Aktuelles 12.11.21

Der künftige Blick an der Grenzacherstrasse: Der rekonstruierte Bau 27 von Salvisberg (links) wird an die Strasse geschoben © F. Hoffmann-La Roche Ltd

Überraschende Kehrtwende der Roche: Salvisbergs Bau 27 bleibt erhalten

Zuerst sollte er unter Schutz gestellt werden. Dann machte der Denkmalrat einen überraschenden Rückzieher und gab ihn zum Abbruch frei. Und jetzt die erneute Kehrtwende: Bau 27 von Otto Rudolf Salvisberg soll erhalten werden. Was geht da vor sich auf dem Roche-Areal? Betreten verboten? Das Produktionsgebäude mit seinen charakteristischen Bandfenstern war das erste seiner Art, das von Architekt Otto Rudolf Salvisberg erbaut wurde. Es steht damit sinnbildlich für die baukulturelle DNA der Roche. Erbaut von 1936-1937 ist der Bau mit seiner aus der Betonkonstruktion entwickelten Gestaltung – charakteristischen Pilzstützen und flexible Grundrisse – in konstruktiver und architektonischer Hinsicht ein Pionierbau. Trotz seiner hohen baukulturellen Bedeutung wurde Bau 27 vom Basler Denkmalrat völlig überraschend zum Abbruch freigegeben. An einer Podiumsdiskussion im November 2020 liess sich Roche-Standortleiter Jürg Erismann auf die Frage, was er bei einer Unterschutzstellung mit dem Bau tun würde, zu einer flapsigen Antwort hinreissen: «Dann würden wir anschreiben: Betreten verboten.» Zum Glück hat die Roche ein Jahr später und dem Einsatz von ausreichend Gehirnschmalz eine intelligentere Antwort gefunden.

Konstruktion Betriebsgebäude, Roche Bau 27 1936/37, Otto Rudolf Salvisberg; ab 1951 Erweiterung durch Roland Rohn © Alois Diethelm

Verschiebung an die Grenzacherstrasse Die Roche hat sich im Rahmen der weiteren Überlegungen zum Bebauungsplan für das Roche-Südareal entschieden, die ursprüglichen Teile des bestehenden Bau 27 zu erhalten. Sie plant einen Teil des Gebäudes direkt an der Grenzacherstrasse zu rekonstruieren. Die Roche möchte mit diesem Schritt wesentliche historische Elemente des Rohbaus wie Pilzstützen und Treppenhäuser erhalten. Sämtliche Elemente, die zu einem späteren Zeitpunkt von Roland Rohn an das Gebäude angebaut wurden, werden nicht Teil der Rekonstruktion sein. Sie werden rückgebaut. Was heisst das konkret? Nach Rückbau der erweiterten Gebäudeteile und des angebauten Trakts gegen Süden zum Rhein hin (Roland Rohn 1951-1954), wird der ursprüngliche Kern von Bau 27 an die Gresnzacherstrasse verschoben und dort originalgetreu rekonstruiert. Drei von vier Fassaden sind nicht mehr vorhanden; ein Drittel der Struktur ebenfalls. Es wird gibt also einiges zu rekonstruieren. In der Basler Architekturgeschichte ist es noch nie vorgekommen, dass ein Industriebau derart aufwändig verschoben, erhalten und rekonstruiert wird.

Visualisierung Roche_Südareal © F. Hoffmann-La Roche Ltd

An drittem Hochhaus wird festgehalten Was heisst der Entscheid für die weitere Planung auf dem Südareal? Die Planungen für ein drittes Hochhaus am Rhein (Bau 3) und das zentrale Empfangsgebäude im Südareal sind von der Entscheidung nicht betroffen. «Das Genehmigungsverfahren sowie der Zeitplan für die Abrissarbeiten der bestehenden Gebäude im Südareal werden wie geplant fortgeführt», schreibt die Roche. Ob das dritte Hochhaus tatsächlich gebaut wird, lässt die Roche hingegen weiterhin offen. Das hänge vom Platzbedarf ab. Es geht beim nächsten Schritt um die Rechtssicherheit für die künftige Planung. Ebenso wird am Abbruch aller weiteren Bauten von Roland Rohn – inklusive dem prägenden Hochhaus an der Grenzacherstrasse – festgehalten. Der grosse Teil der heute vorhandenen Bausubstanz auf dem Südareal soll verschwinden. Und damit Unmengen von grauer Energie und gebundenem C02. Ob die Debatte hier weitergeht, bleibt offen. Was sagt der Countdown 2030 dazu? Ikone wird wieder Ikone Bleibt die Frage zum Schluss: Was hat die Roche dazu bewogen, Bau 27 nun doch nicht abzureissen? Letztes Jahr tönte das seitens Jürg Erismann ganz anders: «Gemäss dem Gutachten benötigt der Bau eine Totalsanierung.» Diese sei jedoch weder technisch noch ökonomisch sinnvoll. Und Architekt Pierre de Meuron: «Es war einmal eine Ikone, ist es aber nicht mehr.» Die neusten Pläne sollen ihn nun wieder zur Ikone machen, die er einmal war. Die Rekonstruktion ist ein denkmalpflegerisch heikles Terrain, insbesondere wenn damit eine Verschiebung des Gebäudes an einen neuen Standort einhergeht. Man darf auf die weitere Planung gespannt sein. Programmatisch soll der Bau künftig für Büros und möglicherweise eine Cafeteria zum Solitude Park dienen.

Der künftige Blick an der Grenzacherstrasse: Der rekonstruierte Bau 27 von Salvisberg (links) wird an die Strasse geschoben © F. Hoffmann-La Roche Ltd

Ein Feigenblatt? Soviel ist klar: Es handelt sich um einen äussert geschickten, strategischen Schachzug der Roche. Der Heimatschutz und die freiwillige Denkmalpflege können sich damit auf die Fahne schreiben, doch etwas für die Baukultur erreicht zu haben. Die Gesichter bleiben gewahrt. Und dennoch wird die Planung der Roche auf dem Südareal samt drittem Hochhaus kaum tangiert. Ob Salvisbergs Bau 27 dabei als Feigenblatt dient, wird sich weisen. Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel