Bruno Trinkler: „Und immer noch spricht niemand über die Graue Energie“ – Monatsinterview #3

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Im dritten Teil des Monatsinterviews mit Bruno Trinkler widmen wir uns dem aktuellen politischen Geschehen in Basel – und wie wir Architekten die Herausforderungen des Klimawandels angehen sollten. Ausserdem erzählt Trinkler, was ihm schlaflose Nächte bereitet: «Dann habe ich noch eine «Kuh auf dem Eis» und weiss noch nicht wie ich sie runterbringe, bevor es taut», beschreibt er diesen Zustand.

Céline Dietziker (Architektur Basel): Welchen Beitrag können wir Architekten zur Bekämpfung der Klimakrise leisten?
Bruno Trinkler: «Wir können bestimmt einen Beitrag leisten, aber ich glaube nicht in der Art und Weise wie es heute der allgemeine Tenor ist. Ich hatte das Glück, dass ich an der FH das Modul «Struktur und Prozess» zusammen mit den Fachleuten des Instituts Energie am Bau unterrichten durfte. Wir haben viel darüber diskutiert was Nachhaltigkeit wirklich ist. Ich kann es an einem Beispiel gut aufzeigen: Die Politik und alle Gesetze sprechen eigentlich immer von Betriebsenergie. Ich habe dann mal meinen Kollegen vom Institut Energie am Bau gefragt: Wie viel ist denn eigentlich der Anteil der Betriebsenergie gegenüber der Grauen Energie, also der gesamten Erstellungs- und Entsorgungsenergie, welche es bei einem Gebäude braucht? Erstaunlicherweise gibt es kaum Studien dazu. Die Schätzungen der Fachleute gehen von einem Verhältnis von ca. 50 zu 50 aus. Natürlich gibt es Korrekturfaktoren. Der eine ist: Je mehr und besser wir isolieren, umso grösser wird der Anteil an grauer Energie. Und immer noch spricht niemand über die Graue Energie. Dann gibt es einen zweiten, noch wichtigeren Faktor: Man geht heute davon aus, dass ein Haus (Rohbau), etwa achtzig Jahre alt wird. Was ist wenn ein Haus älter ist? Beispielsweise ein Haus in der Altstadt Basel, welches seit 600 Jahren steht. Dann kannst du einfach diese graue Energie durch ein Vielfaches teilen. Alle diese alten Häuser, mit einfach verglasten Fenstern, sind eigentlich viel nachhaltiger, als das was heute mit künstlicher Lüftung und so gebaut wird. Da bin ich einfach sehr skeptisch. Und ich glaube das wäre eine unserer Aufgabe, diesen Aspekten verstärkt nachzugehen.»

Was sollten wir Architekten deiner Meinung nach konkret tun?
«Was wir uns im Büro schon ziemlich lange auf die Fahne schreiben: Wir versuchen Strukturen zu entwerfen, die irgendwann auch anders benutzt werden könnten. Das finde ich extrem wichtig. Natürlich ist der Beton energiefressend. Das wissen wir mittlerweile alle. Aber wenn ich die Stützen beispielsweise so baue, dass ich die nicht mehr wegbringen muss, weil ich das Haus in der bestehenden Struktur umnutzen kann, dann habe ich extrem viel gewonnen.»

«Man sollte die Materialien so einsetzen, wie sie besonders viel leisten können.»

Wie du bereits erwähnt hast, verteufeln in letzter Zeit viele den Beton. Sollten wir jetzt nur noch mit Holz bauen?
«Die Frage ist bei uns im Büro momentan sehr aktuell. Wir haben ein Projekt mit mehrgeschossigen Wohnungsbauten in Holz. Ich glaube das ist ein Weg. Natürlich hofft man, dass die Wälder auch entsprechend schnell nachwachsen. Ich sehe einfach, dass es momentan noch sehr viele Hilfskonstruktionen braucht im Holzbau. Der mehrgeschossige Holzbau hat das Problem der Setzung. Bei vier oder mehr Geschossen wird dies problematisch z.B. für die Fenster. Somit muss die Konstruktion durch den Stahlbau unterstützt werden. Ich glaube die Kombination von verschiedenen Materialien ist richtig. Man sollte die Materialien so einsetzen, wie sie besonders viel leisten können. So kann der Beton- und auch der Maueranteil bereits bedeutend reduziert werden. Fassaden sind heute bautechnisch gesehen eher Hüllen als massive, tragende Wände. Ich glaube das macht Sinn, ich möchte das einfach nicht sektiererisch sehen. Ich glaube nicht, dass es nur die eine Lösung gibt, sondern es gibt den klugen Umgang mit den Materialien und mit dem was sie leisten können.»

Architektur Basel im Gespräch mit Bruno Trinkler © Armin Schärer / Architektur Basel

Bruno Trinkler: «Es wäre arrogant, gewissen Hinweisen nicht nachzugehen.» © Armin Schärer / Architektur Basel

Ist die direkte Demokratie die ideale Voraussetzung für gute Architektur?
«Ja, das bewegt einem die ganze Zeit, weil man natürlich immer den Auswirkungen der direkten Demokratie ausgesetzt ist. Wir im Büro aktuell gerade im Besonderen. Bei einem Projekt gab es kürzlich über 180 Einsprachen. In dem Moment stellt man sich dann schon gewisse Fragen. Aber dennoch: Ich möchte einfach in keiner anderen gesellschaftlichen Form leben. Ganz klar: nein! Ich glaube die direkte Demokratie ist massgeschneidert für die Schweiz. Ob das Deutschland beispielsweise, mit seiner Grösse, auch könnte, da wäre ich schon ein bisschen skeptischer. Ich finde es extrem gut so und nehme gerne Einsprachen in Kauf. Wir hatten immer wieder Projekte, wo aus irgendwelchem Grund ein Nerv getroffen wurde und es einen riesigen Aufruhr gab, aber es wurde auch noch keines meiner Projekte verhindert deswegen. Natürlich haben wir zum Teil auch Korrekturen vorgenommen. Selbstverständlich! Es wäre arrogant, gewissen Hinweisen nicht nachzugehen.»

«Da frage ich mich: was ist da passiert?»

Die Stadtbildkommission steht vor ihrer Entmachtung, zumindest was den Einfluss in den Nummernzonen anbelangt. Was sagst du dazu?
«Ich bedaure das ausserordentlich. Weil ich glaube, dass wir ein Instrument brauchen, welches die gestalterischen und räumlichen Qualitäten der Stadt begleitet, betreut und auch Entscheidungsbefugnis hat. Das ist eine grosse Qualität. Das jetzt einzuschränken, ist eine absolute Katastrophe. Ich bin jedoch, wenn es um die konkrete Umsetzung geht, wieder ein bisschen optimistischer. Die Bauinspektoren können ja, wenn sie unsicher sind, ihrerseits eine Anfrage an die Stadtbildkommission machen. Das sind ja alles vernünftige Menschen, die dort arbeiten. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass die dann auch den Mut haben, die Projekte an die Stadtbildkommission weiterzuleiten.»

Inwiefern engagierst du dich selbst politisch?
«Ich bin in keiner politischen Partei. Wähle aber meistens so wie Basel heute auch glücklicherweise regiert wird und geprägt ist. Dass jetzt aber gerade von dieser Seite der Vorstoss zur Entmachtung der Stadtbildkommission kommt, das ist natürlich für viele von uns eine grosse Enttäuschung. Da frage ich mich: was ist da passiert?»

«Wenn ich nachts aufwache, denke ich nicht an die Ferien»

Sind wir Architekten vielleicht einfach zu wenig politisch aktiv, dass es so weit kommen konnte?
«Ja, es gibt wenige Architekten, die in einer Partei aktiv sind. Ich habe einige Kollegen, die sind in einer Partei, aber halt nicht wirklich aktiv. Es ist ein bisschen eine Frage wie viel Energie und Zeit hat man. Ich glaube, wenn man den Beruf des Architekten ausübt, insbesondere als Selbständiger, dann ist das natürlich ein Tag und Nacht-Job. Wenn ich nachts aufwache, denke ich nicht an die Ferien, das muss ich dir schon sagen. Und wenn ich nachts Gedanken wälze, haben sie auch selten mit meiner Partnerin zu tun. Sondern sie haben mit meinem Beruf zu tun. Dann habe ich noch eine «Kuh auf dem Eis» und weiss noch nicht wie ich sie runterbringe, bevor es taut. Ich glaube, wenn man Politik aktiv betreibt, muss man das genauso tun. Sonst ist man am falschen Platz. Jetzt können die Architekten vielleicht einfach nicht beides. Ich glaube, das ist ein Problem. Ich möchte aber keiner anderen Branche unterstellen, dass sie ihren Beruf nicht auch engagiert betreibt. Ich glaube aber trotzdem, da fehlt uns Architekten dann einfach die Energie.»

