Politik 12.06.25

Wichtiger Diskurs zum Pilot Netto Null © Stiftung Architektur Dialoge Basel

Quo vadis Netto Null ? Erste Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt am Schlingerweg

Es mag sowohl am regnerischen Abend gelegen haben als auch daran, dass vom Thema nicht gleichsam die breite Öffentlichkeit tangiert wird, dass letzten Mittwoch Abend deutlich weniger Leute zum Stadtgespräch gekommen sind als bei der vorangegangenen Veranstaltung, wo es um das Basler Wohnschutzgesetz ging. Ähnlich politisch und nicht weniger wichtig für unsere Baubranche sind die ersten Erkenntnisse des Pilotprojektes am Schlingerweg, welches aus dem ersten Netto-Null Wettbewerb, den das Amt für Städtebau zusammen mit Immobilien Baselstadt ausgelobt hatte, hervorgehen. Wir hatten über den Wettbewerb ausführlich berichtet. Link

Das Projekt befindet sich derzeit im Schlussspurt des Bauprojektes, erste Erkenntnisse können bereits abgeleitet werden. Gleichzeitig merkte man aber beim Podium, dass es noch zu früh ist, um ernsthafte Kritik oder Forderungen anzubringen – weil der Prozess nicht abgeschlossen, die Schlussbilanz noch nicht vorliegt und die Beteiligten auf eine gute Zusammenarbeit angewiesen sind. Unter der Hand vernimmt man bereits, dass Architekturbüros, die in Re-Use Projekte involviert sind, eine gute Rechtsberatung benötigen, viel Kommunikationsarbeit für das ganze Team übernehmen müssen und für die Pionierarbeit einen hohen Preis in punkto nicht vergüteter Stunden zahlen.

Judith Berthram, Stifungsrätin der Architekturdialoge, stellt in ihrer Einführung fest, dass wir bereits in 12 Jahren das Jahr 2037 und weitere 13 Jahre später das Jahr 2050 schreiben. Welche konkreten neuen Rahmenbedingungen erwarten Planende, Bauwillige und Investorinnen sowie die gesamte Baubranche mit Netto-Null 2037 und dem Übereinkommen von Paris mit der Verpflichtung zu Netto-Null bis 2050? Wo stehen wir? Wo liegen die Probleme? Was brauchen wir? Und wohin geht die Reise? Für jene, die wegen des Regens abwesend waren: Die gesamte Veranstaltung kann auf youtube nachgeschaut werden.

Netto-Null warum? Zu Beginn spricht Remo Thalmann von ZPF-Ingenieure, die das Ecotool mit der Stadt Basel gemeinsam entwickelt haben, um den Büros bereits in der Phase Wettbewerb ein planerisches Tool anzubieten. Damit lässt sich auf eine spielerische Weise herausfinden, welche Konstruktionsart sinnvoll und möglichst klimaneutral ist. In seiner Keynote hält er eine kurze Einführung über die Klimaschutzziele, Gesetze, Normen. Er erläutert den Unterschied in der Betrachtung, wenn wir heute nicht nur von Scope 1 und 2, sondern auch von Scope 3 sprechen und diesen in die Bilanzierung einbeziehen. Scope 3 umfasst das, was wir unter Kreislaufwirtschaft verstehen – von der Herstellung der Baumaterialien bis zur Wiederverwendbarkeit am Ende des Lebenszyklus. Sein Appell zum Schluss, die Berücksichtigung von Scope 3 ist eine riesige Chance für die bauschaffende Branche, wir müssen zusammen diskutieren und Lösungsansätze über verschiedene Gewerke hinweg suchen, erarbeiten und zur Anwendung bringen. Es braucht dringend den Austausch und Wissenstransfer.

