Rebecca Kunz: „Was heisst schon Relevanz?“ – Monatsinterview #1

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Das zwischen Architektur und Kunst eine Verbindung besteht, wissen wir seit der Antike. Im Begriff der Baukunst, die das das „sachgerechte und künstlerische Bauen“ bezeichnet, findet sich die etymologische Entsprechung. Unser Monatsinterview mit Rebecca Kunz hat mitunter mit dem Wunsch nach einem stärkeren Dialog der beiden Disziplinen zu tun. Ihr Werk zeichnet sich nebst vielem anderen durch räumlich-archiketonische Recherchen aus. Durch Verfremdung und Überformung von bestehenden Räumen, wie beispielsweise in einem leerstehenden Haus im noblen Basler Gellertquartier, schafft sie einprägsame Räume, die die BesucherInnen auf allen Sinnesebenen herausfordern. Es ist kein Zufall, dass sie sich beruflich nebst der Kunst auch der Innenarchitektur widmet. „Ich habe mich schon immer für Architektur interessiert“, sagt Kunz, die sich insbesondere mit der Wechselwirkung zwischen Raum und Mensch beschäftigt: „Wir bauen zwar Räume, aber diese Räume formen und beeinflussen uns ebenso.“ Ein Gespräch über Mut, Sinnesebenen, Überraschungseffekte, Relevanz und Grössenwahn.

Architektur Basel im Gespräch im Atelier von Rebecca Kunz in Basel © Armin Schärer / Architektur Basel

Lukas Gruntz (Architektur Basel): Du hast in Bern das Gymnasium absolviert, danach Visuelle Kommunikation studiert und anschliessend in Basel den „Master in Fine Arts“ gemacht. Seit wann spielt Kunst in deinem Leben eine zentrale Rolle?
Rebecca Kunz: „Ich habe bereits als Kind viel gezeichnet, gespielt und bin in meine ganz eigenen Welten eingetaucht. Tagelang. Auch gewisse Ausstellungen, die ich als Teenager besuchte, haben mich berührt und fasziniert. Zum Beispiel eine Ausstellung mit den Fotos von Cindy Sherman oder Tracy Emin. Ab da wollte ich eigentlich Kunst machen. Ich habe mich aber zuerst nicht getraut. Ich dachte, ich müsse erst einen „normalen“ Beruf erlernen. Ich ging nicht gern zur Schule. Ich habe es gehasst. Sozialkompetenz, Teamfähigkeit, Kreativität und Originalität schienen dort keine grosse Rolle zu spielen. Nach der Matura habe ich ein Jahr ein Praktikum in einem Architekturbüro hier in Basel gemacht und danach den gestalterischen Vorkurs absolviert. Schon damals war mein Interesse sehr breit gefächert: Ich habe mich für soziale Berufe interessiert, aber auch für Innenarchitektur, Szenografie, Kunst und Design. Am Ende habe ich mich für ein Studium der visuellen Kommunikation entschieden. Parallel dazue hatte ich aber bereits mit einer Freundin, Rebekka Schaerer, ein Künstlerduo gegründet: Rebecca Rebekka. So hat es angefangen mit der Kunst.“

Du hast gesagt, du hättest dich nicht getraut, Kunst zu machen. Wieso das?
„Kunst zu machen, ist die grösste Herausforderung, der ich mich stellen kann. So viel Freiheit! Das ist verlockend und schön; aber auch schwierig. Manchmal fehlt mir die Struktur und die Arbeit im Team. Jede Woche ist anders. Die finanzielle Unsicherheit ist ebenfalls ein Aspekt, der dazukommt. Aber mein Interesse für die Kunst war und ist so gross, dass ich einfach weitermache. Manchmal, wenn man etwas nicht macht, romantisiert man die Vorstellung, wie es wäre, es zu tun. Das freie, schöne Leben als Künstlerin und so. Ich musste das jetzt ausprobieren. Mich dem stellen. Wenn ich an meine Grenzen stosse oder keine Energie mehr habe, dann mache ich halt etwas anderes. Aber dann habe ich es wenigstens gemacht …“

Wandbehang und Brotschau von Rebecca Rebekka © Rebecca Kunz

Wie erwähnt, hast du mit Rebekka Schaerer drei Jahre lang als Künstlerinnenduo Rebecca Rebekka gearbeitet. Hängen geblieben ist mir die Arbeit mit Tieren aus Brotlaiben und alten Pinseln. Was sind deine Erinnerungen an diese Zeit?
„Es war eine wilde und gute Zeit. Wir hatten viele Ideen, die wir mit einfachen Mitteln umgesetzt haben. Es war sehr unverkrampft und spielerisch.“

Und wie wichtig war dabei die Arbeit im Duo?
„Es hat mich in meiner Arbeit bestärkt. Es gab mir Sicherheit. Zu zweit war es auch lockerer. Wir waren schneller darin, Ideen zu entwickeln und diese auch wieder zu verwerfen. Wie gesagt, hatten wir viel Spass. Als Duo haben wir auch recht plakative Arbeiten gemacht. Noch heute liegt mein Interesse an Arbeiten, die zugänglich sind – und nicht in sich geschlossen. Eine Logik von A bis Z suche ich nicht. Ich mache jetzt wieder vermehrt Kollaborationen. Ich mag den Austausch und bin eine Teamplayerin. Ich entwickelte Dinge gerne gemeinsam. Alleine ist alles ein bisschen ernster.“

„Mein Interesse ist so breit gefächert, dass es unmöglich ist, mich auf ein Ding festzulegen. Ich bräuchte sieben Leben, damit ich alles machen könnte, was mich interessiert.“

Rebecca Kunz: „Ein Architekturstudium war mir letztlich zu technisch. Mein Interesse ist so breit gefächert, dass es unmöglich ist, mich auf ein Ding festzulegen.“ © Armin Schärer / Architektur Basel

Du hast erwähnt, dass du in einem Architekturbüro gearbeitet hast. War der Beruf der Architektin also auch mal ein Thema für dich?
„Ich habe mich schon immer für Architektur interessiert. Besonders für Innenarchitektur und Innenräume, woran ich ja heute auch immer noch arbeite. Das Praktikum bei Nussbaumer Trüssel Architekten in Basel war für mich direkt nach der Matura eine grosse Chance. Ich war da noch jung und hatte keine Ahnung, wie das alles funktioniert. Ich war ihre erste Praktikantin überhaupt. Es war ein schönes Jahr für mich. Ich durfte viele Modelle bauen und sie haben mich auf so manch eine Baustelle mitgenommen.“

Am Schluss hast du dich dennoch gegen das Architekturstudium entschieden. Weshalb?
„Ein Architekturstudium war mir letztlich zu technisch. Mein Interesse ist so breit gefächert, dass es unmöglich ist, mich auf ein Ding festzulegen. Ich bräuchte sieben Leben, damit ich alles machen könnte, was mich interessiert.“

Haus Hardstrasse 43 © Rebecca Kunz

Im Rahmen deiner Masterarbeit hast du ein leerstehendes Haus im Gellert zum begehbaren Kunstwerk transformiert. Wie kam es dazu?
„Während des Studiums habe ich angefangen disfunktionale Möbel zu bauen, in die ich selbst hineinpassen würde. Ich merkte, dass mich der Innenraum der Möbel mehr interessiert, als das Objekt an sich. Ich hatte das Bedürfnis, diesen Innenraum erlebbar zu machen. Dies führte mich zur Idee, ein Haus zu suchen. Mentoren, die mich damals begleitet haben, fanden die Idee teilweise irre.“

„Ich war ein halbes Jahr alleine in diesem verwinkelten Gebäude. Ziemlich zu Beginn habe ich die Entscheidung getroffen, die Fenster, den Blick nach aussen zu schliessen. Ich wollte eine Kapsel erschaffen und den Blick nach Aussen verunmöglichen.“

Haus Hardstrasse 43 © Rebecca Kunz

Deine „irre“ Idee hast du dann aber tatsächlich realisiert.
„Wie durch ein Wunder habe ich das Haus an der Hardstrasse gefunden. Ich war ein halbes Jahr alleine in diesem verwinkelten Gebäude. Ziemlich zu Beginn habe ich die Entscheidung getroffen, die Fenster, den Blick nach aussen zu verschliessen. Ich wollte eine Kapsel erschaffen und den Blick nach Aussen verunmöglichen. Nach und nach habe ich Wände eingebaut, Böden verlegt und verschiedenste Varianten getestet.“

