Stadtbildkommission: Bauen ist immer von grundsätzlicher Natur, gopferdori!

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Der Grosse Rat will die Stadtbildkommission entmachten. Sie soll nur noch in wenigen Fällen verbindliche Entscheide treffen dürfen. Eine entsprechende Motion wurde von einer grossen Mehrheit an die Regierung überwiesen. Das ist aus vielen Gründen ein problematischer und kurzsichtiger Entscheid – für die Basler Baukultur war es ein schwarzer Tag.

Über Jahrhunderte zentraler Bestandteil der Grossbasler Rheinfront: das Münster. Foto: Kantonale Denkmalpflege Basel-Stadt, Klaus Spechtenhauser

Das Stadtbild ist ein bedeutendes kulturelles Gut. © Kantonale Denkmalpflege Basel-Stadt, Klaus Spechtenhauser

„Nach welchen Kriterien soll ein Bauinspektor entscheiden, ob die „grundsätzliche Natur“ gegeben ist?“

Worum geht es? Anstatt heute in den Nummernzonen, die den Grossteil der Stadtfläche ausmachen, soll die Stadtbildkommission künftig nur noch bei Baubegehren in der Schonzone einen verbindlichen Entscheid fällen dürfen. Eine Degradierung, da sich sämtliche Entwicklungsgebiete, also dort wo künftig mehrheitlich gebaut wird, in den Nummernzonen befinden. Ein kleines Türchen soll offen bleiben: Bei Bauvorhaben „von grosser Tragweite oder von grundsätzlicher Bedeutung“ entscheidet die Stadtbildkommission weiterhin verbindlich. Das Problem an dieser schwammigen Formulierung: Ob ein Baugesuch „von grosser Tragweite“ oder „grundsätzlicher Natur“ ist, entscheidet künftig das Bau- und Gastgewerbeinspektorat – wie soll das gehen? Nach welchen Kriterien soll ein Bauinspektor entscheiden, ob die „grundsätzliche Natur“ gegeben ist? Bauen ist immer von grundsätzlicher Natur, gopferdori! Und jeder Strassenzug in der Stadt ist von „grosser Tragweite“, oder soll man künftig unterscheiden, ob das Stadtbild der Schauenburgerstrasse wichtiger sei, als dasjenige der Lothringerstrasse? Ob der Erasmusplatz bedeutender sei als der Tellplatz? Das ist doch absurd! Die Formulierung ist unpräzise, schwammig – die Juristen in der Stadt dürften sich in den kommenden Jahren auf zusätzliche Arbeit freuen.

„Es gibt kaum eine Stadt auf der Welt, die ein so hohes baukulturelles Niveau aufweist – und vor allem über ein derart grosses Verständnis für Architektur verfügt.“

Wenn die treibende Kraft hinter dem Vorstoss, SP-Grossrat René Brigger, den Sonderstatus der Stadtbildkommission anzweifelt und sagt: „Das gibt es weltweit so nicht“, muss man energisch entgegnen: „Das ist kein Zufall!“ Es gibt kaum eine Stadt auf der Welt, die ein so hohes baukulturelles Niveau aufweist – und vor allem über ein derart grosses Verständnis für Architektur verfügt, wobei der Grosse Rat mit seinem kurzsichtigen Entscheid genau dieses Verständnis schmerzlich hat vermissen lassen. Unsere Bauten sind bedeutende Kulturgüter. „Die Stadt ist ein kollektives Werk, eine gesellschaftliche und kulturelle Leistung von hoher Komplexität“, sagte der Präsident der Stadtbildkommission, Matthias Ackermann, im Interview mit Architektur Basel.

Wohnhaus Berri Malzgasse 16 © Architektur Basel

Bauten als bedeutende Kulturgüter: Das Wohnhaus Berri an der Malzgasse 16 © Architektur Basel

Natürlich ist auch Selbstkritik angebracht: Die Fachverbände – allen voran der BSA – haben in dieser Frage unglücklich agiert. Der politische Lobbyismus hat hier nicht oder nur ungenügend funktioniert. Anders ist das überaus deutliche Resultat im Grossen Rat nicht zu erklären. „Dass die Verbindlichkeit der Entscheide der Stadtbildkommission zurückgestuft wird, ist fatal“, kommentierte Simon Frommenwiler, Vorsitzender des Bundes Schweizer Architekten Basel den Entscheid – leider zu spät. Und auch die Stadbildkommission selbst scheint die Situation unterschätzt zu haben. Wie sonst ist es zu erklären, das Präsident Ackermann im Interview mit Architektur Basel im vergangenen September sagte: „Im Moment scheint mir die Stadtbildkommission aber weitgehend unangefochten zu sein.“

„Die Grossräte sind eingeladen, sich die Genossenschaftssiedlung „Im Vogelsang“ von Hans Bernoulli anzuschauen. So sieht qualitätsvolle und dennoch preisgünstige Baukultur aus!“

Zurück zum Inhalt: Es ist schlicht falsch, wenn gewisse Gegner der Stadtbildkommission ins Feld führen, deren Vorgaben würden Sanierungen massiv verteuern. Nehmen wir als Beispiel den Ersatz von Fenstern: Es ist sinnvoll, wenn von der Stadtbildkommission Holz- oder Holz-Metallfenster gefordert werden. Die sind zwar etwas teurer, aber langlebiger und punkto Produktion nachhaltiger als Plastikfenster – und in der Lebenszyklus-Betrachtung letztlich dennoch günstiger, weil langlebiger. Und überhaupt: Wenn  renditeorientierte Bauherrschaften in Basel künftig munter Plastikfenster verbauen, werden sie dennoch die Marktmiete aus ihrer Immobilie rausholen wollen – in diesem Fall wird also lediglich die Rendite (noch) etwas grösser. Die Stadtbildkommission kann Investoren – sagen wir eine Immro AG – immerhin zu einem nachhaltigen Umgang mit der Bausubstanz zwingen. Dieses Beispiel zeigt, dass die Entmachtung – insbesondere auch aus sozialdemokratischer Sicht! – hochproblematisch ist. Vorbildlich sind Genossenschaften, die meist hochwertiger, langlebiger und nachhaltiger Bauen als jede Pensionskasse. Ein Beispiel? Die Grossräte sind eingeladen, sich die die Genossenschaftssiedlung „Im Vogelsang“ von Hans Bernoulli anzuschauen. Oder die sorgfältige Sanierung der Eisenbahnerhäuser am Tellplatz der Gewona Nord-West, die in enger Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege passiert. So sieht qualitätsvolle und dennoch preisgünstige Baukultur aus!

Siedlung ‚Im Vogelsang‘ (1925) von Hans Bernoulli © Tageswoche

Wenn der kürzlich verstorbene Werner Blaser einst bemerkte: „Architektur ist in Basel zu einem Teil der Kultur geworden“, gibt es nach dem Entscheid des Grossen Rates diesbezüglich einige Fragezeichen. Für uns Bauende heisst es: Umso mehr einstehen für die Basler Baukultur! Architektur geht uns alle etwas an. Und: Die Hoffnung liegt zwar auf der Intensivstation, aber gestorben ist sie noch nicht. In einigen Monaten wird der Grosse Rat abschliessend über die künftige Rolle der Stadtbildkommission entscheiden. Wir bleiben am Ball.

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel

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