Jacques Herzog: „Interessant wäre, wenn Architekten in ihren Bauten wohnen müssten“ – Monatsinterview #3

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Teil drei des Monatsinterviews mit Jacques Herzog widmet sich einem Thema, das in Basel kaum zu übersehen ist: Der Bau von Hochhäusern, der am Rheinknie derzeit eine grosse Renaissance erlebt. Abgesehen von der Verdichtung, scheint dabei die Frage nach dem Städtebau von Bedeutung. „Persönlich wünsche ich mir, dass einige dieser neuen Türme etwas höher wären und somit einen Ort noch mehr verdichten,“ findet Herzog – und fordert eine radikale Entwicklung der Stadt in die Vertikale.

In Basel erleben Hochhäuser derzeit eine Renaissance, wobei euer Büro massgeblich dazu beigetragen hat – und weiter beiträgt. Woher kommt dieser Hochhausboom? Hat er nur mit der Notwendigkeit zur Verdichtung zu tun?
„Es ist sicher auch eine Bereitschaft, diese Typologie wieder anzuschauen. Vor 20 Jahren war das unter Planern und Politikern noch tabu. Man glaubte sich besonders fortschrittlich, das Hochhaus als veraltet und als Überbleibsel der Moderne zu verunglimpfen. Es ist aber wichtig, eine Stadt mit allen verfügbaren Bautypologien stets neu zu denken, weil sie sonst museal wird. Gerade eine Stadt, wie Basel, die seit ein paar Jahren wieder wächst, wirtschaftlich erfolgreich und kulturell reich ist. Und wenig Boden hat. Weniger als jede andere Schweizer Stadt. Basel baut sich selbst um und neu. Hauptsächlich auf bereits Gebautem wird neu – und oft höher und dichter – gebaut. Der Roche-Turm hat dabei eine neue Dimension eingeführt. Höher, sichtbarer, dominanter als bisherige Gebäude in der Schweiz. Das wurde zunächst heftig kritisiert. Wir wussten das und haben uns entsprechend intensiv mit der architektonischen Formulierung des Themas auseinandergesetzt. Heute ist der Turm akzeptiert und wird gar auf Plakaten als eine neue Ikone der Stadt abgebildet. Es ist also möglich, dass auch grosse Veränderungen in einer Stadt akzeptiert werden, wenn sie eine integrative Kraft entfalten können.“

Jacques Herzog: „Ein Teil der Wohnungen sollte bei jeder grösseren Überbauung gemeinnützig sein, damit die soziale Durchmischung gewährleistet ist.“ © Armin Schärer / Architektur Basel

Und mal abgesehen vom Roche-Areal. Wie siehst du all die weiteren Hochhausprojekte in Basel?
„Es gibt tatsächlich auch viele Hochhausprojekte an anderen Orten, was ich sehr begrüsse. Persönlich wünsche ich mir, dass einige dieser neuen Türme etwas höher wären und somit einen Ort noch mehr verdichten. Mehr attraktiven Wohnraum – mehr urbanes Leben auf der Strasse. Aber auch mehr neuen und besseren Grünraum. Auf überdeckten Strassen und Bahngleisen, auf Lagerhäusern oder Supermärkten. Wie etwa bei unserem Projekt beim M-Parc auf dem Dreispitz, wo viel neue Bruttogeschossfläche aber eben auch neue Parkanlagen und Spielflächen entstehen werden. Wir sind in Basel an einem interessanten – aber auch herausfordernden Punkt der Stadtentwicklung angelangt, wo Verdichtung zwingend nötig ist, aber viel komplexere Planungsinstrumente benötigt. Es müssen mehr verschiedene Parteien ins Boot geholt werden: Eigentümer, Baurechtsnehmer, Unterbaurechtsnehmer, Nutzer. Und alle wollen vom Projekt, von der angestrebten Veränderung profitieren. Das braucht effizientes und qualifiziertes Baumanagement. Von privater Seite, aber gerade in Basel auch vom Staat, der viel Land besitzt. Und demokratisch regierte Verwaltungen brauchen da Unterstützung – auch von uns Architekten, weil sie häufig überfordert sind. Von der schieren Menge und der Komplexität der Aufgaben. Nicht nur die Arealbebauungen, sondern auch die Infrastrukturprojekte, wie das Herzstück oder die Westtangente der Autobahn sind zu nennen.“

Dreispitz Nordspitze © Herzog & de Meuron

Skyscraptercity in the making: Auf der Nordspitze beim M-Parc sollen nach Plänen von Herzog & de Meuron die höchsten Wohntürme der Stadt entstehen © Herzog & de Meuron

Das Basler Hochhauskonzept definiert die planerischen Rahmenbedingungen. Ist das ein taugliches Instrument? Insbesondere wenn man sieht, dass die ganze Agglo, Birsfelden, Münchenstein, Muttenz, Pratteln, auch Hochhäuser plant und baut. Funktioniert das?
„In unserer Demokratie wird man nie eine über alle Gemeinden, über Stadt und Land hinweg abgestimmte städtebauliche Ordnung erkennen können. Deshalb sollten auch die Gemeinden um Basel herum Türme bauen dürfen – auch wenn es dort andere architektonischen Instrumente für bauliche Dichte gäbe. Die neuen Hochhäuser in Pratteln sind deshalb weniger Ausdruck einer ökonomischen und planerischen Notwendigkeit als vielmehr von Stolz und der Absicht, der Stadt vor den Toren Basels ein Gesicht zu geben. Das finde ich nicht uninteressant. Besonders, wenn daraus ein Cluster entstehen könnte, der nun weiter wächst. Auf Basler Boden wäre ebenfalls ein neues Denken bezüglich Hochhaus vorstellbar: anstatt vereinzelte Hochhausstandorte zu definieren, könnte man in einem Umkehrschluss jene Orte, Häuserzeilen, Quartierteile ausscheiden, wo nicht Hochhäuser gebaut werden können, die sich also wenig bis gar nicht verändern sollen. Der grosse Rest der bebauten Stadt könnte sich dann viel freier und unkonventioneller in die Höhe entwickeln, ausschliesslich mit Einschränkungen betreffend Sonneneinstrahlung. Etwa mittels Dreistundenschatten.“