Was für ein Haus hast du vorgefunden?
„Ein 130-jähriges Haus mit einem Turm und zwei Treppenhäusern. Wie gesagt, total verwinkelt. Ursprünglich war es das Bedienstenhaus der danebenstehenden Villa. In den 1980er-Jahren wurde es umgebaut. Es war wie ein Labyrinth. Nachdem ich die Fenster geschlossen hatte, war ich oft ganz alleine in der Dunkelheit des Hauses. Das war eine krasse Erfahrung. Das Haus ist irgendwann in mich übergegangen. Ich wurde sozusagen zum Haus und musste aufpassen, dass ich nicht verrückt wurde.“

Haus Hardstrasse 43 © Rebecca Kunz

Das stelle ich mir tatsächlich ziemlich verrückt vor. Welche Themen haben dich dabei beschäftigt? Was hat dich gereizt?
„Mich interessiert die Wechselwirkung zwischen uns und Räumen. Wir bauen zwar Räume, aber diese Räume formen und beeinflussen uns ebenso. Ich interessiere mich für das körperliche Erleben. Statt die BetrachterInnen auf Kunstobjekte zuzuführen, haben meine Raumeingriffe und Interventionen dieses Verhältnis gerade umgedreht. So auch an der Hardstrasse. Es war sehr schwer, sich im Haus zu orientieren. Es schien alles so real und gleichzeitig surreal. Ich habe mich schon da für die verschiedenen Sinnesebenen interessiert. So habe ich mit der vorhandenen Architektur, mit Künstlichkeit, mit Licht, Geräuschen sowie mit Luftqualität und Gerüchen gearbeitet.“

Wie hast du dich von dem Haus danach wieder gelöst? War das schwierig?
„Ja, das war sehr schwierig. Ich musste alles wieder rückbauen. Glücklicherweise erhielt ich am Tag, an dem ich mit dem Rückbau begonnen hatte, die Einladung für eine Soloausstellung im Kunsthaus Baselland. Das hat den Abschied erleichtert.“

Ausstellung im Kunsthaus Baselland © Rebecca Kunz

In deiner Ausstellung im Kunsthaus Baselland hast du dich dann ebenfalls stark mit räumlichen Interventionen beschäftigt. Kann man das als eine Art Fortsetzung deiner Auseinandersetzung an der Hardstrasse verstehen?
“Ja. Inhaltlich wie formal kann man das als eine Art Fortsetzung sehen. Auch im Kunsthaus habe ich eine in sich geschlossene Kapsel gebaut. Ich habe architektonische Elemente wie Wände, Türen, Lüftungen, Bodenbeläge aber auch subtile Gerüche und Geräusche hinzugefügt und andere wiederum verschwinden lassen.“

„Architektur soll uns Sicherheit geben, uns schützen. Ich spiele gerne mit diesen Parametern. Ich denke jeden Raum als ein Bild. Bei meiner Arbeit im Kunsthaus sollte man nie die räumliche Übersicht erhalten, sondern vielmehr die Orientierung verlieren.“

Ausstellung im Kunsthaus Baselland © Rebecca Kunz

Und wie hat sich der dennoch museale, also ein stückweit artifizielle Rahmen des Kunsthauses auf dich und deine Arbeit ausgewirkt?
„In einer Institution wie dem Kunsthaus zu arbeiten, ist sicherlich eine andere Herausforderung, weil der Kunst-Kontext schon da ist. Ein Erlebnis zu schaffen, dass an dasjenige der Hardstrasse anknüpft ist, ist mit viel mehr architektonischen Eingriffen und somit noch grösserem baulichem Aufwand verbunden. Architektur soll uns Sicherheit geben, uns schützen. Ich spiele gerne mit diesen Parametern. Ich denke jeden Raum als Bild. Bei meiner Arbeit im Kunsthaus sollte man nie die räumliche Übersicht erhalten, sondern ganz im Gegenteil die Orientierung verlieren. Die Türen haben sich hinter den Besuchern automatisch geschlossen. Es ging mir um einen Spannungsbogen, ein zeitliches Durchschreiten. Man bewegte sich durch schmale Gänge, bevor man in einen grossen Raum kam. Der Überraschungseffekt war dabei ein wichtiger Moment.“

Inwiefern sollten die Besucher verunsichert werden – oder zumindest dazu angeregt werden, ihre Gewissheiten zu hinterfragen?
„Das war sicher eine Absicht. Ich beobachte mich selbst, wie ich oft total abgeklärt durch Ausstellungen gehe und sofort einordne, ob mich ein Kunstwerk interessiert oder nicht. Das ist ein bisschen wie beim Scrollen auf dem Smartphone. Ich wollte die Distanz zwischen Kunstwerk und BetrachterIn auflösen. Man hat keine Wahl, da man selbst in der Kunst drin ist. Man steht nicht davor. Es vermischen sich die Grenzen zwischen Architektur, Kunst und Körper. Was war schon da? Was ist echt und was nicht? Braucht die Stühle da jemand oder ist das Kunst? Mich interessiert dabei das Unterbewusste, da es massgeblich zur Stimmung beiträgt. Ich glaube nicht, dass Menschen Räume sehr unterschiedlich wahrnehmen. Natürlich reagieren einige sensibler auf enge Räume oder stehende Luft. Die meisten Parameter kann man jedoch einstellen.“

Ausstellung im Kunsthaus Baselland © Rebecca Kunz

Gab es Rückmeldungen oder Reaktionen, die du so nicht erwartet hättest?
„Es gab Leute, die im ganz weissen Raum fast schon religiöse Erfahrungen machten. Einige fanden die Räume der Ausstellung wahnsinnig unangenehm. Es macht mich oft nervös, dass ich Dinge zwar plane, aber nicht weiss, ob und wie sie funktionieren. Die Gewissheit kommt oft erst kurz vor Ausstellungseröffnung. Beispielsweise im weissen Raum. Dort wurde mir selbst ganz schwindlig, als ich den Boden geputzt habe. Das ist wie im Schnee, wenn man nicht mehr weiss, wo oben und unten ist, die Orientierung komplett verliert. Es hat also funktioniert.“

„Meine Kunst entspringt einzig und allein meinen Interessen. Vielleicht bin ich ein bisschen grössenwahnsinnig, was mir selbst manchmal Angst macht. Umso mehr Mut brauche ich.“

Die Direktorin des Kunsthauses Baselland, Ines Goldbach, nannte deine Haltung “mutig und radikal”. Mut ist meistens etwas Gutes. Inwiefern interessiert dich jedoch die Radikalität?
„Das Credo, unbedingt radikale Kunst machen zu wollen, würde ich jetzt nicht an meinen Kühlschrank kleben. Meine Kunst entspringt einzig und allein meinen persönlichen Interessen. Vielleicht bin ich ein bisschen grössenwahnsinnig, was mir selbst manchmal Angst macht. Umso mehr Mut brauche ich.“

Architektur Basel-Redaktor Lukas Gruntz im Gespräch mit Rebecca Kunz: „Und wie äussert sich der Grössenwahn bei dir?“ © Armin Schärer / Architektur Basel

Anders gefragt: Ist die Radikalität nicht eine zwingende Voraussetzung für Kunst, sofern sie relevant sein soll?
„Hmmm. Was heisst schon Relevanz? Ist Radikalität und Relevanz nicht immer abhängig von Zeit und Ort? Und liegt nicht beides im Auge des Betrachters? Ich möchte auf keinen Fall schubladisiert werden. Ich suche immer weiter nach Neuem. Es geht dabei auch immer ums Scheitern und darum, mich selbst an meine Grenzen zu bringen. Ich zwinge mich dazu, mutig zu sein.“

Und wie äussert sich der Grössenwahn bei dir?
„Ich lasse mich nicht beirren oder von meinen Ideen abbringen. Ich mag es, gross zu denken. Das hat vielleicht auch etwas mit Radikalität zu tun.“

Interview: Lukas Gruntz / Architektur Basel
Fotos: Armin Schärer / Architektur Basel


weitere Infos zu den Arbeiten von Rebecca Kunz > http://rebecca-k.ch/



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