Barbara Buser: „40 Vogelhäuschen. Das fanden die Behörden gar nicht lustig“ – Monatsinterview #3

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„Z’Basel an mym Rhy…“ Im dritten Teil des Monatsinterviews sprechen wir über Basel. Die Entwicklung ihrer Heimatstadt liegt Barbara Buser am Herzen. Den geplanten, grossen Arealentwicklungen auf dem Klybeck, Lysbüchel oder Wolf sieht sie mit einer gewissen Skepsis entgegen: „Da bin ich nicht sehr optimistisch.“ Ein Gespräch über den Duft von gerösteten Kaffeebohnen, Spekulantenbauten, Bodenbesitz, Roche-Türme, Durchmischung und das Nauentor.

Lukas Gruntz (Architektur Basel): Du bist in Basel aufgewachsen. Jacques Herzog hat uns im Interview erzählt, dass er von seiner Kindheit in Basel vor allem die starken Gerüche der Kleibasler Industrie, Chemie und Bier, in Erinnerung hat. Was sind deine besonderen Erinnerungen an Gerüche – oder allgemein das Basel deiner Kindheit?
Barbara Buser: „Ich erinnere mich an die Gerüche der Kaffeerösterei, die je nach Wind sehr intensiv waren. Ausserdem hat man manchmal sogar das Hupen der Schiffe auf dem Rhein gehört. Für mich war der Rhein immer sehr wichtig. Ich fand und finde es immer noch schade, dass wir keinen See haben. Man ist schnell raus aus der Stadt. Man kann zum Predigerhof hochgehen und schon ist die Stadt versunken. Im Elsass ist man auch schnell weg von der Stadt. Für mich waren zudem die Kunsteisbahn, die Garten- und Hallenbäder wichtig. Schon damals hat mich der Verkehr im Gundeli sehr beschäftigt. Diese Rennbahnen längs durchs Quartier. Ich staune heute jedes Mal und freue mich, wenn abends auf dem Nachhauseweg die Dornacherstrasse fast autofrei ist.“

„Jeder sollte nur so viel Boden oder Wohnraum besitzen, wie er auch selbst nutzt. Ausserdem soll der Staat keinen Boden mehr verkaufen dürfen.“

Barbara Buser: „: Was hat Spekulation mit dem Wert des Bodens zu tun? Was bedeutet es, wenn man Grundbesitzer ist?“ © Armin Schärer / Architektur Basel

War dir Basel nie zu eng? Hat dir nie etwas gefehlt hier?
„Wie erwähnt, fehlte mir der See. Ansonsten habe ich eine glückliche Jugend gehabt. Wegen dem Studium bin ich dann nach Zürich gezogen. Da hat es mir auch gefallen. Ich hatte aber kaum Freunde, die aus Zürich selber kamen, dafür mehr Kontakt zu den anderen „Ausländern“. Nach dem Studium habe ich dann ja zehn Jahre in Afrika gelebt. Ich bin aber immer gerne nach Basel zurückgekommen. In der ganzen Diskussion über Sinn und Unsinn der Entwicklungshilfe habe ich realisiert, dass ich eigentlich vor allem hier in Basel und in der Schweiz, wo ich aufgewachsen bin und das Bürgerrecht habe, auch legitimiert bin, Veränderungen anzustossen, zu opponieren, mich zu beteiligen.“

Punkto Architektur: Gibt es für dich architektonische Vorbilder in Basel? Seien es Bauten oder Personen…
„Es gibt eher Negativvorbilder. Ich denke an die ganzen Spekulantenbauten im Gundeli mit ihren um ein halbes Geschoss versenkten Eingängen, nur um ein bisschen mehr Ausnutzung zu erreichen. Mich hat schon früh die Spekulation beschäftigt, als das Haus meiner Ur-Grosseltern verkauft werden sollte. Meine Onkel wollten es an den Meistbietenden verkaufen. Mit 18 Jahren habe ich das Ganze durchgerechnet – und den Heimatschutz um Hilfe gebeten, obwohl der Strassenzug nicht unter Schutz steht. Zum Glück konnte ich den Verkauf am Ende verhindern. Seit da ist für mich die Spekulation mit Immobilien ein wichtiges Thema: Was hat Spekulation mit dem Wert des Bodens zu tun? Was bedeutet es, wenn man Grundbesitzer ist? Es gibt in der Schweiz nichts Sichereres als den Besitz von Boden. Alles andere ist volatil – und Geld ist eine Glaubenssache.“

Architektur Basel-Redaktor Lukas Gruntz im Gespräch mit Barbara Buser: „Wie stehst persönlich du zur Bodenfrage? Ist der private Besitz von Boden legitim?“ © Armin Schärer / Architektur Basel

In Basel wurden diese Themen ja mitunter vom Architekten Hans Bernoulli stark thematisiert. Hast du dich damals mit seinen Arbeiten auseinandergesetzt?
„Nein, Bernoulli kannte ich damals leider noch nicht.“

