Aktuelles 03.12.25

Wohnüberbauung Vogelbach, Michael Alder Foto © Barbara Bühler

«Boden ist nicht alles, aber ohne Boden ist alles nichts.»

Es ist ein Satz, der fast untergeht – und vielleicht gerade deshalb haften bleibt. Andreas Ruby spricht ihn mit einer Ruhe aus, in der man ihn leicht überhören könnte: «Boden ist nicht alles, aber ohne Boden ist alles nichts.» In diesem einen Satz kondensiert sich die Spannung der neusten Ausstellung «Wohnen fürs Wohnen» im Schweizerischen Architekturmuseum (S AM). Er beschreibt ein Paradox, das die Region Basel seit Jahrzehnten begleitet: Boden ist knapp, aber dort, wo er gemeinschaftlich genutzt wird, entstehen neue Formen des Zusammenlebens, die über die reine Wohnversorgung hinausweisen.

Kuratorin Anaïs Auprêtre de Lagenest und Kurator Andreas Ruby führen durch die Ausstellung © Laurence Ziegler

Basel tritt in dieser Ausstellung als Stadt in Erscheinung, die ein erstaunlich reiches Erbe des genossenschaftlichen Bauens besitzt. Das Freidorf in Muttenz, Hans Bernoullis Gartenstadtsiedlungen, die Entenweid-Hochhäuser oder die Siedlung Vogelbach in Riehen von Michael Alder. All diese Orte existierten zwar als historische Bezugspunkte, doch sie bildeten nie eine zusammenhängende Erzählung. Im S AM werden sie nun nicht als nostalgische Schlaglichter, sondern als kontinuierlicher Erzählstrang sichtbar gemacht: als Reihe von Versuchen, gemeinschaftliches Wohnen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Momenten heraus neu zu denken. Es wirkt, als würde man eine Stadt neu kartieren und feststellen, dass zwischen den bekannten Koordinaten eine zusätzliche Ebene liegt – jene der Genossenschaften.

1924, Siedlungsgenossenschaft Freidorf, Muttenz, Hannes Meyer; Rosenmund + Rieder Architekten (2006) Foto © Barbara Bühler

Um diese lokale Geschichte zu verstehen, führt die Ausstellung den Blick bewusst nach Zürich. Nicht als Kontrast, sondern als Spiegel. In Zürich ist der Genossenschaftsgedanken ebenso tief verwurzelt. Hier hat man über Jahrzehnte Instrumente aufgebaut, die das gemeinschaftliche Wohnen strategisch weitertragen. Der Volksentscheid von 2011, der ein Drittel gemeinnütziger Wohnungen bis 2050 verlangt, ist nur die sichtbarste Spitze davon. Basel dagegen verlief lange weniger geradlinig, kleinteiliger, stärker aus einzelnen Initiativen heraus. Dennoch entsteht gerade aus dieser Vielgestalt ein eigener Charakter. Die Metropolitanregion Basel hat sich inzwischen ein ebenso ambitioniertes Ziel wie Zürich gesetzt: 25 Prozent gemeinnütziger Wohnraum bis 2050, ein wohnpolitisches Momentum, das mit bemerkenswerter Klarheit formuliert ist. Im Moment ist Basel von diesem Ziel noch weit entfernt.

2020 Hofbebauung Riehenring, Basel, jessenvollenweider architektur, Foto © Barbara Bühler

Damit rückt jene Ressource ins Zentrum, auf die Ruby verweist: der Boden. Die Ausstellung arbeitet diesen Punkt leise, aber konsequent heraus. Genossenschaften werden nicht als Gegenpol zum Markt inszeniert, sondern als ein zweiter Möglichkeitsraum, eine Art Sonderwirtschaftszone des Wohnens, in der andere Regeln gelten. Kostenorientiert statt renditeorientiert, gemeinschaftlich statt isoliert, langfristig statt spekulativ. Oder, wie Ruby treffend formuliert: günstiger, kollektiver Eigennutz. Diese Haltung zeigt sich in den Projekten, die Basel in den vergangenen Jahren geprägt haben: Erlenmatt Ost, Lysbüchel Süd, Westfeld oder die kommende Zentrale Pratteln und Walke. Es sind Orte, in denen weniger ein Produkt entsteht als ein Prozess, der das Zusammenleben und den sozialen Austausch zum architektonischen Ausgangspunkt nimmt.

1926, Siedlung Im Vogelsang, Basel, Hans Bernoulli und August Künzel; Hans Mähly (1933); Zimmer + Ringger + Zürcher (1972) Foto © Barbara Bühler

Eine grosse Rolle in der Ausstellung kommt den Fotografien von Barbara Bühler zu, deren Blick auf das Wohnen wir bereits in einem Interview thematisiert haben. Bühler fotografiert keine Architektur im klassischen Sinn, sondern Situationen des Bewohnens. Menschen tauchen in ihren Bildern nicht als Protagonisten auf, sondern als integraler Teil des Raums. Ein Kind, das in einer Zimmerecke spielt, erzählt mehr über Raumökonomie als jeder Grundriss. Eine Bewohnerin, die eine Pflanze arrangiert, zeigt ein Verhältnis von Raum und Alltag, das sich durch keinen architektonischen Begriff vollständig fassen lässt. Bühler macht sichtbar, dass Genossenschaftsarchitektur erst in der gelebten Nutzung zu ihrer Form findet.

1899 Mattenstrasse, Basel, Eduard Pfrunder und Johann Ulrich Hammerer; Clauss Kahl Merz Atelier für Architektur und Städtebau (seit 2020) Foto © Barbara Bühler

Begleitet werden die Fotografien von den handgeschriebenen Titeln des Grafikers Mike Wolff, der für die Ausstellung sämtliche Überschriften von Hand gesetzt hat. Dieses leise visuelle Motiv führt eine menschliche Spur ein, die den institutionellen Rahmen atmosphärisch öffnet. Die Handschrift verweigert sich der Neutralität. Sie gibt dem Wohnungsdiskurs eine Nähe, die sich zwischen den Zeilen verliert, aber den Raum prägt. Sie passt zum Thema, bei dem es immer auch um die Einschreibung von einzelnen Menschen in ökonomisch-räumliche Strukturen geht. Die räumliche Dramaturgie der Ausstellung folgt keinem streng didaktischen Aufbau, sondern entwickelt sich wie ein Dialog. Zu Beginn steht ein Raum, der Fragen stellt und Gespräche ermöglicht. Vertreter:innen von Basler Genossenschaften haben ihre Beratungen ins Museum verlegt, als wäre der Ausstellungsraum selbst ein Gemeinschaftsraum. Danach öffnet sich ein Parcours, der die Geschichte des genossenschaftlichen Basels als eine zusammenhängende Wohnbiografie lesbar macht. Ein Blick nach Zürich führt vor Augen, wie politische Entscheidungen Wohnformen prägen können. Wieder zurück in Basel wird sichtbar, wie Baurecht, Initiativen und Stiftungen die jüngere Entwicklung formten. Der letzte Raum richtet den Blick nach vorn und zeigt anhand eines Ideenwettbewerbs, wie Bestände transformiert werden könnten, ohne ihre sozialen Qualitäten zu verlieren.

Wohnen fürs Wohnen © Laurence Ziegler

Besonders eindrücklich wirkt dabei die Erkenntnis, dass rund drei Viertel der Gebäude in Basel-Stadt vor 1961 entstanden sind. Die Zukunft des gemeinnützigen Wohnens liegt also nicht nur im Neubau, sondern vielmehr im Bestand. In der Fähigkeit, Gebäude weiterzudenken, ohne ihre Bewohner:innen zu verdrängen. Der vom Verband ausgelobte Wettbewerb, zeigt, wie spekulative, aber verantwortungsbewusste Ansätze aussehen können. Die Vorschläge für drei Genossenschaften Am Horn, Klybeck und Albanrheinweg schaffen spannende Skizzen für eine zukunftsweisende Weiterentwicklungen, wobei der Bestand steht als Ausgangspunkt dient.

2023-27, Westfeld, Basel, Städtebau: Enzmann Fischer Foto © Barbara Bühler

Zurück an den Anfang. Die Ausstellung liefert keine einfachen Antworten. Sie regt vielmehr zum Nachdenken an, wie wir miteinander leben wollen. Sie fragt weniger nach Quadratmetern, als nach Beziehungen. Weniger nach Perfektion, als nach gemeinschaftlicher Aushandlung. Basel erscheint dabei  nicht als Gegenstück zu Zürich, sondern als Stadt, die ihre eigene genossenschaftliche Tradition neu entdeckt und daraus ein Zukunftsmodell entwickelt. Und so hallt Rubys Satz bis am Ende nach: «Boden ist nicht alles, aber ohne Boden ist alles nichts.» In der Ausstellung bekommt er eine zweite Bedeutung: Boden ist nicht nur Fläche, er ist die Grundlage für soziale Vereinbarungen. Ein gemeinsames Fundament, das erst dann trägt, wenn man es teilt. Vielleicht steht Basel genau dort: Am Anfang einer neuen, dynamischen Genossenschaftsbewegung. Diese Ausstellung macht sichtbar, wie viel Potenzial in diesem Anfang steckt.

neue Perspektiven im S AM © Laurence Ziegler

Wohnen fürs Wohnen: Schweizer Wohnbaugenossenschaften als Labor des Zusammenlebens

29. November 2025 – 19. April 2026

weitere Informationen zur Ausstellung und dem Begleitprogramm: www.sam-basel.org