© Collage Architektur Basel
Architektur Basel 2021: 5 x TOP und 5 x FLOP
Es ist Ende Dezember in Basel. Von Schnee ist weit und breit keine Spur. Das Thermometer zeigt 14 Grad Celsius. Auf dem Turm des pRed steht ein einsames Tännchen. Mit seinen 114 Metern hat es den Messeturm als dritthöchstes Gebäude der Stadt abgelöst. Stillschweigend. Im Schatten seiner zwei grossen Schwestern steht es stellvertretend für die städtebauliche Dynamik unserer Stadt. Ein weiteres Jahr liegt hinter uns. Es wurde viel Neues gebaut – und (leider) auch viel Altes abgebrochen. Zeit auf die Tops und Flops des Architekturjahrs 2021 zurückzublicken. Ob es ein guter oder schlechter Jahrgang war?
5 x TOP
01 // Kommunaler Wohnungsbau: Hallo, Hirtenweg!
Wohnungsbau Hirtenweg von Harry Gugger Studio © Daisuke Hirabayashi
Im Januar durften wir einen Meilenstein des kommunalen Wohnbauprogramms 1000+ vermelden: Am Hirtenweg in Riehen konnten das erste Haus aus der Feder von Harry Gugger Studio bezogen werden. Die modulare Massivholzbauweise, welche die Architekten zusammen mit der Holzbauunternehmung Erne AG entwickelten, ermöglichte eine kurze Bauzeit, denn die Holzmodule wurden in der Produktionshalle vorgefertigt und das Gebäude auf der Baustelle innerhalb kürzester Zeit zusammengefügt. Günstig ist hier wörtlich gemeint: Eine Neubauwohnung mit viereinhalb Zimmern kostet 1’784 CHF Monatsmiete. Bei diesem Preis kann man über die eher bescheidene Gestaltung der Küchen und Bäder grosszügig hinwegsehen. Wir verleihen dem roten Wohnungsbau das Prädikat: Top!
02 // Utopisches Hortus in Allschwil
© Herzog & de Meuron
Wir mussten schmunzeln, als uns von Investorin Senn die «Utopie» in Allschwil versprochen wurde. Das Projekt «Hortus» soll neue Masstäbe in Sachen ökologischem Bauen setzen. In Anbetracht der hiesigen Bauproduktion ist das Utopische des Vorhabens, nicht ganz von der Hand zu weisen. Im Podcast mit Architekt Stefan Marbach erfuhren wir einige spannende Hintergrundinfos über die unkonventionellen konstruktiven und architektonischen Ansätze: «Der Dreck wird gestampft» - und wir sind gespannt, was da noch kommt. Die grundlegende Recherche zum nachhaltigen Bauen finden wir auf jeden Fall top!
03 // Basel: Für eine offene Wettbewerbskultur!
Axonometrie Städtebau © Guerra Clauss Garin Architekten
In unserem Artikel nannten wir «Basel, die neue Bastion der offenen Wettbewerbe». Das ist vielleicht etwas mit der grossen Kelle angerührt. Tatsächlich wurden im letzten Jahr in Basel erfreulich viele offene Wettbewerbe ausgeschrieben: Primarschule Walkeweg, Neubau Burgfelderstrasse, Bürogebäude Botnar Research Centre und Stadtbaustein VoltaNord. Für den Architektur-Nachwuchs sind das gute Nachrichten. Mit der Kooperative E45 an der Hochbergerstrasse vergangenes Jahr, dem Studio 511 beim Wettbewerb für die Primarschule Walkeweg oder Guerra Clauss Garin Architekten beim Wettbewerb Botnar haben zweimal junge, bisher unbekannte Büros das Rennen gemacht. So geht Talentförderung. Bleibt zu hoffen, dass auch auf privater Seite künftig vermehrt offene Wettbwerbe durchgeführt werden.
04 // Open House als Eckpfeiler der Architekturstadt
Wohnhaus in Allschwil © Architektur Basel
Nach einem Jahr pandemiebedingter Pause meldete sich das Open House 2021 mit vollem Erfolg zurück. Aus dem Balser Architekturkalender ist es längst nicht mehr wegzudenken. Bei perfektem Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen konnten Architekturaficionados und Baukulturbegeisterte neunzig Bauten in und um Basel besichtigen. Im Programm waren auch besondere Ikonen vertreten: Beispielsweise das Haus Koechlin in Riehen, das 1996 von Herzog & de Meuron erbaut wurde – oder ein Wohnhaus in Allschwil von Architekt Rolf Müller, dass von Buchner Bründler kraftvoll weiterentwickelt wurde. Wir freuen uns schon auf die Entdeckungen am nächsten Open House.
05 // Let's get circular! Zirkuläres Bauen dank dem Basel Pavillon
Bauteilkatalog © Basel Pavillon 2022
Ein bisschen Eigenlob sei erlaubt: Der von uns initiierte Basel Pavillon sucht nach neuen architektonischen Antworten des zirkulären Bauens. 182 Teams aus aller Welt haben sich beworben, um aus einem Katalog gebrauchter Bauteile einen Pavillon zu entwerfen, der im Rahmen der Architekturwoche im Mai 2022 auf dem Dreispitz eröffnet wird. Das Siegerprojekt dann wird im Januar 2022 bekanntgegeben. Man darf gespannt sein, wie die Teams mit der Herausforderung der materiellen Einschränkung umgehen. Im besten Fall mit umso mehr Kreativität und Leidenschaft. Wobei eine grundlegende Frage immer mitschwingt: “Can we architects really change the world?” Wir hoffen es.
5 x FLOP
01 // Abbruch? Baukulturell bedeutendes Schulhaus Allschwil von Rasser und Vadi
Schulhaus Breite, Allschwil © Börje Müller Fotografie
In Allschwil steht ein baukulturell bedeutendes, gemäss Denkmalpflege «schützenswertes» Schulhaus: Das Schulhaus Breite von Rasser und Vadi Architekten. Ein Wettbewerb sieht keine Zukunft für den filigranen Bestand: ««Ein Erhalt des Gebäudes wird als nicht wirtschaftlich betrachtet.» Ökonomische und betriebliche Gesichtspunkte waren dabei massgebend, jedoch wurde die kulturelle Frage negiert. Das wirft Fragen auf. Unser Redaktor Daniel Gass hat sich in einem lesenswerten Artikel auf die Suche nach Antworten – und damit zurück in seine Schulzeit begeben. Verschiedene Tageszeitungen nahmen den Ball auf. Die verantwortungsvolle Auseinandersetzung mit herausragender Architektur der Nachkriegsmoderne finden wir extrem wichtig. Was wir aktuell wissen: Noch steht das Schulhaus Breite. Die Hoffnung stirbt auch in Allschwil zuletzt.
02 // Made in China: Eine Fassade im Kleinbasel sorgt für Gesprächsstoff
Neubau Claraturm in Basel © Architektur Basel
Es war ein beiläufiger Satz, der uns aufhorchen liess. In seinem Artikel über den Claraturm schrieb der frühere S AM-Direktor Hubertus Adam: “Die Fassaden-Fenster-Elemente werden in China produziert und vor Ort vollinstalliert versetzt.” Verdutztes Augenreiben: Hatte er tatsächlich China geschrieben? Einmal um den halben Globus transportiert, findet die chinesische Fassade im Kleinbasel ihren Bestimmungsort. Beim Auftreten asiatischer Anbieter im Schweizer Markt handelt sich um ein neues Phänomen einer sich immer weiter globalisierenden Bauwirtschaft. Unser Artikel löste zahlreiche Reaktionen aus. Barbara Buser fand dafür deutliche Worte: „Mit dieser als Ganzes aus China importierten Fassade importieren wir billige Arbeitskraft in die Schweiz, statt die Wertschöpfung in der Region zu behalten.” Für uns eine klare Sache: Flop!
03 // Shaqiri-Villa in Rheinfelden: Lässt sich über Geschmack streiten?
© Kyburz Architektur & Bauleitungen GmbH
Weisse Kuben erheben sich in einer generischen Wüste unter strahlend blauem Himmel. Wasserbecken, Swimmingpool, Liegestühle und Sonnenschirm sorgen für einen Hauch Ferienfeeling. Welcome to St. Tropez? Handelt es sich bei den Renderings um eine Villa an der Côte d’Azur oder auf Mallorca? Nein, es ist das Neubauprojekt von Fussballnationalspieler Xherdan Shaqiri in Rheinfelden. Wir haben einen kritischen Blick auf die Pläne des Neubaus geworfen. Unser Artikel löste ein enormes Echo aus. Leider auch mit Schattenseiten: Beleidigende Anrufe und hasserfülllte Mails gingen ein. Als Ritterschlag werteten wir hingegen die ausführliche Erwähnung in der WOZ-Kolumne von Stefan Gärtner: «Auf architekturbasel.ch ist man zwar immerhin mehr Fachmann als beim «Tagi», wo der Kollege schon mit dem Unterschied von «scheinbar» und «anscheinend» seine liebe Not hat; aber dumm fragen können Architekten auch: «Darf man von einem Fussballstar baukulturelle Verantwortung erwarten? Das sind selbstredend hohe Ansprüche – und dennoch bedingt Erfolg immer auch eine besondere gesellschaftliche – und damit verbunden eine kulturelle – Verantwortung.» Falsch, ganz falsch, und zwar sogar abgesehen davon, dass 90 bis 98 Prozent dessen, was da, jedenfalls im Reich, in die Landschaft gehauen wird, von nichts so wenig weiss wie von ausgerechnet «baukultureller Verantwortung», der ja schon das blaue Ziegeldach Hohn spricht.»