Wie stehst persönlich du zur Bodenfrage? Ist der private Besitz von Boden legitim?
„Jeder sollte nur so viel Boden oder Wohnraum besitzen, wie er auch selbst nutzt. Ausserdem soll der Staat keinen Boden mehr verkaufen dürfen. Das haben wir in Basel ja zum Glück erreicht. Zudem ist die Mehrwertabgabe eine grosse Errungenschaft. Auch da sind wir in Basel gut aufgestellt. Die Mehrwertabgabe gibt es in dieser Form ja immer noch fast nirgends sonst in der Schweiz, obwohl alle Kantone diese seit Jahren umgesetzt haben müssten. Es ist kaum zu glauben.“

„Die Bauten am Rhein sind ein Teil des Stadtbilds. Die abzureissen, mit der Begründung, die Rheinpromenade etwas zu erweitern? Also bitte.“

Du stehst ab und zu am Ruder der Münsterfähre und hast dabei Zeit, die Stadt in Ruhe zu betrachten. Im Klein- und Grossbasel schiessen Hochhäuser in den Himmel. Die Stadt wächst. Wie nimmst du diese Veränderungen wahr? Können wir sie beeinflussen?
„Für mich ist das Ausdruck unserer Wirtschaftsordnung. Aber das exponentielle Wachstum wird irgendwann zusammenbrechen. Der erste Roche-Turm hat mich gestört. Den zweiten finde ich hingegen gut, da der erste dann nicht mehr so allein dasteht. Aber wenn sie jetzt noch die Bauten am Rhein von Rohn und Salvisberg abreissen wollen, dann werde ich mich dagegen wehren. Das sehe ich nicht ein. Die Bauten am Rhein sind ein Teil des Stadtbilds. Die abzureissen, mit der Begründung, die Rheinpromenade etwas zu erweitern? Also bitte.“

Auch ich bin da gespannt. Der Denkmalrat hat sich ja für den Erhalt einiger Bauten von Roland Rohn, insbesondere das Hochhaus an der Grenzacherstrasse, und Salvisberg ausgesprochen. Ich frage mich manchmal, weshalb bei solchen Grossprojekten kaum eine öffentliche Debatte stattfindet? Wieso gibt es das keinen politischen Diskurs? Genauso beim Hochhauskonzept: Wir sollten doch gemeinsam diskutieren, ob es auf der Nordspitze beim MParc drei weitere Hochhäuser braucht? Und vor allem, was das für das Stadtbild bedeutet.
„Das Problem besteht für mich darin, dass man ökologisch sein will – da ist Verdichtung ein Gebot der Stunde, so wie die Stadt der kurzen Wege, die Reduktion der Mobilität. Da kann man ja fast nicht dagegen sein. Trotzdem habe ich Mühe. Es gibt den Diskurs von Ruedi Bachmann, der sagt, dass die Blockrandbebauung mit sieben, acht Stockwerken dichter als jedes Hochhaus ist, da dieses ja immer Umschwung benötigt. Mich stört, dass die Hochhäuser nur durch den Lichteinfallswinkel und den Schattenwurf begrenzt und auch so gestaltet werden. Alles andere spielt keine Rolle. Das ergibt am Ende so komische Formen. Das Clara-Hochhaus finde ich beispielsweise unnötig. Dass man da anstelle einer intakten Häuserzeile ein Hochhaus baut, das sehe ich nicht ein. Aber das war vor meiner Zeit – und da hätte die Stadtbildkommission auch nichts dagegen sagen können. Sobald es einen Architekturwettbewerb gibt, hat die Stadtbildkommission nichts mehr zu sagen, dann ist die Jury massgebend.“

„Jeder der ein grösseres Stück Land hat, will jetzt ein Hochhaus bauen, weil er so Geld investieren kann. Ob es dann wirklich rentiert, ist eine andere Frage.“

A propos Hochhäuser: War die Stadtbildkommission an der Erarbeitung des Hochhauskonzepts beteiligt?
„Das weiss ich nicht. Das war vor meiner Zeit.“

Auf dieser Ebene müsste man doch die übergeordneten Ideen für die Entwicklung des Stadtbilds definieren.
„Beat Aeberhard ist mit einer Gruppe daran, dies zu überarbeiten. Wir werden das auch in der Stadtbildkommission diskutieren. Meines Erachtens ist vieles zu sehr von der Parzellierung, von den Eigentumsverhältnissen beeinflusst und abhängig. Jeder der ein grösseres Stück Land hat, will jetzt ein Hochhaus bauen, weil er so Geld investieren kann. Ob es dann wirklich rentiert, ist eine andere Frage.“

Quartier der Zukunft: Das Klybeck Areal im Kleinbasel © Montage Architektur Basel

Quartier der Zukunft? Das Klybeck Areal im Kleinbasel © Montage Architektur Basel