„Das Gebäude ist sehr ungewöhnlich, metallisch und etwas dunkler als wir dachten. Es hat nicht den strahlend weissen Ausdruck wie der Roche-Turm.“

Lichtinstallation Meret Oppenheim Hochhaus

Sorgt für angeregte Debatten: Das Meret Oppenheim-Hochhaus von Herzog & de Meuron fertiggestellt 2019

Das Meret Oppenheim-Hochhaus hat viele emotionale Reaktionen, ja fast schon eine Polemik ausgelöst. Hat dich das überrascht? Es gab viel stärkere Reaktionen als beispielsweise beim Roche-Turm, obwohl der höher ist.
„Kritik kam vor allem, als der Bau noch gar nicht fertig war. Alle Läden noch geschlossen, wie ein Monolith. Obwohl auf den Renderings ein lebendiges Bild vermittelt wurde. Jetzt ist der Turm belebt. Er steuert sich selbst, von Innen heraus. Wie ein “Robotic Animal”. Das Gebäude ist sehr ungewöhnlich, metallisch und etwas dunkler als wir dachten. Es hat nicht den strahlend weissen Ausdruck wie der Roche-Turm. Wir wollten so nahe am Gleisfeld eine andere Ästhetik vermitteln als bei Roche am Rhein. Es brauchte deshalb vielleicht mehr Zeit, um angenommen zu werden. Die BewohnerInnen schätzen das Gebäude sehr – wie wir hören. Und der Platz mit der Meret Oppenheim-Brunnen-Skulptur ist schon heute sehr akzeptiert von den Menschen im ganzen Quartier.“

„Ein Teil der Wohnungen sollte bei jeder grösseren Überbauung gemeinnützig sein, damit die soziale Durchmischung gewährleistet ist.“

Beim Meret Oppenheim Hochhaus wurden viele eher teure Wohnungen gebaut. Das ginge auch anders: Die Wohnhochhäuser der Genossenschaft Entenweid beim Kannenfeldpark waren die ersten der Schweiz. Sollten Genossenschaften heute wieder vermehrt Hochhäuser bauen? Ich höre oft bei der Diskussion um genossenschaftliches Wohnen im Hochhaus: „Vergesst das! Das ist unmöglich.“
„Ich glaube nicht, dass das unmöglich ist. Ein Teil der Wohnungen sollte bei jeder grösseren Überbauung gemeinnützig sein, damit die soziale Durchmischung gewährleistet ist. Das ist im Interesse aller. Es will ja keiner, dass weniger privilegierte Familien – oder gar der Mittelstand aus der Stadt verschwindet. Es ist deshalb von grösstem Interesse, dass wir in den neuen Quartieren eine ausgewogene Mischung haben. Sicher wird das auf dem Areal des M-Parc auch so sein. Ob das Wohnen im vierten oder fünften Geschoss weniger attraktiv ist, als im Turm, sei dahingestellt. Das Wohnen im Hochhaus ist nicht jedermanns Sache. Ich unterstütze auf jeden Fall Modelle, welche bei Arealentwicklungen nicht nur Marktpreise, sondern einen Anteil Wohnungen für niedrige Einkommen anbieten.“

Architektur Basel im Gespräch mit Jacques Herzog © Armin Schärer / Architektur Basel

„Als ich jung war, wollte ich in die Innenstadt wegen ihrer Mischung aus Betriebsamkeit und Altbausubstanz. Ich genoss es, in einem alten Haus zu wohnen. Heute hätte ich Mühe mit einem Altbau.”

Du hast gesagt, dass das Wohnen im Hochhaus nicht jedermanns Sache sei. Könntest du dir vorstellen, in einem Hochhaus zu wohnen? Und: Hast du selbst schon einmal im Hochhaus für längere Zeit gelebt?
„Nein, aber ich könnte mir das schon vorstellen: ein weites offenes Blickfeld. Viel Licht, dafür keinen Garten. Ich verstehe, dass junge, und dann wieder eher ältere Menschen gern ins Hochhaus ziehen. Besonders, wenn es in einem dichten und lebendigen Quartier steht, wie eben das Oppenheim-Gebäude. Als ich jung war, wollte ich in die Innenstadt wegen ihrer Mischung aus Betriebsamkeit und Altbausubstanz. Ich genoss es, in einem alten Haus zu wohnen. Heute hätte ich Mühe mit einem Altbau.”

Damit widersprichst du dem Klischee vom Architekten, der am liebsten im Altbau wohnt.
„Interessant wäre, wenn Architekten für eine gewisse Zeit in ihren Bauten wohnen dürften – oder müssten …“

Interview: Lukas Gruntz / Architektur Basel


Teil 1Jacques Herzog: „Vielleicht entsteht im nicht-demokratischen Kontext mehr Schönheit“

Teil 2 > Jacques Herzog: „Das Tattoo ist Norm geworden“

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