Architektur Basel im Gespräch mit Bruno Trinkler © Armin Schärer / Architektur Basel

Bruno Trinkler: «Das hat den Nachteil, dass man oft nicht wirklich wahrgenommen wird.» © Armin Schärer / Architektur Basel

2005 – 2009 warst du Obmann der BSA-Ortsgruppe Basel. Welche Funktion hat der BSA deiner Meinung nach?
«Der BSA ist ein Berufsverband, der sich nicht so stark an die Öffentlichkeit drängt. Das kann man natürlich auch anders sehen. An der Öffentlichkeit ist eher der SIA, der dann auch bezüglich Behörden und Gesetzen, Normen, Richtlinien und so weiter aktiv ist, wo sich auch die Gerichte darauf abstützen. (Ich war übrigens auch zwölf Jahre lang Mitglied der SIA-Wettbewerbskommission) Der BSA engagiert sich in Bereich Architektur, Städtebau und Baukultur und macht das eher auf eine ruhige, zurückhaltende Art. Das hat den Nachteil, dass man oft nicht wirklich wahrgenommen wird. Aber ich glaube, es ist auch wichtig, dass der BSA ruhig arbeiten kann. Ich glaube ich, dass die Diskussionen unter Kollegen wichtig sind. Alle Architekten, die im BSA mitmachen, sind sehr engagiert. Oft diskutieren wir innerhalb einer relativ kleinen Gruppe. Das ist eine grosse Qualität des BSA. Selbstverständlich wird anders diskutiert, wenn es im kleineren Kreis geschieht. Früher hatte man öfters diskursive Besichtigungen, wenn jemand ein Haus gebaut oder umgebaut hatte. Da wurde das Gespräch dann geöffnet. Heute findet das eher am Tag der offenen Tür statt und es können alle kommen. Das ist völlig in Ordnung. Aber damals war das noch etwas intimer. Es gab noch nicht so viele Anlässe. Man hat einen Neubau eines Kollegen gemeinsam angeschaut und ging dann etwas trinken. Dabei wurde dann wirklich intensiv diskutiert. Das fand ich extrem gut. Da war das Internet noch nicht stark verbreitet. Das ist vielleicht auch ein Grund, wieso das jetzt nicht mehr so gefragt ist, weil der Austausch heute viel mehr über andere Plattformen stattfindet.»

Sollte sich der BSA stärker in politische Debatten einbringen?
«In politische Debatten, wo es um unser Fachgebiet geht, sehe ich durchaus Möglichkeiten, dass man sich da mehr einbringt. Das wird unter der jetzigen Leitung auch viel gemacht. Vieles ist ja aber auch meine persönliche politische Meinung und nicht die Meinung des Verbands. Darum erwähnte ich vorhin die interne Diskussion, die genauso wichtig ist. Und wenn da ein Konsens bestand dann haben wir natürlich auch oft Stellungsnahmen veröffentlicht. Aber bei ganz vielen Fragen, beispielsweise wie sich die Stadt entwickeln sollte, gibt es sehr unterschiedliche Meinungen. Wenn die Diskussion öffentlich wird, ist es eher so wie ein Statement des gesamten Berufsverbands. Ich glaube es sind beide Dinge notwendig. Die interne Debatte ist ein wichtiger Teil, um auch diese Kultur weiter zu tragen.»

Interview: Céline Dietziker / Architektur Basel
Fotos: Armin Schärer / Architektur Basel


Teil 1 > Bruno Trinkler: „Die Arbeit als Zimmermann hat mich extrem beeindruckt“
Teil 2 > Bruno Trinkler: „Ich wurde dadurch geprägt, dass mich die Fragen der Studierenden immer wieder verunsichert haben“

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