Vor ziemlich genau zweieinhalb Jahren widmeten wir uns dem Pfarrei-Ensemble in Oltingen, ein Jahr später der Wehrkirche St. Arbogast in Muttenz. Heute werfen wir einen Blick auf das Ensemble der Kirche St. Nikolaus in Lausen. Alle drei gemeinsam haben sie eine mehr oder minder hohe Ummauerung und bestehen neben der Kirche aus mehreren freistehenden oder an die Ummauerung anschliessende Bauten. Während St. Arbogast allseitig geschlossen, aber inmitten des historischen Dorfkerns von Muttenz steht, liegt das Pfarrei-Ensemble etwas erhöht am Dorfrand von Oltingen. Die Evangelisch-reformierte Kirche St. Nikolaus in Lausen allerdings steht heute weitab vom Dorfkern. Der erste Bau dürfte zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert westlich von Lausen und östlich von Liestal auf der grünen Wiese entstanden sein.

Kirche St. Nikolaus, Turm und Sigristenhaus (links), Lausen © Simon Heiniger / Architektur Basel
Romanischer Vorgängerbau
Dem Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz ISOS nach weisen Grabungen von 1971 auf diesen ersten Bau hin. Im 11. Jahrhundert soll dann eine grössere Kirche mit den Abmessungen des heutigen Gebäudes gebaut gefolgt sein. Nach einem Brand des zweiten Baus soll diese vermutlich im späten 15. Jahrhundert gebaut worden sein. Das Beinhaus und das Sigristenhaus werden um 1529 erstmals erwähnt. Damals trat die Gemeinde zum reformierten Glauben über.

Kirche St. Nikolaus, Lausen © Simon Heiniger / Architektur Basel
Der Denkmalpflege Baselland nach sind in der heutigen Kirche noch Mauerbestandteile der Vorgängerbauten erhalten. Eine in der nördlichen Schiffswand in ein Fenster umgewandelte Tür soll romanischen Ursprungs sein. Die Denkmalpflege datiert sie mit dem 12. Jahrhundert. Grabungen von 1914 sollen zudem einen romanischen Chor zu Tage gebracht haben. Die 1874 freigelegten und gut erhaltenen Wandmalereien jedenfalls stammen aus dem Jahr 1486 und gehören somit zum jüngsten Bau. Ein Glasgemälde könnte ungefähr aus dem Jahr 1440 stammen.

Luftbild mit markiertem Ensemble St. Nikolaus in Lausen, Grundlagen Karte © Bundesamt für Landestopografie swisstopo
Kirche, Wohnhaus, Scheune
Das zweigeschossige Sigristenhaus (B) mit ausgebautem Dach schliesst westlich direkt ans Kirchengebäude (A) an und ist nur unwesentlich niedriger als das Hauptschiff. Das Gebäude schliesst zwar an die Ummauerung der Kirche und des Kirchhofs (D) an, liegt aber ausserhalb. Man darf davon ausgehen, dass zur heutigen Kirche schon immer mehrere Gebäude gehörten; Untersuchungen sollen ergeben haben, dass sie westseitig nie über einen Eingang verfügt hat. Dem Sigristenhaus vorgestellt und zur Strasse hin leicht abgedreht steht ein Ökonomiegebäude (C). Die Scheune geht möglicherweise auf das 16. oder 17. Jahrhundert zurück. Laut Denkmalpflege Baselland ist nicht klar, ob vor der Reformation bereits ein Sigristenhaus existiert hat oder nicht, jedenfalls dürfte ein Vorgängerbau des Ökonomiegebäudes bereits zum Ensemble gehört haben. In der Scheune befinden sich heute das Ortsmuseum von Lausen. Nördlich schliesst ein eigens ummauerter Friedhof (E) an das Ensemble an.

Kirche St. Nikolaus, Ökonomiegebäude als Auftakt, Lausen © Simon Heiniger / Architektur Basel
Architektonisch und städtebaulich schafft die Scheune mit ihrer Abdrehung einen einladenden Auftakt zum Kirchenareal, kleinteilige Zwischenräume und im Sinne eines Gehöfts eine mehrseitige Orientierung und Benutzbarkeit. Dem Ensemble dürfte demnach auch keine übergeordnete Planung zu Grunde liegen; die heutige Anordnung ist wohl eher aus praktischen und funktionellen Gründen entstanden.
Der Teufel als Stadtplaner
Nun stellt sich die Frage, weshalb das Ensemble so weit vom historischen Dorfkern von Lausen zu stehen kam? Ein Vergleich mit anderen abseits des Dorfkerns stehenden Kirchen zeigt, dass die dazugehörigen Gebäude wohl aus einem Schutzbedürfnis heraus entstanden. Wohnhaus und Ökonomiegebäude sollten wohl als Lebensgrundlage für Bewohnerinnen und Bewohner dienen. Dies kann man beispielsweise in Ziefen, Reigoldswil oder Binningen beobachten.

Karte von Lausen vor 1850 mit markierter Kirche (weisser Kreis), Grundlagen Karte © Bundesamt für Landestopografie swisstopo
Die Publikation «Baselbieter Sagen» liefert zum Grund der Abgeschiedenheit gleich mehrere mögliche Antworten. Die einen bezichtigten den Heiligen Einsiedler Niklaus von der Flüe des geheimen nächtlichen Transports des Bauholzes ans rechte Ufer der Ergolz. Die anderen glaubten, nachdem man die Steine und das Holz dreimal in Folge wie von Geisterhand verschoben vorgefunden hatte, an einen «höheren Wink». Bleibt noch ein letzter Verdächtiger übrig: Der Teufel selbst. Er befürchtete wohl, dass die Lausner etwas gar gläubig würden, wenn die Kirche innerhalb des Dorfes zu stehen käme, worauf er eigenhändig das Baumaterial weggetragen haben soll. Vielleicht aber – fügt das Sagenbuch mit einem Augenzwinkern an – befand sich am Bauplatz wohl eher eine vorchristliche Kultusstätte…
Text: Simon Heiniger / Architektur Basel
Ensemble St. Nikolaus Lausen
Adresse: Kirchstrasse 14,16, 16a, 4415 Lausen
Architektur: unbekannt
Kirche, 1. Bau: zwischen 8. und 10. Jhd.
Kirche, 2. Bau: vermutlich spätes 11. Jhd.
Kirche, 3. Bau: vermutlich spätes 15. Jhd.
Ökonomiegebäude: 16./17. Jhd.
Funktion: Kirche, Sigristenhaus, Ökonomiegebäude, Ortsmuseum
Fotos:
– © Simon Heiniger / Architektur Basel
Karten/Luftbild:
– Bundesamt für Landestopografie swisstopo
Quellen:
– Kantonales Inventar der geschützten Kulturdenkmäler (Online-Inventar)
– Heusser Sibylle, Büro für das ISOS (2008), ISOS Lausen, Bundesamt für Kultur BAK, Sektion Heimatschutz und Denkmalpflege. Keine ISBN vorhanden.
– Suter Paul (1976), Baselbieter Sagen, Quellen und Forschungen zur Geschichte und Landeskunde des Kantons Baselland Band 14, Kantonale Drucksachen- und Materialzentrale, Liestal. Keine ISBN vorhanden.