Älteste Holzdecke im Kanton: Törli Liestal | Baselbieter Baukultur #49

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Das Törli in Liestal wird demnächst 620 Jahre alt – Grund genug, einen kurzen Blick auf die Entstehung des Obertores zu werfen. Bei dieser Gelegenheit lohnt sich ein kurzer Ausflug in die Geschichte von Liestal selbst. Der Kantonstrennung von 1832/33 ging eine gemeinsame Vergangenheit mit der Stadt Basel voraus.

Blick von der Burgstrasse in Richtung Obertor, Liestal 1887, STABL_PA_6292_01.278, Fotosammlung Seiler Arnold und Junior, Liestal, Staatsarchiv Basel-Landschaft

Blick von der Burgstrasse in Richtung Obertor, Liestal 1887, STABL_PA_6292_01.278, Fotosammlung Seiler Arnold und Junior, Liestal, Staatsarchiv Basel-Landschaft

Eine erste frühe Siedlung gehörte im Hochmittelalter den Frohburgern. Um 1225 wurde Liestal erstmals urkundlich erwähnt. Um 1305 ging die Stadt in den Besitz des Bischofs von Basel über. Nach dem grossen Erdbeben von 1356 verpfändete der Bischof von Basel die wiederaufgebaute Stadt 1374 an Herzog Leopold von Habsburg-Österreich. Dieser gab die Stadt weiter an den Grafen von Thierstein, wollte sie aber kurz darauf wieder zurück. Da ihm der Treueschwur verweigert wurde, eroberte Leopold die Stadt kurzerhand und setzte Liestal 1381 in Brand. Um 1400 wurden die Herrschaften Liestal, Homburg und Waldenburg an die Stadt Basel verkauft. Diese setzte sich nun erstmals für den Bau einer ausreichenden Stadtbefestigung ein und entschied sich für einen neuen repräsentativen Torturm.

Blick vom Bauerndenkmal in Richtung Obertor, Liestal 1934, STABL_PA_6292_01.277, Fotosammlung Seiler Arnold und Junior, Liestal, Staatsarchiv Basel-Landschaft

Blick vom Bauerndenkmal in Richtung Obertor, Liestal 1934, STABL_PA_6292_01.277, Fotosammlung Seiler Arnold und Junior, Liestal, Staatsarchiv Basel-Landschaft

Im 16. Jahrhundert wurde die Zinnenbekrönung durch einen pyramidenförmigen Helm mit kleinem Dachreiter ersetzt. Als der Stadtgraben später aufgefüllt wurde, verschwanden auch die Zugbrücke und die vorgelagerten Zwinger. Zweifelsohne stellte das Törli eine Engstelle im anwachsenden täglichen Warenverkehr dar. 1874 wurde ein Vorstoss zum Abbruch des Obertores allerdings abgelehnt. Nach und nach ist die Stadtbefestigung allseitig durch Gebäude ersetzt worden. Aus architektonischer Sicht ist es ein Glücksfalls, dass das Törli dabei nicht freigestellt wurde, wie dies etwa dem Spalentor in Basel widerfahren ist. Noch immer ist das Törli ein Teil des bebauten Rings um das Stedtli. Die aktuelle Bemalung der Fassade stammt von 1950 durch Otto Plattner. Sie zeigt den heiligen Georg mit Drachen (oben an der Uhr) und darunter den Rütlischwur.

Renovationsarbeiten am Törli, April 2018 © Architektur Basel

Renovationsarbeiten am Törli, April 2018 © Architektur Basel

Im Zuge der Renovation 2018/19 des Obertores durch die Archäologie und Denkmalpflege Baselland wurden verschiedene Bauforschungen am Objekt durchgeführt. Forschungsarbeiten im Rahmen einer Masterarbeit einer Studentin der Universität Bamberg brachten nun bereits erste Ergebnisse zu Tage. Demnach stammt der Turm nicht aus den Zeiten der Stadtgründung, sondern ist wohl tatsächlich erst durch die Stadt Basel um 1400 gebaut worden. Interessant dürfte das Fälldatum des in der Decke des Törstübli verbauten Holzes und jenes der Geschossbalken sein. Einer Jahrringanalyse zufolge ist das Holz bereits 1398/99 gefällt worden und war eventuell für ein anderes Bauprojekt reserviert. Es ist möglicherweise der Dringlichkeit des Wiederaufbaus der Liestaler Stadtbefestigung durch die Basler geschuldet, dass das bereits geschlagene Holz nun im im hiesigen Törli verbaut wurde. Um 1427 wurde da «Obere Thor» schliesslich erstmals schriftlich erwähnt.
Ironischerweise befindet sich nun die älteste bekannte Holzdecke im Kanton in einem Gebäude, das Jahr für Jahr beim traditionellen Chienbäse-Umzug mit Feuerwagen durchfahren wird…

Text: Simon Heiniger / Architektur Basel


Oberes Tor «Törli»
Adresse: Rathausstrasse 71, 4410 Liestal
Architektur: unbekannt
Bauzeit: 1400
Funktion: Stadttor


Fotos:
– Simon Heiniger / Architektur Basel
– Staatsarchiv Baselland Online-Archivkatalog
Quellen:
– Heusser Sibylle, Büro für das ISOS (2008), ISOS Liestal, Bundesamt für Kultur BAK, Sektion Heimatschutz und Denkmalpflege, (keine ISBN vorhanden).
Inventar der Kantonalen Denkmalpflege Baselland
Medienmitteilung Archäologie Basellandschaft / Denkmalpflege Basellandschaft vom 22. Mai 2019

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