Bruno Trinkler: „Die Stadt hat mich immer gerettet“ – Monatsinterview #4

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Im vierten und letzten Teil des Monatsinterviews mit Bruno Trinkler widmen wir uns der wunderbaren Stadt am Rheinknie: Basel. Wie erlebte Bruno Trinkler seine ersten Jahre hier? Und was ist sein Lieblingsgebäude? Ausserdem gehen wir der Frage nach, wieso die Postmoderne in Basel nie so richtig Fahrt aufgenommen hat. Trinkler sagt: «Da ist Basel nie so richtig drauf reingefallen. Und das vermutlich auch, weil es immer schon so etwas wie eine Stadtbildkommission gab.»

Céline Dietziker (Architektur Basel): Du bist in Zug aufgewachsen. Seit 1970 lebst du in Basel. Was ist deine erste Erinnerung an Basel?
Bruno Trinkler: «Der erste Eindruck ist oft geprägt von dem, was man erwartet. Ich habe mir vorgestellt, dass Basel als Grenzstadt extrem spannend sei. Generell hat sich das bestätigt. Ich finde es nach wie vor eine grosse Qualität, dass ich so schnell im Elsass oder im Schwarzwald bin – und dort sofort eine andere Welt, eine andere Landschaft antreffe. Das empfinde ich als unglaubliche Bereicherung. Im kleinen Dorf in der Innerschweiz, wo ich aufgewachsen bin, war ich es gewohnt, dass alle alles über jeden wussten. Das wollte ich wirklich nicht mehr. Als ich nach Basel kam, kannte ich niemanden. Für mich als junger Menschen war es eine ziemlich harte Zeit. Ich hatte kaum jemanden, mit dem ich mich richtig austauschen konnte und ich musste da relativ zäh meinen Weg suchen. Aber die Stadt hat mich immer gerettet. Wenn man wirklich den Koller kriegte, konnte man schon damals in der Rio Bar ein Bier trinken gehen und mit sehr viel Wahrscheinlichkeit mit ein, zwei Leuten den Abend verbringen. Da gab es in Basel einige solcher Orte. Ich denke heute ist das schwieriger. Denn früher gab es keine andere Möglichkeit, um überhaupt Leute kennenzulernen. Man konnte damals, ohne verdächtig zu wirken, in einer Bar jemanden ansprechen. Ich glaube heute mit Facebook, WhatsApp und dergleichen ist das schwieriger. Sogar in der Bodega, wo ich sehr gerne hingehe und wo man oft mit fremden Leuten an einem Tisch sitzt, ist es heute leider unüblich, dass jemand einfach ein Gespräch beginnt. Das finde ich relativ irritierend – das war damals nicht so.»

«Wenn man wirklich den Koller kriegte, konnte man schon damals in der Rio Bar ein Bier trinken gehen»

Was ist dein Lieblingsgebäude in Basel?
«Das Domus-Haus. Ich finde das nach wie vor aus dieser Zeit etwas vom Grossartigsten. Das hat mich natürlich auch sehr geprägt, mitunter strukturell. Weil es genau das verkörpert, was mir wichtig ist – die Themen, die wir bereits im ersten Interviewteil besprochen haben. Da würde ich gerne drin wohnen. Kein Problem. Küche und Bad einbauen und ich ziehe ein. Heute könnte man so ein Gebäude in der Altstadt vermutlich nicht mehr bauen. Sprich ein Altes abreissen und so was Radikales hinstellen. Dem muss man sich ständig bewusst sein. Wie viel darf jede Generation ihre Stadt verändern? Was ist sinnvoller Schutz und wo ist ein neuer Beitrag wertvoll? Snozzi hat mal gesagt: «Bauen ist Zerstörung. Und wenn du zerstörst, dann zerstöre mit Verstand.» Ich finde das trifft es ziemlich genau. Ein Eingriff zerstört immer etwas. Sei es ein Stück Landschaft, ein Stück Stadt, andere Gebäude. Dann muss man sich fragen: Wenn ich zerstöre, was ist der Gewinn?»

Das Domus Haus um 1960
© bauen + wohnen 12–2060

«Irgendwann konnte jeder Spekulant auch ein Kapitell oder Tympanon an sein Gebäude drankleben – und das hat es ja dann irgendwie entlarvt.»

Wodurch zeichnet sich die Basler Baukultur aus?
«Ich glaube durch eine grosse Offenheit und ich würde auch sagen durch wenig Irrwege. Die gibt’s natürlich schon auch. Als die Postmoderne ihre Ausblüten hatte, ist auch Basel nicht ganz unverschont geblieben. Aber das ist alles im anständigen Bereich. Das war eine kritische Phase, diese eigenartige Postmoderne. Es gibt einen postmodernen Ansatz, der ist philosophisch begründet, der ist hochinteressant. Aber wie das zum Teil in der Architektur formal banalisiert wurde, ist in gewissen Städten für mich einfach billig. Da ist Basel nie so richtig drauf reingefallen. Und das vermutlich auch, weil es immer schon so etwas wie eine Stadtbildkommission gab. Das Museum von Steib ist natürlich postmodern, aber es ist ein gutes Gebäude. Es hat formale Allüren aus dieser Zeit, aber klug gedacht und nicht banalisiert. Irgendwann konnte jeder Spekulant auch ein Kapitell oder Tympanon an sein Gebäude drankleben – und das hat es ja dann irgendwie entlarvt. Eine grosse Qualität in Basel ist zudem, dass sich sehr Aktuelles neben sehr Traditionellem gut erträgt. Ich sehe auch die einzelnen Gebäude immer im Zusammenhang zu den anderen. Wettbewerbe haben manchmal etwas die Tendenz, das einzelne Objekt zu sehr in den Vordergrund zu stellen. Roger Diener hat einmal gesagt: «In einem Orchester ist nicht jeder ein Solist.» Die Stadt hat auch Solisten, das Münster ist eins, ganz unbestritten. Und das Rathaus natürlich auch. Aber es braucht einfach auch die ganz guten ersten und zweiten Geiger. Bei den neueren Gebäude bin ich zurückhaltender. Ich finde es braucht etwa dreissig Jahre, um beurteilen zu können ob ein Gebäude wirklich gut ist.»

Wie entwickelt sich Basel im Moment?
«Schnell.»

Meinst du die vielen neuen Hochhäuser?
«Nein, die Türme schätze ich sehr, beispielsweise die Roche Türme. Ich fand die immer gut. Die waren ja lange umstritten. Das Projekt vorher mit der Doppelhelix sah ich sehr viel kritischer. Das habe ich nicht verstanden.»

Architektur Basel im Gespräch mit Bruno Trinkler © Armin Schärer / Architektur Basel

Architektur Basel-Redaktorin Céline Dietziker im Gespräch mit Bruno Trinkler: „Wie entwickelt sich Basel im Moment?“ © Armin Schärer / Architektur Basel

Und abgesehen von der Entwicklung auf dem Roche Areal?
«Ja, es gibt diese grossen Entwicklungsgebiete, welche Zürich 10, 20 Jahre früher transformiert wurden. Bei den SBB bin ich der Meinung, dass man nicht alle Bahnareale, die nicht mehr gebraucht werden, in einer Generation überbauen sollte. Man sollte den kommenden Generationen auch einen Teil dieses Potentials überlassen. Aber das ist natürlich ein Wunschgedanke.»

«Da ist Basel nie so richtig drauf reingefallen.»

Wieso sollte man nicht alles jetzt überbauen?
«Wenn ich Basel anschaue, so ist die Ausgewogenheit der Kräfte aus unterschiedlichen Zeiten sehr berührend und überzeugend. Einerseits die Bauten innerhalb eines Quartiers aus unterschiedlichen Zeiten, aber auch die Quartiere an sich. Zum Beispiel ein Gundeldingerquartier, das ist von unglaublicher Stärke. Für mich ist es gleich stark wie die Altstadt. Wenn jetzt plötzlich alle diese Potentiale in einer Generation realisiert werden, dann bleibt der nächsten nicht mehr so viel übrig. Da wäre ich sehr sorgfältig. Ich glaube auch nicht, dass Basel alle Ansprüche erfüllen muss. Natürlich gibt es jetzt einen grossen Druck punkto neuem Wohnraum. Zürich hat das vorgemacht. Die haben in kurzer Zeit extrem viel gebaut. Aber anscheinend wohnen gar nicht viel mehr Menschen in Zürich, sondern alle Wohnen einfach grösser. Es ist noch nicht lange her, da musste eine Dreizimmerwohnung 90 m2 gross sein. Heute reichen wieder 70 m2. Das ist eine wichtige Bewegung. Sich zu fragen, was wollen wir überhaupt? Müssen alle Zimmer 30 m2 gross sein? Was mache ich mit so viel Wohnraum? Wir benötigen doch gar nicht so viel Platz. Deshalb braucht es viel Sorgfalt beim Weiterentwickeln der neuen Areale.»

Bei eurem Projekt in Arlesheim gab es 186 Einsprachen. Woher kommt dieser Wiederstand gegen Veränderung? Findest du das war früher anders?
«Momentan haben wir im Büro drei Projekte dieser Grösse, wovon zwei ohne Einsprachen bewilligt wurden. Ich glaube in diesem spezifischen Fall haben die Einsprachen wenig mit dem Projekt an sich zu tun. Dennoch haben wir reagiert und zusammen mit der Bauherrschaft die Medien zu einem Spaziergang auf das Areal eingeladen. Wir haben vorher über die direkte Demokratie gesprochen. Es ist jetzt einfach so, damit müssen wir leben. Natürlich wird das Projekt dadurch verzögert.»

Architektur Basel im Gespräch mit Bruno Trinkler © Armin Schärer / Architektur Basel

Bruno Trinkler: «Wie viel darf jede Generation ihre Stadt verändern?» © Armin Schärer / Architektur Basel

Und unabhängig von diesem konkreten Projekt. Spürst du einen stärkeren Wiederstand gegen Veränderung in der Bevölkerung?
«Ich denke, das hat viel damit zu tun, was ich vorhin gesagt habe: Eine Generation sollte nicht alle freien Areale überbauen. Man sollte sich da etwas mehr Zeit geben.»

Also bist du der Meinung, dass zu viel Veränderung auf einmal nicht gut ist?
«Das ist eine gute Frage. Natürlich gibt es auch Städte, die sind unglaublich schnell gewachsen – und  trotzdem gut sind. Aber Basel hat natürlich das Problem, dass wir nicht mehr unbeschränkt Platz haben. Deshalb glaube ich, dass es wichtig ist, sorgfältig mit neu zu bebauenden Arealen umzugehen. Irgendwann bleibt uns nur noch der Austausch von bestehender Bausubstanz. Natürlich kann man jetzt argumentieren, dass das Gundeliquartier ja auch unglaublich schnell gewachsen ist. Man kann es nicht so allgemein sagen. Aber eine gewisse Sorgfalt betrachte ich als sehr wichtig. Da habe ich zwei Seelen in der Brust: Einerseits ist man froh um Aufträge und glaubt daran, dass man gute Dinge entwickeln kann, und gleichzeitig darf es auch nicht zu einer Überforderung der Menschen führen.»

Danke vielmals für das spannende Gespräch.

Interview: Céline Dietziker / Architektur Basel
Fotos: Armin Schärer / Architektur Basel


Teil 1 > Bruno Trinkler: „Die Arbeit als Zimmermann hat mich extrem beeindruckt“
Teil 2 > Bruno Trinkler: „Ich wurde dadurch geprägt, dass mich die Fragen der Studierenden immer wieder verunsichert haben“
Teil 3 > Bruno Trinkler: „Und immer noch spricht niemand über die Graue Energie“ – Monatsinterview #3

 

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