Aktuelles 04.07.21
Die Jury tagt © foto-werk gmbh, Basel - Michael Fritschi

Die Jury tagt © foto-werk gmbh, Basel - Michael Fritschi

Basel, die neue Bastion der offenen Wettbewerbe

In Basel findet ein Kulturwandel statt. Hin zu offenen – und mitunter unkonventionellen – Wettbewerbsverfahren. Im ersten Halbjahr 2021 wurden bereits vier offene Wettbewerbe ausgelobt oder durchgeführt: Primarschule Walkeweg, Neubau Burgfelderstrasse, Bürogebäude Botnar Research Centre und Stadtbaustein VoltaNord. Das ist eine eindrückliche Zwischenbilanz. Man ist auf gutem Weg St. Gallen den Titel als «Bastion des offenen Wettbewerbs» streitig zu machen. 

Ausstellung Projektwettbewerb Umbau Hochbergerstrasse 158 © Architektur Basel

Noch vor wenigen Jahren waren offene Verfahren in Basel so selten wie Lachse im Rhein. Wir fragen uns: Woher rührt der Kulturwandel? Er ist sicherlich auch die Handschrift von Kantonsbaumeister Beat Aeberhard, der seit sechs Jahren die Abteilung «Städtebau & Architektur» leitet. Offensichtlich stossen seine Argumente für offene Verfahren vermehrt auf offene Ohren. Das ist gut so. Auch wir haben an dieser Stelle regelmässig gute und möglichst offene Wettbewerb gefordert – und (wo nötig) kantonale Vergabeverfahren kritisiert. Es bleibt zu hoffen, dass es sich um den Anfang einer nachhaltigen Entwicklung handelt.

Jury vergleicht Bestand und Entwurf © foto-werk gmbh, Basel - Michael Fritschi

Jury vergleicht Bestand und Entwurf © foto-werk gmbh, Basel - Michael Fritschi

Eine entscheidende Rolle spielt auch der SIA, der sich mit dem „Beobachter für Wettbewerbe und Ausschreibungen Nordwestschweiz“ die Förderung von fairen Wettbewerben, Studienaufträgen und Ausschreibungen auf die Fahne geschrieben hat. In Zusammenarbeit mit dem BSA, BSLA und usic prüfen verbandseigene Analysten Wettbewerbe und Ausschreibungen betreffend Einhaltung der entsprechenden SIA-Normen sowie den geltenden Gesetzen. Das Resultat der Überprüfung wird im Internet veröffentlicht: Ein grüner, oranger oder roter Smiley zeigt an, ob ein Wettbewerb regelkonform ausgeschrieben wurde oder nicht. In einem Kurzbericht werden allfällige inhaltliche Mängel dargelegt. Damit wurde die Grundlage für eine öffentliche Debatte über die Qualität von Wettbewerbsverfahren geschaffen.

Ideenwettbewerb Primarschule Walkeweg Basel © Studio 511

Der Kanton Basel-Stadt habe beim Beispiel Walkeweg «sehr bewusst» für ein «unorthodoxes Vorgehen entschieden», sagt Beat Aeberhard. Das aktuelle Beispiel zeigte jedoch, dass der SIA bei der Bewertung von unkonventionellen Verfahren flexibler werden muss. Die Rangierung der Projekte, die zur Weiterbearbeitung im Studienauftrag auserkoren wurden, ist insofern fragwürdig, als dass in der zweiten Stufe sämtliche Teams dieselben Chancen haben. Man hätte sie also besser weggelassen. Die Rangierung wurde jedoch explizit vom SIA eingefordert. «Dass anschliessend mit sechs Teams in einem Studienauftrag das Schulhausprojekt gemeinsam im Dialog entwickelt wird, goutiert der SIA schon gar nicht», ergänzt Aeberhard – wobei man sich durchaus über die inhaltliche Konsistenz zwischen Ideenwettbewerb und Studienauftrag streiten kann. Nichtsdestotrotz ist das «out of the box»-Denken in Sachen Wettbewerbsverfahren unter der Prämisse der qualitätsvollen, architektonischen Debatte begrüssenswert.

Ausstellung Projektwettbewerb Umbau Hochbergerstrasse 158 © Architektur Basel

Mit der Kooperative E45 an der Hochbergerstrasse vergangenes Jahr und mit dem Studio 511 beim Wettbewerb für die Primarschule Walkeweg haben zweimal junge, bisher unbekannte Büros das Rennen gemacht. So geht Nachwuchsförderung. Für viele junge Büros, die über keine gebauten Referenzen verfügen, ist der offene Wettbewerb nach wie vor die einzige Chance, um an einen öffentlichen Auftrag heranzukommen. In einem urliberalen Verständnis ist er also der Königsweg. Umso erstaunlicher ist es, dass auf privater Seite kaum offene Wettbwerbe durchgeführt werden. Wann hat eine Pensionskasse in Basel zuletzt einen offenen Wettbewerb durchgeführt? Oder eine Genossenschaft? Bei den Privaten braucht es ebenfalls einen Kulturwandel. Der Kanton hat vorgelegt.

Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel