Projekte
30.06.25
© Maris Mezulis
Prototyp – auf der Suche nach radikaler Nachhaltigkeit
Die Utopie ist Realität geworden. «Hortus» heisst der neuste Zuwachs im Switzerland Innovation Park in Allschwil. Entstanden ist es in enger Zusammenarbeit von Immobilienentwicklerin Senn Herzog & de Meuron und ZPF Ingenieure. Gemeinsam Projektleiter Alexander Franz hatten wir die Gelegenheit, dieses Leuchtturmprojekt genauer unter die Lupe zu nehmen. Hält es, was es verspricht?
© Maris Mezulis
Am Anfang stand der Wunsch der Bauherrschaft nach «radikaler Nachhaltigkeit». Themen wie Kreislaufwirtschaft und CO₂-Ausstoss sind angesichts der Klimakrise in aller Munde, und viele Firmen schreiben sich das Thema Nachhaltigkeit auf die Fahne – bei der Umsetzung bleibt es dann oft schwammig und abstrakt. An einem Bürogebäude wie dem Hortus zeigt sich jedoch sehr konkret, was es bedeutet, zwischen wirtschaftlichen Interessen, Nutzungsanforderungen und ökologischem Anspruch zu jonglieren. Am Ende ist ein Gebäude entstanden, das viele Konventionen auf die Probe stellt – und unter anderem mit seinen Holz-Lehm-Decken bereits vor der Eröffnung viel Aufsehen erregt hat.
«Wir müssen neu denken: Nachhaltigkeit sollte bei allem, was wir herstellen – ja überhaupt allem, was wir tun – im Vordergrund sein. Daraus wird unerwartete und überraschende Architektur mit einer eigenen Schönheit entstehen.» Jacques Herzog, Herzog & de Meuron
© Maris Mezulis
Bevor wir den Hortus betreten und den einleitenden Worten von Jacques Herzog lauschen, geniessen wir das angenehme Klima im öffentlichen Durchgang zum Innenhof des Gebäudes. Bei rund 30 Grad und prallem Sonnenschein erweist er sich tatsächlich als «Hortus» – eine grüne Oase inmitten des Industrieparks. Neben Stauden und Bäumen ranken sich Kletterpflanzen zum Dach empor. Entworfen wurde der Hof vom Gartengestalter Piet Oudolf. Wir bemerken zudem einen angenehmen Luftzug, denn das gesamte Gebäude steht aufgeständert auf Punktfundamenten, sodass kühlere Luft unter dem Gebäude hindurch in den Hof zieht.
© Herzog & de Meuron
Hinein geht es für uns zur eigentlichen Innovation des Gebäudes: dem Holz-Lehm-Deckensystem. Bereits im Foyer offenbart sich der Ausdruck der Konstruktion, die sich durch das gesamte Gebäude zieht. Kernelemente sind die massiven Holzstützen mit ihren prägnant detaillierten Ecken und die darauf liegenden Fichtenträger, zwischen die Lehm in Form eines Gewölbes gestampft wurde. Ein solches Deckenelement misst 2,80 m auf 5,60 m und legt damit das Raster des Gebäudes fest.
«Durch den gezielten Einsatz von natürlichen Materialien, Licht, Luftqualität, die Verbindung zur Natur durch den begrünten Innenhof und die Förderung eines sozialen Miteinanders entsteht ein Arbeitsumfeld, das gesundheitsfördernd und inspirierend ist.» Stefan Marbach, Senior Partner Herzog & de Meuron
© Maris Mezulis
Diese Elemente sind zugleich der Kern der gesamten Konstruktion und waren auch der Ausgangspunkt im Entwurfsprozess. In einer siebenmonatigen Phase der Recherche in Zusammenarbeit mit den Firmen Lehm Ton Erde und Blumer Lehmann wurde das Deckensystem entwickelt und perfektioniert. Es besteht aus einem vorgefertigten Holzrahmen, in den massive Fichtenholzbalken eingelegt werden. Zwischen die Balken wird der Lehm in Form eines Gewölbes eingestampft und bildet später im Gebäude die notwendige thermische Masse. Für diesen Prozess wurde eine eigens entwickelte Feldfabrik auf der Baustelle errichtet. Zudem konnte der Aushub von der Baustelle zur Herstellung des Lehms verwendet werden. Mit der Verwendung nachwachsender Rohstoffe, PV-Paneelen in der Fassade und dem Verzicht auf eine Unterkellerung kann sich das Gebäude innerhalb von 30 Jahren energetisch amortisieren.
