Projekte 18.08.25
Altstadtpoesie mit dem gewissen Etwas: Die neue Laube und die Reduktion der Hofmauer bringen das Gebäude und den Strassenraum zusammen. Foto © Annette Fischer

Altstadtpoesie mit dem gewissen Etwas: Die neue Laube und die Reduktion der Hofmauer bringen das Gebäude und den Strassenraum zusammen. Foto © Annette Fischer

Vermittlerin in vielerlei Hinsicht: das umgenutzte ehemalige Bezirksgericht Waldenburg

Als sich Stadt und Land 1832 trennten, wurden im Baselbiet fünf Bezirksgerichte etabliert; eines davon in Waldenburg. 2012 stimmte die Bevölkerung für eine Reorganisation. 2014 zog das Gericht schliesslich aus. Nun aber kehrt Leben zurück in die alten Mauern an der Hauptstrasse 70 und 72. Mehr sogar: die Umnutzung von Salathé Architekten integriert das Gebäude ins Waldenburger Stedtli, schafft neue Bezüge und vereint, was bis anhin getrennt war. Die Hauptstrasse in Waldenburg ist eng. So eng, dass sich Fahrzeuge an der schmalsten Stelle nicht mal kreuzen können. Vor 12 Jahren hat man sich dazu entschieden, die Strasse zu Gunsten breiterer Trottoirs zu reduzieren. Viel Autoverkehr gibt es in Waldenburg ohnehin nicht. Das war früher anders. Eine erste Blütezeit erlebt die Ortschaft mit historischem Stadtrecht nach der Eröffnung des Gotthardpasses. Mit der Inbetriebnahme der Centralbahn jedoch erliegt der Verkehr über den Oberen Hauenstein, an dessen Fuss die Stadt als letzte Ortschaft im Waldenburgertal liegt. Ab 1853 zieht deshalb die Uhrenindustrie nach Waldenburg. Heute werden hier keine Zeitmesser mehr gefertigt. Zwischenzeitlich waberte durch Waldenburg der unangenehme Mief einer Schlafstadt – oder zumindest eines Schlaforts. Kann ich so sagen; ich bin ein paar Dörfer talabwärts aufgewachsen. Heute aber weht ein vorsichtiges Lüftchen frischer Wind durch die enge Hauptstrasse.
Das verbreiterte Trottoir war eine erste Massnahme zur Reaktivierung der Altstadt. Die Umnutzung des ehemaligen Bezriksgerichts zu Wohnungen und dem Kulturraum im Erdgeschoss ist ein nächster Schritt zur Wiederbelebung der Waldenburger Altstadt. Plan © Salathé Architekten

Das verbreiterte Trottoir war eine erste Massnahme zur Reaktivierung der Altstadt. Die Umnutzung des ehemaligen Bezriksgerichts zu Wohnungen und dem Kulturraum im Erdgeschoss ist ein nächster Schritt zur Wiederbelebung der Waldenburger Altstadt. Plan © Salathé Architekten

Die Verbreiterung der Trottoirs damals war gewissermassen eine räumliche Massnahme zur Reaktivierung des Stedtlis. Der Umbau des ehemaligen Bezirksgerichts zu Wohnungen und einem Gemeinschaftsraum bildet nun einen weiteren Baustein in der Neubelebung der historischen Altstadt. Architekt Dominique Salathé nennt das Projekt einen Glücksfall: «Das Zusammenwirken zwischen Wohnstadt als neuer Eigentümerin, den Behörden, insbesondere der Denkmalpflege, den Handwerker:innen und Architekt:innen ist meiner Meinung nach gelungen!»
Die strenge Gliederung in drei und vier Achsen zur Hauptstrasse hin wurde beibehalten. Foto © Annette Fischer

Die strenge Gliederung in drei und vier Achsen zur Hauptstrasse hin wurde beibehalten. Foto © Annette Fischer

Wir betreten die beiden Gebäude über eine kleine Treppe von der Hauptstrasse her. Beide Liegenschaften sind im Grunde gleich organisiert; ein Gang führt jeweils zu einer rückwärtigen halbgewendelten Treppe, ein Ausgang zum Hof. Das Erdgeschoss beherbergte früher den Eingang, den Empfang und das Archiv des Bezirksgerichts.

«Der Umbau der Gebäude des ehemaligen Bezirksgerichts ist ein Glücksfall. Das Zusammenwirken zwischen Wohnstadt, den Behörden, den Handwerker:innen und Architekt:innen ist meiner Meinung nach gelungen!» • Dominique Salathé

Neu gehören bis auf einen Technikraum alle Flächen im Erdgeschoss zum Kulturraum Waldenburg. Der ehemalige kleine Empfangsschalter als Reminiszenz ans Gericht konnte erhalten bleiben. Eine Mischung zwischen Einbaumöbelcharme der (vermutlich) 1960er-Jahre und etwas staubig anmutender Verwaltung. Dass die Geschichte des Gebäudes erhalten bleibt, ist denn aber auch ganz im Sinne der Architekt:innen; nicht zuletzt auch der Denkmalpflege.
Der Kulturraum im Erdgeschoss von Nr. 70 mit dem ehemaligen Schalter – eine Reminiszenz an die vorherige Nutzung. Foto © Annette Fischer

Der Kulturraum im Erdgeschoss von Nr. 70 mit dem ehemaligen Schalter – eine Reminiszenz an die vorherige Nutzung. Foto © Annette Fischer

Die Gliederung der strassenzugewandten Fassaden wurde beibehalten. Foto © Annette Fischer

Die Gliederung der strassenzugewandten Fassaden wurde beibehalten. Foto © Annette Fischer

Das Eckzimmer im 2. Obergeschoss von Nr. 72 mit Blick auf die Hauptstrasse. Foto © Annette Fischer

Das Eckzimmer im 2. Obergeschoss von Nr. 72 mit Blick auf die Hauptstrasse. Foto © Annette Fischer

Die neue Küche vor der alten Wand mit Licht von der Hauptstrasse und das neue Bad mit Blick vom 1. Obergeschoss Nr. 72 zum Adelberg. Foto © Annette Fischer

Die neue Küche vor der alten Wand mit Licht von der Hauptstrasse und das neue Bad mit Blick vom 1. Obergeschoss Nr. 72 zum Adelberg. Foto © Annette Fischer

Die beiden Häuser haben eine längere Geschichte, stammen sie im Kern doch aus dem 17. Jahrhundert, jedenfalls tauchen sie bereits auf Federzeichnungen von 1680 auf. Die heutigen zusammengebauten Wohnhäuser mit Satteldächern datieren auf 1801. Die Fassaden sind jeweils streng in drei und vier Achsen gegliedert. Die Fenster weisen Sturzgesimse auf. Ein durchlaufendes Gesims trennt zudem das Erd- von den Obergeschossen. Dieses Erscheinungsbild zur Hauptstrasse hin wurde beibehalten. Hofseitig zur Gasse beziehungsweise zum Adelberg hin, haben die Entwerfenden die ehemalige menschhohe Begrenzungsmauer auf Sitzbankhöhe reduziert und Durchgänge geschaffen. Die Kulturräume sollen nicht nur das Angebot schaffen, das neue Erdgeschoss und der Hof binden Hauptrasse und Adelberg organisatorisch und räumlich neu zusammen. Eine kleiner, aber wesentlicher Eingriff in das Gebäude, aber vielmehr in den Stadtraum.
Grundriss Erdgeschoss. Beide Gänge führen in den Hof. Zwei Durchgänge verbinden den Hof mit dem rückwärtigen Adelberg. Bis auf einen Technikraum wird das Erdgeschoss durch den Kulturraum Waldenburg bespielt © Salathé Architekten

