Nachdruck Otto Heinrich Senn: „Über Hans Schmidt hinaus gibt es für mich keine Basler Schule“

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Im Basler Magazin erschien am 23. August 1980 ein lesenswertes Interview mit dem bedeutenden Basler Architekten Otto Heinrich Senn, der unter anderem mit dem Bau der Universitäts-Bibliothek, dem Hechtliacker-Hochhaus und dem Gartenbad Bachgraben wichtige Beiträge zur hiesigen Baukultur leistete. Er gilt als einer der Pioniere des Neuen Bauens. Sein Parkhaus Zossen (1935-38) kann vorbehaltslos als eines der bedeutendsten Bauwerke der Moderne in Basel genannt werden. Ein Nachdruck des Interviews von Ulrike Jehle scheint uns lohnenswert. Es gibt Einblicke in eine wichtige Phase der Basler Architekturgeschichte – die bis in die Gegenwart ausstrahlt.

Basler Magazin: Zu Ihren städtebaulich wichtigen Arbeiten in Basel gehört das Hochhaus Hechtliacker. Wie kam es zu diesem Wohnhochhaus an der Peripherie?
Otto Senn: „Mein Bruder und ich haben 1952 der Stadt, die das Terrain gekauft hatte, das Projekt der Überbauung mit einem Punkthaus unterbreitet. Laut Bauordnung war eine zweigeschossige Überbauung vorgesehen. Bei der Stadt und der staatlichen Heimatschutzkommission hat unser Vorschlag Aufregung ausgelöst, und der damalige Präsident, Dr. Kaufmann, hat bewiesen, dass es ein Unsinn sei, dort in die Höhe zu bauen. Man muss sich klar sein, dass die Doktrin damals war, möglichst im Kern der Stadt hoch zu bauen und am Rande tief zu bleiben. Es war die Zeit, wo das Hochhaus an der Heuwaage erstellt wurde, eigentlich noch im Altstadtgebiet, und das Hochhaus der Patria-Versicherung rückte dem Münster auch sehr nahe auf den Leib. Eigentlich waren drei Punkthäuser vorgesehen…“

Ein Punkthaus, bei dem die Erschliessung im Innern zentral angeordnet ist, das war ja auch etwas Neues in Basel.
„Hochhäuser für Wohnzwecke gab es in Basel schon und zwar, was die Situierung anbelangt, sehr gute Beispiele: nämlich die drei Hochhäuser beim Kannenfeld, denn dort hat man nicht in eine schon bestehende Bebauung einen Fremdkörper hineingebaut. Die Idee des Punkthauses habe ich beim Vorschlag der Überbauung des Gellertareals entwickelt. Dort schwebte mir eine Bebauung vor, die sich löst vom Strassenraster, eine Kombination von Punkthäusern und Kettenhäusern. Dahinter steht die grundsätzliche Überlegung, dass Architektur sich.  nicht beschränken darf auf das Objekt in seiner Isolation. Auch bei meinem  Vorschlag für den Basler Centralbahnhofsplatz war ich bemüht, nicht beim Verkehrsproblem halt zu machen. Das Bahnhofsgebiet hätte als Fremdenzentrum ausgebaut werden können, wenn man nicht die Telephonverwaltung an die Wallstrasse und den starken Akzent der BIZ in den toten Winkel gestellt hätte. Mein Vorschlag war, über der Heuwaage hoch zu bauen, mit Hotels und Geschäftshäusern. Aber das ist eine grosse Geschichte des Versagens. Nirgends bin ich durchgedrungen.“

Diese städtebaulichen Grundideen, in welchem Zusammenhang stehen die mit denen der CIAM?
„Ich bin selber Mitglied der CIAM gewesen. Nach der Erlangung des Diploms in Zürich war ich zunächst bei Architekt Iten in Thun, und zwar in  ‚einem Sanatorium in Montana, dann  in Zürich, dann kam meine Wanderschaft nach England, dort habe ich die Idee der Gartenstadt studiert. An- schliessend ging ich in die USA. Das war 1932, zur Zeit der Vorbereitung des Athener Kongresses der CIAM. Ich hatte Kontakt mit einem dänischen Architekten in New York. Wir haben zusammen den Beitrag der USA an den Athener Kongress ausgearbeitet: die Analyse von Detroit. Aufgrund dieser Arbeit wurde ich aufgenommen in den CIAM-Kongress. Meine städtebaulichen Überlegungen stehen durchaus in Zusammenhang mit der CIAM. Ein Projekt, das mir auch später noch zu schaffen machte, war mein Vorschlag von 1952/53 für das neue Stadttheater. Ich rede jetzt vom Städtebaulichen angesichts des heutigen sogenannten Theaterplatzes. Da mache ich mir meine Gedanken, dass es eigentlich auch hätte anders kommen können. Das Programm des Wettbewerbs damals erwartete zwei Lösungen, die eine mit Beibehaltung der Elisabethenkirche, die andere mit Entfernung.“