Ein anderes grosses Thema in Basel sind die Transformationsareale. Wie schaffen wir es, dass Wolf, Lysbüchel, Rosental oder Klybeck lebendige und lebenswerte Quartiere werden?
„Mein Rezept lautet Mischen, Mischen, Mischen. Alle Funktionen und Nutzungen möglichst durcheinander mischen. Natürlich muss man schauen, dass die verschiedenen Nutzer sich nicht auf die Nerven gehen, dass es nebeneinander funktioniert. Da gilt: Der Mix machte es aus. Alte, Junge, Frauen, Männer, Kinder, Wohnen, Gewerbe, Freizeit und so weiter. Es soll ein Netz entstehen. Je mehr Knotenpunkte es gibt, desto lebendiger wird es. Je dichter, desto besser. So machen wir es bei unseren Arealentwicklungen, wobei wir zu Beginn kein Wohnen anbieten, weil das gesetzlich so geschützt ist, dass es alles andere verunmöglicht. Da haben wir vom Warteck gelernt, wo das Sudhaus ja gar nicht richtig betrieben werden konnte. Da muss nur ein Anwohner anrufen und schon kommt die Polizei. Hier auf dem Gundeldingerfeld haben wir uns gegen die 200 Wohnungen gewehrt, der von Behördenseite gefordert wurde. Irgendwann waren es dann noch 40 Wohnungen. Da haben wir 40 Vogelhäuschen aufgehängt. Das fanden die Behörden aber gar nicht lustig.“

Transformierte Werkhalle im Gundeldingerfeld: Blick ins Baubüro in situ © Armin Schärer / Architektur Basel

Aber auf den genannten Arealen wird es unbestritten auch viel Wohnraum geben. Was würdest du da raten?
„Auch da muss man mischen, aber dann halt mit Lärmklasse drei. Bei heutigen Neubauten mit schallgedämmten Fenstern ist das mit dem Lärm auch nicht mehr so ein Problem. Hauptsache bleibt das geschickte Mischen. Ebenso wichtig ist, dass nicht alles rentieren muss. Es braucht non profit-spaces, konsumfreie Orte, günstige Räume, die sich die Bewohner aneignen können. Es braucht Freiräume. Wenn man das nicht vorsieht, wird es schrecklich. Ich war in Meyrin im Quartier des Vergers. Das ist ein Eco-Quartier. Alle Grünflächen werden von einem Bauern bewirtschaftet. Der ganze Aussenraum ist also „Landwirtschaftszone“. Da stehen die Wohnblöcke an einer Strasse aufgereiht, fast wie in der DDR, nur dass jeder Block anders aussieht. Der eine hat goldene Balkone, beim anderen sind sie über die Stockwerke versetzt. Zum Anschauen ist es sehr unruhig, uneinheitlich. Aber ökologisch und ökonomisch haben sie alles richtig gemacht. Es gibt beispielsweise ein Regenwasser-Rückhaltebecken, Fernheizung, Waschküchen im Erdgeschoss und auf dem Dach, ein Café, eine KITA und vieles mehr. Das alles wurde von und mit der Gemeinde entwickelt.“

Das tönt, zumindest was die Konzeption angelangt, nach einem bemerkenswerten Projekt. Zurück nach Basel: Heisst das, du bist optimistisch, was die Arealentwicklungen angeht?
„Nein, da bin ich nicht sehr optimistisch.“

„Wir wissen im Gundeli genau, wo der Bahnhof ist. Dazu braucht es kein weiteres Hochhaus, sondern einen richtigen Eingang!“

Weshalb nicht?
„Weil das Profitdenken immer noch Vorrang hat. Und weil die Stadt nicht eingegriffen hat. Sie hat ihr Vorkaufsrecht nicht wahrgenommen. Mit den Baugesetzen allein wird man die Durchmischung nicht hinkriegen. Schon auf der Erlenmatt hat man Chancen verpasst. Auf dem Lysbüchel hat es immerhin ein bisschen Bestand. Aber wie die SBB damit umgehen wird, weiss man noch nicht.“

Nauentor: Illustration Vogelperspektive

Projekt Nauentor beim Bahnhof SBB: Illustration aus der Vogelperspektive

Und wenn wir hier im Gundeli bleiben: Wie stehst du zum Grossprojekt Nauentor beim Bahnhof SBB?
„Das bekämpfe ich. Als Privatperson habe ich Einsprache erhoben. Ich sehe überhaupt nicht ein, wieso man da auch nochmals drei Türme braucht. Vor allem war die Begründung unglaublich: „Damit ihr im Gundeli den Bahnhof besser findet.“ Wir wissen im Gundeli genau, wo der Bahnhof ist. Dazu braucht es kein weiteres Hochhaus, sondern einen richtigen Eingang! Einen schön gestalteten, grosszügigen Zugang von der Güterstrasse her statt einer Rampe neben dem Warenhaus und einem „Noteingang“ von den Veloparkplätzen aus. Und von der Solothurnerstrasse her einen bequemen, breiten, sauberen Aufgang statt einem Schlupfloch und weiteren komerziellen Flächen im 2. Obergeschoss!“

Interview: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Fotos: Armin Schärer / Architektur Basel


Teil 1 > Barbara Buser: „Schau dir mal an, was Versicherungen für Paläste bauen!“
Teil 2 > Barbara Buser: „Das lernt man an der ETH: Möglichst originell und anders muss es sein!“

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