jongerius interessiert weniger das fertige Produkt als die Geschichte seiner Entstehung: die Hände, die es formen, die Materialien, die sich widersetzen, und die kulturellen Bedeutungen, die in ihnen eingeschrieben sind.
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Der Rundgang ist in vier Kapitel gegliedert. Unter dem Titel Dirty Hands richtet sich der Blick auf die frühen 1990er Jahre und Jongerius’ Zeit beim niederländischen Kollektiv Droog Design. Schon hier zeigt sich ein Gestaltungsverständnis, das zwischen Handwerk und Industrie vermittelt. Eine Videoarbeit mit den Händen der Designerin verdeutlicht, wie zentral Haptik und körperliche Arbeit für ihren Ansatz sind. Der zweite Raum, Business Class, widmet sich der Zusammenarbeit mit Unternehmen wie Vitra, IKEA, Maharam oder KLM Royal Dutch Airlines. Doch die Ausstellung zeigt nicht nur Produkte, sondern vor allem Prozesse. Skizzen, Muster und Prototypen legen offen, wie Jongerius industrielle Projekte als Forschungsfeld begreift – und wie sie dabei stets auch Fragen nach Produktionsmethoden, Markenidentität und Verantwortung stellt.
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Ein roter Faden durchzieht diese Arbeit: die Farbe. Im Abschnitt Feeling Eye wird Jongerius’ intensive Auseinandersetzung mit Farbwahrnehmung sichtbar. Rauminstallationen und Serien wie die „Coloured Vases“ untersuchen, wie Farben im Raum, im Licht und im Material wirken. Fröhliche, lebendige Töne sorgen für visuellen Reichtum, ohne je dekorativ zu werden. Farbe ist hier Experiment und kulturelles Zeichen zugleich. Der letzte Abschnitt, Cosmic Mind, öffnet das Werk in Richtung Kunst. Skulpturale Objekte wie der „Frog Table“ oder die Serie „Angry Animals“ bewegen sich an der Grenze zwischen Design und Skulptur und stellen die Beziehung zwischen Mensch, Tier und Objekt zur Diskussion. Besonders die nach der Pandemie entstandenen „Space Amulets“ entfalten eine beinahe rituelle Dimension.
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Der Ausstellungstitel verweist auf Jongerius’ grundlegende Haltung. „Flüstern ist für mich laut“, sagt sie. Die Dinge um uns herum sind nicht stumm, sondern Träger von Geschichten. „Wir alle haben eine Beziehung zu den Dingen in unserem Zuhause“, erklärte Jongerius. Sie seien Teil der eigenen Identität, Orte von Erinnerungen, manchmal auch beschädigt oder repariert – und immer Ausdruck einer bestimmten Kultur. Gerade darin liegt die Radikalität ihres Werks. Jongerius interessiert sich nicht für makellose Perfektion. Das Unperfekte gehört zum Ergebnis: kleine Abweichungen, sichtbare Spuren der Herstellung, Materialeigenschaften, die sich nicht vollständig kontrollieren lassen. Fragen der Nachhaltigkeit und des verantwortungsvollen Umgangs mit Ressourcen begleiten ihre Arbeit bereits seit den 1990er Jahren.
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Parallel zur Ausstellung entsteht auf dem Vitra-Campus ein neuer Water Garden des belgischen Landschaftsarchitekten Bas Smets. Darin wird auch ein Brunnen von Jongerius stehen – eine übergrosse Version eines „Angry Animals“, die im Juni zur Art Basel enthüllt werden soll. So wird „Whispering Things“ zu mehr als einer Retrospektive. Die Ausstellung zeigt eine Designerin, die sich dem schnellen Konsum ebenso konsequent entzieht wie ästhetischen Konventionen – und deren Werk daran erinnert, dass selbst die leisesten Dinge etwas zu sagen haben.
Quelle: Medienmitteilung Vitra Design Museum