Schilthof | Klassizismus und Historismus in Basel #4

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„Eines der rätselhaftesten Gebäude in Basel aus dieser Zeit entstand als Kopfbau an der Freien Strasse 90 ebenfalls unter der Regie von Stehlin d. Ä., in Zusammenarbeit mit Johann Jakob Heimlicher: der Schilthof. Bauherr war der Kaufmann und Stadtrat Rudolf Forcart-Hoffmann, Teilhaber der Seidenbandfabrik Hoffmann-Forcart, mit seiner Frau Valeria Sophia.
Auf einem bandrustizierten Sockelgeschoss erhebt sich zwischen Steinenberg und Freier Strasse ein zweigeschossiger Rundbau mit vier korinthischen Dreiviertelsäulen, die sich über beide Geschosse erstrecken und ein mächtiges, mit einer Balustrade und Schmuckamphoren abschliessendes Kranzgesims tragen. Zwei Pilaster bilden den Übergang zwischen dem Rundbau und den spitzwinklig anschliessenden fünfachsigen Seitenflügeln, an deren Enden jeweils eine Terrasse angebaut war.
Alle Öffnungen des Gebäudes sind hochrechteckig, aber unterschiedlich ausgestaltet. Die untersten Fenster sind schmucklos in den Sockel eingeschnitten und haben ausser an der Rotunde Sohlbänke auf Konsolen. In den oberen Geschossen haben sie zierliche Brüstungsgitter und sind im Piano Nobile gerade verdacht. Bei der Rotunde tragen die eng zwischen den Säulen platzierten Stürze reichen Reliefdekor, der im 1. Obergeschoss mit Palmettenvoluten angereichert ist. Die diagonal-symmetrische Einteilung des Inneren wurde durch die Umbauten völlig verändert. Der seitlich gelegene Eingang führte ursprünglich zu einem zentralen Vestibül, von dem aus sich der Zugang zum ovalen Treppenhaus und über Korridore zu den strassenseitig aneinandergereihten Zimmern erschloss. Die Flügel wurden durch Fritz Stehlin 1899 – 1900 umgestalten und seitlich ergänzt, der rechts gelegene Haupteingang um eine Achse nach aussen verschoben und mit einem Dreiecksgiebel hervorgehoben.
Laut Amadeus Merian sollen dem Entwurf Pläne eines französischen Architekten zugrunde liegen. Es fällt schwer, sich vorzustellen, wie Stehlin sonst einen solchen Quantensprung vollzogen haben sollte. Seine Leistung ist aber gewiss darin zu sehen, eine elegante Lösung für diese städtebauliche Situation gefunden zu haben. In seinen Notizen hält er fest, dass „Säulen, Capitäl u. Gesims“ auf den römischen Architekten Giacomo Barozzi da Vignola zurückgehen. Wem er die Vorlage für diesen Bau zu verdanken hat, ist damit nicht beantwortet; ähnliche Lösungen finden sich in Schloss Wilhelmshöhe in Kassel (1786 – 1798) und in Weinbrenners „Fächerstadt“ Karlsruhe. Im Gegensatz zu diesen Bauten ist der Schilthof jedoch geradezu eine Kopie kaiserzeitlicher römischer Vorbilder wie die Tempel der Vesta auf dem Forum Romanum oder in Tivoli, deren Besuch zum Kanon der Bildungsreisenden gehörten – hier zeigt sich eine verblüffend präzise Antikenrezeption.“

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Funktion: Schilthof
Adresse: Freie Strasse 90
Baujahr: 1840 – 1842
Architekt: Johann Jakob Stehlin D. Ä.

Quelle: Architekten des Klassizismus und Historismus, Bauen in Basel 1780-1880, Rose Marie Schulz-Rehberg, 2015, CHF 39.00 > Bestellung unter >> www.merianverlag.ch/de/publikationen
Foto: © Christoph Merian Verlag

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