Grundriss Erdgeschoss. Beide Gänge führen in den Hof. Zwei Durchgänge verbinden den Hof mit dem rückwärtigen Adelberg. Bis auf einen Technikraum wird das Erdgeschoss durch den Kulturraum Waldenburg bespielt © Salathé Architekten

Grundriss 1. Obergeschoss. Die verwinkelten Räume kommen vom Bestand und wurden grösstenteils beibehalten. Plan © Salathé Architekten

Grundriss 1. Obergeschoss. Die verwinkelten Räume kommen vom Bestand und wurden grösstenteils beibehalten. Plan © Salathé Architekten

Der Gedanke des «Neu-Verbindens» von Alt und Neu, dem Gebäude und der Stadt artikuliert sich in den oberen Geschossen in einer vorgelagerten hofseitigen Laube. In den oberen Geschossen finden wir zwei 4.5-Zimmer-Wohnungen in Haus Nummer 70 und eine 2.5-Zimmer-Wohnung sowie eine 4.5-Zimmer-Maisonette in Nummer 72. Die teils verwinkelten Zimmer bilden den Bestand ab; die DNA des Vorgefundenen.

«Die vier unterschiedlichen Wohnungen werden aus den Gegebenheiten des Bestands heraus entwickelt. Die Eingriffe sind pragmatisch; die Wohnungen sollen kostengünstig bleiben.» • Dominique Salathé

Während sich der Koch- und Essbereich von Nummer 72 zur Hauptstrasse hin orientiert, wendet sich die Küche von Nummer 70 dem rückwärtigen Adelberg zu. Mehr noch: die eben erwähnte Laube erweitert die Küche zum Hof. Ein gekonnter Eingriff, um die dahinterliegende, wohl schadhafte Aussenwand nicht nur zu ersetzen, sondern auch grosszügig zu öffnen. In denkmalpflegerischer Hinsicht sind grosse Fensterflächen ein absolutes No-Go. Selbst in der der Hauptstrasse abgewandten Fassade. Die Laube jedoch setzt den Öffnungen mit ihrer feinen Struktur eine Art Filter vor, die diesen Eingriff harmonisiert. Die Laube holt das Leben nach Aussen – die grosse Öffnung dahinter umgekehrt den Adelberg und den Blick die Strasse entlang zurück ins Haus.
Ein Blick in die Baustelle. Im Vordergrund das bestehende Tragwerk von Nr. 70. Im Raum rechts hinten die ehemalige Fassade, die ersetzt und um eine vorgelagerte Laube ergänzt wurde. Foto © Salathé Architekten

Ein Blick in die Baustelle. Im Vordergrund das bestehende Tragwerk von Nr. 70. Im Raum rechts hinten die ehemalige Fassade, die ersetzt und um eine vorgelagerte Laube ergänzt wurde. Foto © Salathé Architekten

Die grosse Öffnung leitet den Blick über die Laube von Nr. 70 den Adelberg hinauf und holt die Altstadt in die Küche. Foto © Annette Fischer

Die grosse Öffnung leitet den Blick über die Laube von Nr. 70 den Adelberg hinauf und holt die Altstadt in die Küche. Foto © Annette Fischer

Die neue Laube erweitert die Wohnungen von Nr. 70 um einen Aussenraum. Blick vom 2. OG in die Gasse. Die Laube dient als Filter und macht die grosse Öffnung in der dahinter liegenden Fassade erst möglich. Foto © Annette Fischer

Die neue Laube erweitert die Wohnungen von Nr. 70 um einen Aussenraum. Blick vom 2. OG in die Gasse. Die Laube dient als Filter und macht die grosse Öffnung in der dahinter liegenden Fassade erst möglich. Foto © Annette Fischer

Altstadtpoesie mit dem gewissen Etwas: Die neue Laube und die Reduktion der Hofmauer bringen das Gebäude und den Strassenraum zusammen. Foto © Annette Fischer