© Maris Mezulis
Anstatt eine architektonische Antwort auf ein vorgegebenes Raumprogramm zu suchen, ergibt sich der Raum aus der Konstruktion und dem einzelnen Bauteil heraus. Zugleich bedeutet dies eine geringere Flexibilität für die Mietenden, was den Eigenausbau angeht. Beim Einzug steht von der gemeinschaftlich genutzten Küche über Deckenleuchten mit Bewegungssensor bis zu den fertig gestalteten Oberflächen alles bereit.
«Hortus hat gezeigt, wie radikale Nachhaltigkeit in der Architektur möglich ist, um einen attraktiven Ort zu schaffen, an dem der Mensch im Mittelpunkt steht.» Alexander Franz, Leiter Nachhaltigkeit Herzog & de Meuron
© Herzog & de Meuron
Jacques Herzog beschreibt es als die «Suche nach einer ästhetischen Antwort» auf die drängenden Fragestellungen der ökologischen Nachhaltigkeit. Und in der Tat gibt der Hortus eine sehr spezifische Antwort. Zwischen hölzernen Oberflächen, massiven Holzstützen im engen Raster und der erdigen Decke vermitteln die Büroflächen ein besonderes Raumgefühl. Interessante Details wie etwa Kabelkanäle aus Kartonprofilen fallen uns auf. Weniger pragmatisch ist das hochwertige Eichenparkett. Reuse-Böden zu verwenden wäre sicher ein spannender Ansatz gewesen – leider war wohl nicht ausreichend geeignetes Holz verfügbar. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Firmen die Flächen aneignen. Projektleiter Alexander Franz versichert uns jedenfalls, dass bisher noch kein Lehm aus der Decke gebröselt ist.
© Maris Mezulis
Neben dem Hortus-Gebäude lohnt sich auch der Blick auf die umliegenden Bauten. Besonders ins Auge sticht das direkt benachbarte Main Campus Gebäude mit Labor- und Büroflächen. Mit seiner massiven Stahlbeton-Tragstruktur, raumhoher Dreifachverglasung und hochtechnisierter Haustechnik wirkt es wie ein Kontrastprogramm zum radikalen Low-Tech-Ansatz des Hortus. Besonders interessant: Bei beiden Gebäuden beauftragte die Immobilienentwicklerin Herzog & de Meuron zusammen mit ZPF Ingenieure per Direktvergabe – nur vier Jahre liegen zwischen beiden Projekten. Sicherlich gelten an ein Laborgebäude andere Anforderungen als an ein Bürohaus, dennoch lässt sich an diesen beiden Beispielen gut die Diskursverschiebung in der Architektur der letzten Jahre ablesen: weg von überbordender Haustechnik und Stahlbetonkonstruktionen – hin zu einer radikalen Reduzierung des ökologischen Fussabdrucks durch den Einsatz nachwachsender Rohstoffe und konstruktiver Einfachheit.
Auf dem Areal des Innovation Campus entstehen noch drei weitere Gebäude, unter anderem von Herzog & de Meuron im Auftrag von Senn Immobilien. Wir bleiben gespannt, ob mit dem Hortus-Projekt ein Paradigmenwechsel eingeläutet wurde – oder ob es ein Prototyp bleibt.
Text: Simon Böhringer