Für welche Variante hätten Sie sich entschieden?
„Das ist schwer zu sagen.“

Wie ist generell Ihr Verhältnis zur historischen Architektur in der Stadt?
„Man muss einen Unterschied machen zwischen der grossen europäischen Architekturtradition und dem Torschluss um 1800. Ich habe von Anfang an ein sehr enges Verhältnis zur alten Architektur gehabt. Etwas anderes ist der Historismus, mit dem Architekt meine Schwierigkeiten habe, nehmen wir zum Beispiel die Elisabethenkirche. Die empfinde ich als eine Architektur aus zweiter Hand. Ich hatte auch die Aufgabe, mich mit der Universitätsbibliothek von La Roche auseinanderzusetzen. Die Auffassung, die diesem Bau zugrunde lag, ist typisch für die Periode des Historismus, reimt sich aber nicht mit meiner Auffassung von Architektur, weil für mich dieser Dualismus von Ansicht und innerer Organisation einfach nicht erträglich ist.“

Bei der Basler Universitätsbibliothek sind bestimmte Materialien und Formen verwendet. Haben Sie da das Vokabular der Pioniere bewusst übernommen?
„Ich habe mir immer gesagt, das heutige Vokabular ist durch die Pioniere geschaffen und es ist nicht meine Aufgabe, Neues zu entdecken. Viel wichtiger sind die räumlichen Unterscheidungen.“

Wer von den «Meistern» hat für Sie eine grosse Rolle gespielt?
„Le Corbusier und Frank Lloyd Wright, den habe ich 1932 in Wisconsin aufgesucht. Er war damals vollkommen vergessen und hatte keine Arbeit. Mein Bruder war bei Le Corbusier. Das grosse Erlebnis, das ich mit Le Corbusier hatte, War sein Buch «Vers une Architecture», und darauf hat uns Karl Moser aufmerksam gemacht. Karl Moser war der grosse Anreger, so wenig wir damals schon mit seinen Bauten anfangen konnten.“

Der Neoklassizismus, die Bewegung «Um 1800», war auch für Basler Architekten von Bedeutung, so zum Beispiel für Hans Schmidt, mit dem Sie ja befreundet waren.
„Hans Schmidt hat eine sehr starke Affinität zum Klassizismus gehabt. Für ihn war entscheidend, dort Ordnung zu finden, aus der formalen Willkür wieder festen Boden zu fassen. Ich war sehr befreundet mit ihm. Ich hatte auch schwere Auseinandersetzungen mit ihm, aber gerade in der letzten Zeit, als er wieder in Basel war, hat  sich ein interessantes Gespräch angebahnt über die «Moderne Sicht», modernen Kirchenbau, etc. Ich habe auch peinliche Situationen erlebt, so beim Schulhauswettbewerb in Wettingen. Er hat da einen streng klassizistischen, streng symmetrischen Bau gebracht, und da konnte ich mit dem bestem Willen nicht mitmachen. Ich habe es ‚bei ihm aber nie als ideologisch bedingt angesehen er war ja in Russland und hatte kommunistische Neigungen sondern mehr im Sinn, festen Grund zu fassen.“

Gibt es  Sie eigentlich eine Basler Schule?
„Nein. Über Hans Schmidt hinaus gibt es für mich keine Basler Schule, vielleicht noch Hans Bemoulli. Auf seine Anregung hin habe ich mich sehr intensiv mit dem Wohnbau, dem Einfamilienhaus für breite Nachfrage auseinandergesetzt. Ich habe zum Beispiel an der Landi 1939 das Eigenheim für 10‘000 Franken hingestellt, einen Holzbau.“

Wie beurteilen Sie die Restaurierungen in Basel, die Erhaltungsdoktrin der Denkmalpflege?
„Dieses Extrem, das wir jetzt in Basel haben, ist, so glaube ich, auf die Dauer nicht haltbar. Es gibt eine Art eigenmächtige Denkmalpflege, die an sich richtungslos ist.“

Und wie beurteilen Sie die neue Architektur der letzten zehn Jahre in Basel?
„Der BIZ-Bau ist für mich hauptsächlich städtebaulich von Belang, nämlich als Ausdruck unserer verunglückten Planung. Ich hätte gern jetzt mit Begeisterung einen Bau herausgestrichen, aber ich kann’s nicht, ich bin zu sehr negativ eingestellt. Das Theater, es bietet im Innern enorme Möglichkeiten, bedauerlich aber, dass der Architekt die ganze Bühnenfabrik machen. musste. Der Theaterraum spricht mich sehr an und die Möglichkeiten, die das Foyer bietet. Aber städtebaulich ist es in jeder Beziehung unglücklich.“

 

Portrait Otto Senn © Basler Magazin

Portrait Otto Senn © Basler Magazin

Otto Heinrich Senn, geb. 1902 in Basel; † 4. Mai 1993 ebenda, Architekturdiplom 1927 an der ETH Zürich. Studien 1930 – 1932 in Grossbritannien und den USA. Mitglied der CIAM. Seit 1933 eigenes Büro in Basel. Mitglied der Stadtplankommission und der Baukommission in Basel, städtebaulicher Berater in Lausanne.

Quelle:
Damals diskutierte man über Architektur
in: Basler Magazin, Nummer 34, 23. August 1980.

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