Altstadtpoesie mit dem gewissen Etwas: Die neue Laube und die Reduktion der Hofmauer bringen das Gebäude und den Strassenraum zusammen. Foto © Annette Fischer

Rechts: Hof und Gasse waren optisch getrennt. Links: die räumliche aufgewertete Situation. Foto © Annette Fischer

Rechts: Hof und Gasse waren optisch getrennt. Links: die räumliche aufgewertete Situation. Foto © Annette Fischer

Das Tragwerk des rückwärtigen Schopfs wurde ertüchtigt. Der Schopf bleibt unbeheizt. Die Nutzung ist offen. Zu sehen ist das Erdgeschoss. Foto © Annette Fischer

Das Tragwerk des rückwärtigen Schopfs wurde ertüchtigt. Der Schopf bleibt unbeheizt. Die Nutzung ist offen. Zu sehen ist das Erdgeschoss. Foto © Annette Fischer

Von aussen wirkt der Schopf praktisch unangetastet; ein Blick ins Innere zeigt: damit er erhalten bleiben kann und dennoch benutzbar ist, waren einige Massnahmen nötig. Foto © Annette Fischer

Von aussen wirkt der Schopf praktisch unangetastet; ein Blick ins Innere zeigt: damit er erhalten bleiben kann und dennoch benutzbar ist, waren einige Massnahmen nötig. Foto © Annette Fischer

Zu den beiden Gebäuden gehört ein Annexbau; auch er im Bauinventar BIB des Kantons Basellandschaft. Eher ein Schopf. Und der Schopf bleibt auch einer. Das Gebäude wurde statisch ertüchtigt; wo nötig sind tragende Balken ergänzt worden, die Böden erneuert. Nicht mehr. Die Nutzung bleibt offen. Beheizt wird der Schopf nicht. Doch wird er dem Ensemble erhalten bleiben, ohne dass die Bausubstanz Schaden nimmt.

«Übergeordneter Mehrwert des Umbaus ist, neben der nötigen Sanierung des Bestands die Gelegenheit den ehemals abgeschlossenen Hof zur Gasse zu öffnen und als Begegnungsraum auszubilden.» • Dominique Salathé

Es ist einerseits die Geste der verbindenden Elemente, die räumliche Neuorientierung, die dieses Projekt tatsächlich zum «Glücksfall» werden lässt. Aber es sind auch die kleinen Dinge; das fast poetische Nebeneinander von Brunnen, Mauer und gestalteten Sockeln der Laube, dem Bänkli und dem Schöpfli. Vor allem aber der Glaube daran, dass in Ortskernen wie jenem von Waldenburg Potential steckt; die Wohnstadt beweist Innovation – und tatsächlich etwas Mut. Welchen Anklang die Wohnungen finden und wie gross das Interesse am Kulturraum längerfristig ist, wird sich zeigen. Der Schlafstadtmief hat sich in Waldenburg jedenfalls verzogen. Zu Recht, wie ich finde. Text: Simon Heiniger / Architektur Basel
Projektdaten - Adresse: Hauptstrasse 70+72, 4437 Waldenburg - Architektur: Salathé Architekten Basel - Bauherrin: Wohnstadt Bau- und Verwaltungsgenossenschaft, Basel - Bauzeit: 2022-2024 (SIA Phasen 31-53) Weitere Links und Quellenangaben - Bauinventar BIB Kanton Basellandschaft, Gemeinde Waldenburg, Claudio Affolter, 2007 - Projektdokumentation, Salathé Architekten Basel, 2025 - Fotos Projekt: © Annette Fischer, Annette Fischer Photography, Basel / Paris - Pläne, Fotos Bestand und Baustelle: © Salathé Architekten Basel - Kulturraum Waldenburg - Reorganisation Bezirksgerichte Baselland