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11.10.23
Das Meret Oppenheim Hochhaus schenkt den Baslerinnen und Basler ein Herz
«Basel im Höhenrausch?»
Basel will hoch hinaus. Das ist unübersehbar. Wir haben schon mehrfach über den Hochhaus-Boom am Rheinknie berichtet. Im Zeichen der vertikalen Verdichtung hat sich das Stadtbild in den letzten zehn Jahren stark verändert. In einem bemerkenswerten Beitrag in der Zeitschrift «werk, bauen + wohnen» geht Kantonsbaumeister Beat Aeberhard der Frage vom Sinn und Unsinn des Hochhausbaus in Basel nach. Unser Redaktor Lukas Gruntz wagt eine Einordnung.
Grosspeter Tower © Adriano Biondo
Am Anfang steht das Wachstum. Sie ist der Ursprung. «Die Schweiz wächst», konstatiert Beat Aeberhard nüchtern. Der zusätzliche Flächenbedarf einer wachsenden Bevölkerung ist sinnvollerweise im gut erschlossen, urbanen Kontext zu realisieren. Damit könne «die freie Landschaft vor dem Betonmischer verschont» werden. Wenn der Landschaftsschutz als Argument pro Hochhaus herhält, müsste die ökologische Nachhaltigkeit als Gegenargument ins Feld geführt werden. Der Bau eines Hochhauses ist alles andere als CO2-Neutral. Dessen ist sich auch Aeberhard bewusst: «Hochhaus und Nachhaltigkeit widersprechen sich per se. Es wird überproportional mehr Material verbraucht.» Er folgert: «Ein ökologisch nachhaltiges Hochhaus ist folglich nur zu erreichen, wenn dessen typologie-inhärente Ineffizienz vollumfänglich sozialen, ökonomischen und städtebaulichen Mehrwert generiert und kurzfristige Investoreninteressen ausser Acht lässt.» Mit anderen Worten: Wer räumlich hoch hinaus will, muss einen langfristigen Zeithorizont haben.
«Mehr Beachtung wollen wir zukünftig den oberen Geschossen eines Hochhauses schenken, etwa indem wir öffentlich zugängliche Nutzungen auf dem Dach oder in einem der oberen Geschosse einfordern.»
© Herzog & de Meuron
Die Voraussetzung: Hochhäuser müssen einen gesellschaftlichen Mehrwert bieten. Aeberhard verweist auf den von Barbara Buser gerne verwendeten Begriff der «Stadtrendite». Dabei geht es um die Frage, welche Rendite ein Projekt dem Quartier, der Stadt, der Allgemeinheit bringt. «Mehr Beachtung wollen wir zukünftig den oberen Geschossen eines Hochhauses schenken, etwa indem wir öffentlich zugängliche Nutzungen auf dem Dach oder in einem der oberen Geschosse einfordern. In den Etagen dazwischen erachten wir es als wichtig, dass Gemeinschaftsflächen angeboten werden, um so eine innere Belebung und Begegnungen zu fördern.» Das ist eine wichtige Forderung. Ob sie sich in der Realität der Investorenlogik umsetzen lässt, wird sich weisen. Was ist eigentlich aus dem obersten Geschoss des Claraturms geworden? Nach unseren Informationen steht es nach wie vor leer. Dort wären gemäss Bebauungsplan «weitgehend Publikumsnutzungen» vorgesehen.
«Der enorme Investitionsdruck wie auch der Geltungsdrang gewisser Grundeigentümerschaften führen nämlich zu Begehrlichkeiten für vertikale Verdichtungen, die sich bei nüchternen Betrachtung nicht rechtfertigen lassen.»
Hochhauscluster "Rosental Mitte" im Basler Stadtmodell © Architektur Basel
Im Unterschied zu anderen Schweizer Städten verfügt Basel seit 2010 über ein Hochhauskonzept. Es zeigt im Stadtplan spezifische Gebiete auf, die für den Bau von Hochhäusern geeignet sind oder entsprechende Potenziale bieten. An die Planung und Projektierung von Hochhäusern werden dabei hohe Anforderungen gestellt, «um eine städtebaulich hochwertige Entwicklung zu fördern.» So müssen beispielsweise Wettbewerbsverfahren durchgeführt werden. Aeberhard verweist in seinem Text mehrfach auf das Hochhauskonzept: «Der enorme Investitionsdruck wie auch der Geltungsdrang gewisser Grundeigentümerschaften führen nämlich zu Begehrlichkeiten für vertikale Verdichtungen, die sich bei nüchternen Betrachtung nicht rechtfertigen lassen.» Das baselstädtische Hochhauskonzept habe sich in dieser Hinsicht für die Argumentation gegenüber Investoren als sehr nützlich erwiesen.
«Der Bau von Hochhäusern erfordert eine öffentliche Auseinandersetzung. Dabei wird Kritik nicht von Ewiggestrigen oder Globalisierungsverlierern geäussert, sondern es sind vielmehr berechtigte Ansprüche interessierter Kreise am Bewahren eines differenzierten Stadtbildes.»
Visualisierung Roche_Südareal © F. Hoffmann-La Roche Ltd
Der differenzierte Beitrag zur Hochhausdebatte von Beat Aeberhard ist wertvoll. Die Lektüre lohnt sich. Der Text zeugt von einer dezidierten, stellenweise gar pointierten Haltung. Einzig der Abschnitt über die Roche-Türme liest sich sehr diplomatisch – oder durch die Basler Brille betrachtet: politisch korrekt. «Die Roche-Türme zeigen darüber hinaus anschaulich, dass sich Hochhäuser im besten Fall in Gruppen ballen.» Damit wird der rote Teppich für den dritten Turm ausgerollt. Unerwähnt bleibt die Tatsache, dass die Türme mit ihrer herausragenden Höhe von über 200 Metern, den Stadt- und Landschaftsraum prägen – und mitunter dominieren. Ein Gleichgewicht zwischen den unterschiedlichen Basler Hochhaus-Clustern sollte angestrebt werden. Dabei hat sich die Höhe von gegen 100 Metern – Messeturm, Claraturm, Baloise, MOH, Grosspeter Tower et cetera – als für das Stadtbild gut verträglich erwiesen. Auf jeden Fall ist es wichtig, die Hochhausdebatte in breiten Bevölkerungskreisen zu führen. Das schafft Akzeptanz für Veränderungen. «Der Bau von Hochhäusern erfordert eine öffentliche Auseinandersetzung. Dabei wird Kritik nicht von Ewiggestrigen oder Globalisierungsverlierern geäussert, sondern es sind vielmehr berechtigte Ansprüche interessierter Kreise am Bewahren eines differenzierten Stadtbildes.» In diesem Sinn gebührt das letzte Wort unserem Kantonsbaumeister: «Stadtplanung ist und bleibt hochpolitisch.»
Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Quelle: Aeberhard, Beat: Basel im Höhenrausch, in: Werk, bauen + wohnen, Heft 10, 2023.
Quelle: Aeberhard, Beat: Basel im Höhenrausch, in: Werk, bauen + wohnen, Heft 10, 2023.