Der Ayers Rock von Muttenz

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„Uluruuuuu, Uluruuuu …“ hallt es mysteriös aus dem östlichen Hardwald. Vielen Autofahrenden, die täglich zwischen Basel und der östlichen Agglomeration pendeln, ist er bestimmt schon aufgefallen, der grosse, rötliche Steinblock, der da am Waldrand steht. Befindet sich der Ayers Rock neuerdings in Muttenz?

Je nach Licht und Witterung hat das fensterlose Betonvolumen an der vielbefahrenen Rheinfelderstrasse tatsächlich eine frappierende Ähnlichkeit mit dem heiligen Berg Australiens, natürlich in einem viel kleineren Massstab. Wenig poetisch, sondern ziemlich trocken-technisch lautet der Name des Baus: „TWA Obere Hard“, wobei TWA für Trinkwasseraufbereitungsanlage steht. Das Bewusstsein, dass Trinkwasser die Ursprungquelle unseres Lebens ist, lässt die mystifizierende Betonhülle in einem anderen Licht erscheinen.

Situationsplan: TWA Obere Hard in Muttenz © Oppenheim Architecture

Situationsplan: TWA Obere Hard in Muttenz © Oppenheim Architecture

Mulitbarrierenprinzip für besseres Trinkwasser
Beginnen wir beim Kern des Gebäudes, bei der Technik. Im Innern kommt modernste Hightech der Wasseraufbereitung zur Anwendung. Denn in Muttenz hatte man mit einem speziellen Problem zu kämpfen: Im Rohwasser der Wasserversorgung wurden oft organische Stoffe, insbesondere Chlorkohlenwasserstoffe, wie zum Beispiel chlorierte Butadiene nachgewiesen. Damit sollte Schluss sein. Die Anlage weist deshalb mit einer erweiterten Oxidation, einer Adsorption an Aktivkohle und einer Ultrafiltration drei sich ergänzende Aufbereitungsstufen vor. Dank diesem Mulitbarrierenprinzip werden fortan unter Garantie grossmöglichster Sicherheit im Wasser vorhandene organische Spurenstoffe entfernt, abgebaut und unschädlich gemacht. Muttenz darf sich über besseres Trinkwasser freuen.

TWA Obere Hard in Muttenz © Borje Müller

TWA Obere Hard in Muttenz © Börje Müller Fotografie

Form follows function?
Doch zurück zur Architektur: Wie kommt ein reiner Infrastrukturbau zu dieser besonderen Hülle? Das Gesamtprojekt wurde unter der Generalplanung von CSD Ingenieuren realisiert. Für die Formgebung wurde das in Miami, New York und Muttenz ansässige Büro Oppenheim Architecture beigezogen. Die Architekten hatten hohe Ansprüche. Sie wollten ein „Landmark“ für Muttenz schaffen. „Wir hinterfragten das massive Volumen, das in den Wald gestellt werden sollte. In dem wir die Form des Volumens direkt dem Innenleben angepasst haben, entstand eine freie Form, welche das Gebäude skulpturaler werden liess“, erklärt Architekt Beat Huesler. Es gelang, die von den Ingenieuren vorgegebene innere Raumanordnung, mit einer unverwechselbaren Hülle zu bekleiden. Dabei kam das Prinzip der plastischen Überformung zur Anwendung: Wo der Raumbedarf es zuliess wurde die Hülle nach Innen – oder beim Dach: nach unten – gedrückt oder umgekehrt nach aussen gestreckt.

Grundriss: TWA Obere Hard in Muttenz © Oppenheim Architecture

Grundriss: TWA Obere Hard in Muttenz © Oppenheim Architecture

Fassade aus Spitzbeton
Bei der konstruktiven Umsetzung setzten die Architekten auf porösen, eingefärbten Spritzbeton, der mit einer Spritzdüse pneumatisch aufgetragen wurde. Spritzbeton kennt man hierzulande vor allem bei der Gelände- und Felskonsolidierung, zum temporären Verbau bei Großbaustellen oder im Tunnelbau. Die verfremdete Anwendung im Hochbau ist ein besonderer Einfall der Architekten. „Da wir uns zur selben Zeit bei einem Projekt in Jordanien mit dem Material Spritzbeton beschäftigten, haben wir uns gefragt, ob das auch bei der TWA funktionieren würde“, erzählt Beat Huesler. „Schnell merkten wir, dass Spritzbeton all das erfüllt, was wir suchten: Er ist flexibel, porös, hart und unterhaltsarm.“ Dach und Aussenwände konnten so zu einer monolithischen Einheit verbunden werden. Ausserdem wirkt der Bau aufgrund der gebrochenen, runden Kanten eher wie ein Felsblock als wie ein Haus. Die äussere Erscheinung wird sich verändern. Mit Absicht. „Das Regenwasser fliesst vom Dach über die Fassade und hinterlässt eine Patina samt Moosflecken.“

TWA Obere Hard in Muttenz © Borje Müller

TWA Obere Hard in Muttenz © Börje Müller Fotografie

Architektur und Inszenierung
Die grosse Treppenanlage am Kopf, wo Besucher durch die TWA geführt werden, ist der Schwachpunkt des Projekts: Hier beschäftigt sich die Architektur zu sehr mit sich selbst – oder genauer gesagt mit der Inszenierung. Beat Heusler spricht von einer „modernen Grotte“, die das Element Wasser mit allen fünf Sinnen erlebbar machen soll. Das wirkt etwas zu didaktisch. Man hätte sich eine stärkere Fortführung der äusseren, kargen Sprödheit gewünscht, zum Beispiel in Form einer Treppe aus Spritzbeton. Die fancy Lichtspots im Wasser, der glatt geschalte Beton der Treppe, die minimalistischen, dunkelgrauen Stahlgeländer sind zu clean, zu artifiziell für diesen archaischen Ort, wo es schlicht darum geht, Wasser trinkbar zu machen. Die Inszenierung der Funktion im Innern wäre nicht notwendig gewesen, genug stark ist der Ort – und das Element Wasser. Im Trüben fischen? Wenn man bedenkt, dass von der Bauherrschaft für die Besucher ursprünglich bloss ein funktionaler „Standard-Mehrzweckraum“ vorgesehen war, haben die Architekten auch hier ganze Arbeit geleistet.

TWA Obere Hard in Muttenz © Borje Müller

TWA Obere Hard in Muttenz © Börje Müller Fotografie

„Uluruuuuu, Uluruuuu …“
Es ist den Projektbeteiligten hoch anzurechnen, dass sie bei diesem Infrastrukturbau der Architektur einen angemessenen Stellenwert eingeräumt haben. Den Architekten wiederum ist es gelungen, die TWA Obere Hard mit einer unverwechselbaren Hülle zu bekleiden. „Wir wollten kein monumentales Zeichen setzen, sondern vielmehr einem so wichtigen Bauwerk eine angemessene Form verleihen“, meint Beat Huesler bescheiden. Eine Form, die dem Ort, der Funktion und der gesellschaftlichen Bedeutung gerecht wird. „Uluruuuuu, Uluruuuu …“ hallt es aus dem Wald. Kurz darauf erreicht eine Gruppe Pfadfinder die Lichtung, wo sich unvermittelt der rötliche Betonblock in der tief stehenden Spätnachmittagssonne erhebt.

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel

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