Wohnen für 10 CHF pro m2: Degelo baut auf der Erlenmatt nach dem Easyjet-Prinzip

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„Entwerft alles so günstig wie möglich! Danach können wir es schön machen“, habe er zu seinen Mitarbeitern gesagt. Mit Architekt Heinrich Degelo stehen wir im obersten Geschoss der „Cooperative d’Ateliers“ an der Signalstrasse auf der Erlenmatt. Die Wohnung, in der wir uns befinden, sieht aus wie eine grosse Werkstatt: Industrie-Monobetonboden, unverputztes Kalksandstein-Mauerwerk und grosse, vorfabrizierte Betonplatten an der Decke. Ein sauber herausgeputzter Rohbau. Ist das die Zukunft des preisgünstigen Wohnens?

Coopérative d'Ateliers von Degelo Architekten auf der Erlenmatt Ost © Architektur Basel

Chalet-Stimmung: Rustikale Holzgeländer von Künstler Andres Bally © Architektur Basel

Venustas muss hintenanstehen
Es ist offensichtlich: Hier ging es nicht um die Frage der Form, zumindest nicht in erster Linie. Die von Vitruv eingeforderte „Venustas“ musste hintenanstehen. Zuerst kamen die Ökonomie und Ökologie. Die Vorgabe der Bauherrschaft war äusserst radikal und ambitioniert zugleich: Zehn Franken durfte die Miete eines Quadratmeters Wohnfläche maximal kosten, und zwar inklusive des Baurechtszinses. Das ist für einen Neubau ein fast schon unerhörter Anspruch. Zum Vergleich: In der wenige Schritte entfernten Überbauung „Baleo Erlenmatt“ von Morger Partner Architekten kostet der Quadratmeter einer Neubauwohnung fast das Dreifache.

Situationsplan: Coopérative d’Ateliers auf der Erlenmatt Ost © Degelo Architekten

Das Easyjet-Prinzip
In der Schweiz so günstig bauen, geht das? Degelo radikalisierte das Projekt mit dem Ziel minimaler Baukosten. Seine Strategie war die Reduktion auf das absolut Notwendige, und zwar in jeder Hinsicht. „Wie bei Easyjet“, sagt Degelo. So verfügt die Wohnung über keine internen Trennwände, sämtliche Oberflächen bleiben roh, elektrisch wird nur die Grundinstallation eingebaut. Etwas verloren steht in der 150 Quadratmeter grossen Wohnung die Nasszelle, wobei man eher von Nasszeile sprechen sollte. Auf der einen Seite befinden sich Dusche und WC, auf der anderen wird später ein Herd und Kühlschrank montiert. Die Position konnten die Bewohner frei wählen. Der Trick dabei: Das Abwasser wird mittels Pumpe über die Decke in die zentrale Steigzone befördert. Den Innenausbau der Wohnungen übernehmen die Genossenschafter selbst. Die Raumhöhe von 3.45 m lässt unterschiedliche räumliche – insbesondere auch vertikale – Unterteilungen zu. Man kann problemlos eine erhöhte Schlafgalerie einbauen. Damit lässt sich die Wohnfläche mehrfach nutzen. Bei der Vollendung des Hauses wird Degelo auf die Zuschauertribüne verbannt. „Ich bin sehr gespannt, wie das alles herauskommt“, meint er darauf angesprochen und bleibt sichtlich gelassen.

Coopérative d'Ateliers von Degelo Architekten auf der Erlenmatt Ost © Architektur Basel

Bauen nach dem Easyjet-Prinzip: Heinrich Degelo erklärt das Sanitär-Element © Architektur Basel

Haus ohne Heizung
Für ihn als Architekten sei es beim Bau in erster Linie um die Herausforderung der minimalen Baukosten und des minimalen Energieverbrauchs gegangen. Tatsächlich ist das Haus auch was die Energie anbelangt äusserst sparsam. Eine Heizung wurde keine eingebaut. Wie geht das? Einerseits hilft die grosse Speichermasse der massiven Aussenwände bestehend aus 78cm-Poroton, andererseits wird die Lüftung der Räume mittels mechanischer Steuerung der Fenster kontrolliert. Damit soll im Winter nicht zu viel warme Luft nach aussen gelangen – und im Sommer die Auskühlung optimiert werden. Geheizt wird mit der Abwärme von elektrischen Geräten, Kochherd oder Ofen. Es ist ein Experiment, gibt Degelo zu. Falls es scheitern würde, ist der Anschluss an das Fernwärmenetz vorsorglich schon mal ins Haus verlegt worden. Man weiss nie.

Ein Grundriss von grösster Einfachheit ermöglicht viel Flexibiltät beim Innenausbau © Degelo Architekten

Und die Rolle der Architektur?
Die Planung des Hauses warf grundsätzliche Fragen auf. Welche Rolle hatte Degelo als Architekt zu spielen? Wurde er zum Techniker oder Ökonomen? Oder umgekehrt: Haben gestalterisch-formale Fragen beim Bau von preisgünstigen Wohnen überhaupt eine Daseinsberechtigung? Der stählerne Handlauf im Treppenhaus besticht mit seiner Einfachheit. Die grossen, stehenden Fensteröffnungen sind wohlproportioniert. Das innenseitig mit einem Kalk-Schlemmputz versehene Mauerwerk strahlt Wärme aus. Trotzdem fehlt dem Haus eine starke gestalterische Idee, ein übergeordnetes architektonisches Thema. Bezeichnend ist die hölzerne Balkonschicht zum Hof. Hier gab der Architekt die gestalterische Verantwortung weiter. Künstler Andres Bally entwarf aus Eichenspältern ein Geländer. Das mag eine witzige Idee sein, wirkt jedoch gebastelt, anekdotisch – und lässt sich nur schwer mit der industriellen Atelier-Stimmung in Verbindung setzen. Wie sich minimale Baukosten in eine starke architektonische Form ummünzen lassen, bewies Jean Nouvel mit seinem experimentellen Wohnungsbau „Nemausus 1“ im französischen Nîmes Ende der 1980er-Jahre. Aus einem Katalog von industriellen Standard-Bauteilen fertigte Nouvel äusserst günstige Wohnungen mit einer faszinierenden architektonischen Präsenz und formalen Eigenständigkeit. Mehr davon hätte man sich auf der Erlenmatt gewünscht.

Coopérative d'Ateliers von Degelo Architekten auf der Erlenmatt Ost © Architektur Basel

Wo bleibt die Gestaltung? Im Hintergrund. Zum Beispiel beim Metall-Handlauf © Architektur Basel

Kluge Provokation
Letztlich ist das Haus der „Cooperative d’Ateliers“ eine kluge Provokation. Das radikale, kompromisslose Hinterfragen von Konventionen und Wohnstandards kann in Zeiten von überbordendem Sicherheitsdenken als Befreiungsschlag verstanden werden. Ein kleines Beispiel: Die Bauherrschaft verzichtete bewusst auf den Einbau einer Trittschalldämmung. Die geforderten Norm-Werte für Neubauten werden folglich nicht erfüllt. Dank der Masse des Betonbodens wird der Schallschutz trotzdem bei weitem besser sein als in den meisten Altbauten. Rien ne va plus. Die Risikobereitschaft ist allen Beteiligten hoch anzurechnen.

Kontsruktion: Massive Aussenwände braucht ein Haus © Degelo Architekten

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel

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