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Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt Die Architektin Marianne Meister, von Solanellas Van Noten Meister erläutert ihr Pilotprojekt und die Herausforderungen im Prozess. Eine Erkenntnis des Abends ist, dass sowohl die SIA-Honorierungen als auch die SIA-Phasen und Verträge für diese Re-Use Projekte nicht mehr passen, wie dies Christina Bronowski, Leiterin Entwicklung Immobilien Baselstadt auf dem Podium bestätigt. Marianne Meister spricht von einer grossen Herausforderung, dass man bereits in den frühen Phasen in der Ausführungsplanung steckt, weil die Zusammenhänge so stark sind, wenn man vom Bauteil aus entwirft. Während des Planungsprozesses stellten sich beispielsweise die Fassadenpanelle als nicht wiederverwendbar heraus. Dies bedeutet laut Marianne Meister, «planungsoffen zu bleiben – auch wenn man Dinge dann ein, zwei oder zehnmal neu zeichnet!» Gleichzeitig sei es problematisch, dass man gesetzlich die Neubauanforderungen erreichen muss und mit Re-Use nicht als Umbau zählt.

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Netto-Null ist der Ansatz, die Erstellungsemissionen so weit wie möglich zu senken und diese – in diesem Fall bis 2037 – über den Betrieb, insbesondere durch solare Gewinne, auszugleichen. Marianne Meister bestätigt, dass die Zielvorgabe von 6 kg CO₂ pro m² in der Erstellung ein ambitioniertes Ziel sei und heute noch nicht abschliessend beurteilt werden könne, ob es erreicht wird. Mehrmals am Abend wird betont, dass kein „Öko-Luxus“ angestrebt wird und keine Kostendifferenz zu einem herkömmlichen Projekt entstehen soll. Es werde alles minutiös berechnet – die  Lagerung, die Aufbereitung der Bauteile etc. Immobilien Baselstadt möchte ihre Erkenntnisse aus dem Prozess und die Learnings weitergeben und zur Verfügung stellen. Heute gehen sie von rund 10% mehr Planungsleistung aus, es brauche Leute, die diesen Mehraufwand machen wollen. Auch die Fachplaner müssen zwingend im Spirit vom Pilotprojekt dabei sein. Ob die von Immobilien Baselstadt angepriesenen 10% wirklich ausreichen, erfahren wir hoffentlich, wenn das Projekt abgeschlossen ist. Für die Branche wäre es wünschenswert, wenn wir vom Pilot am Schlingerweg durch einen offenen und transparenten Diskurs - der wohl erst am Ende des Projektes möglich wird - lernen können.

Schliengerweg

© Solanellas Van Noten Meister

Wie geht es weiter Spannend wird der nächste Schritt, wenn die ersten Angebote der Handwerker und Unternehmer eintreffen. Zwar wurden bereits viele Messungen und Tests durchgeführt, dennoch bestehen weiterhin Haftungsfragen. Vieles könnte auf die Handwerker zurückfallen – gleichzeitig entfällt ein Teil des Honorars, da normalerweise die Materiallieferung darin enthalten ist. Wir sind gespannt wie attraktiv dies für die Baubranche ist und inwiefern das Handwerk bereit ist den wichtigen Weg mitzugehen. Beim Schlusswort benennt PD Dr. Oliver Streiff, Leiter Fachstelle Städtebau- und Umweltrecht, ZHAW, dass wir als Gesellschaft nicht darum herum kommen die wesentlichen Gesetze, wie das kantonale Baugesetz, das Raumplanungsgesetz und das Umweltgesetz des Bundes auf die neue Art zu Bauen um zu poolen. Diese seien weitaus weniger starr als häufig behauptet! Gleichzeitig zeigt sich bereits heute, dass dies auch bei den Instrumenten des SIA nötig sein wird. Dafür braucht es Pilotprojekte und Rückschlüsse daraus. Wir danken Architekturdialoge für das wichtige Format und den Teilnehmer für den Beitrag zum Diskurs.


Text:  Christina Leibundgut, Architektur Basel Podium: - Marianne Meister, Architektin, Solanellas Van Noten Meister, BS - Remo Thalmann, ZPF Ingenieure, Grüne BS - Christina Bronowski, Leiterin Entwicklung Immobilien BS - PD Dr. Oliver Streiff, Leiter Fachstelle Städtebau- und Umweltrecht, ZHAW - Ladina Thurnherr, Masterstudentin FHNW Einführung: Judith Bertram-Kaufmann, Architektur Dialoge Moderation: Dieter Kohler, Journalist/Moderator