04 // Verpasste Chance beim Busdepot Rankhof
Volumen des geplanten Neubaus der Busgarage Rank © Basler Verkehrsbetriebe BVB
Seit 1957 betreibt die BVB ihren Betriebshof für Busse an der Rankstrasse. Mit dem stetigen Ausbau der Busflotte wurden die beiden Shedhallen 1972 um einen grosszügigen, zu ihrer Zeit äusserst modernen Stahlbau der beiden Architekten Max Rasser und Tibere Vadi ergänzt. Mit der Umstellung auf erneuerbare Energien bis 2027 sollen nicht nur alle Dieselfahrzeuge durch Elektrobusse ersetzt werden, sondern auch die bestehenden Hallen einem Neubau weichen. Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen hatte man seitens Immobilien Basel-Stadt im Diskurs mit den Basler Verkehrsbetrieben nach einer Lösung gesucht, eine Wohnnutzung auf der Parzelle unterzubringen. Dabei möchte man die Rahmenbedingungen auf der Restparzelle möglichst flexibel halten, um im Rahmen eines Wettbewerbes möglichst vielseitige Beiträge zu ermöglichen. Ob mit der gewählten Strategie an dieser Stelle wirklich ein würdiger Stadtauftakt entstehen kann, bleibt fraglich. Etwas mehr Mut wäre trotz allen Rahmenbedingungen wünschenswert gewesen. Vielleicht weiss aber die neue Busgarage in architektonischer Hinsicht derart zu überzeugen, dass sie ihrem Standort vollumfänglich gerecht wird. Wir bleiben skeptisch.
05 // "Salamitaktik?" Viel Kritik am Klybeck Areal
Vision Klybeck © kühne wicki + KOSMOS Architects
Es ist das grösste Transformationsgebiet der Stadt: Das Klybeck-Areal im Kleinbasel. Es sorgte im vergangenen Jahr bei uns mehrfach für Schlagzeilen – und Kritik. Im Februar wurde den Planenden «Salamitaktik» bei der Entwicklung des Areals vorgeworfen. Anstatt die langwierigen Planungsprozesse, die Erarbeitung eines städtebaulichen Leitbilds und der Bebauungspläne komplett abzuwarten, soll dank Artikel 106 des kantonalen Bau- und Planungsgesetzes eine Abkürzung genommen werden: Der Artikel besagt, dass Bebauungspläne, «die weniger als 4000 m2 Grundstücksfläche umfassen und das von diesem Gesetz festgelegte Mass der baulichen Nutzung nicht vergrössern» direkt vom Regierungsrat genehmigt werden können. «Die Planungspartner von klybeckplus, namentlich die Swiss Life AG, die Rhystadt AG und der Kanton BS, prüfen momentan gemeinsam, ob dieses Verfahren im Rahmen des Gesamtkonzepts klybeckplus eine Möglichkeit darstellt.» Als Replik unseres Podcasts mit Christian Mutschler und Anita Fetz meldeten sich die Initianten von «Basel baut Zukunft» bei uns zu Wort, die auf dem Areal explizit mehr gemeinnützigen Wohnungsbau fordern: «Wir können nachvollziehen, dass dieser Vorschlag die beiden neuen Grossgrundbesitzerinnen im Klybeck beunruhigt. Denn je nach Ausgang der Diskussion sind ihre spekulativen Einsätze in Gefahr. Aber Stadtentwicklung geht uns alle an und kann nicht den Anlageentscheidungen von wenigen Versicherungen, Banken und Beteiligungsgesellschaften überlassen werden.» Eines ist klar: Das Klybeck wird auch 2022 Anlass zu Diskussionen geben. Wir erwarten angeregte Debatten.
Ausserdem: Was tut sich auf dem Südareal der Roche?
Der künftige Blick an der Grenzacherstrasse: Der rekonstruierte Bau 27 von Salvisberg (links) wird an die Strasse geschoben © F. Hoffmann-La Roche Ltd
Die Geschichte nahm im 2021 verschiedene Wendungen. Ende März titelten wir: «Adieu, Rohn und Salvisberg! Der Denkmalrat krebst zurück», nachdem der Rat zuerst die Unterschutzstellung zweier abbruchgefährdeter Bauten von Otto Rudolf Salvisberg und Roland Rohn beantragt hatte, entschied er auf erneuten Antrag der Denkmalpflege “auf die Unterschutzstellung der Bauten 27 und 52 zu verzichten und diese aus dem Inventar zu entlassen.” Bedeutende Baukultur wurden damit zum Abbruch freigegeben, was auf Widerstand stiess. In einem Brief an den Regierungsrat fordert der Basler Heimatschutz den Erhalt der schutzwürdigen Bauten. Darin war gar von «Rechtsverweigerung» die Rede. Im Juli kam dann die nächste Meldung: Der Regierungsrat sei nicht auf den Verwaltungsrekurs des Heimatschutzes eingetreten. Das sorgte für weiteres Kopfschütteln: «Der Heimatschutz ist befremdet über diesen Entscheid, weil das massgeschneiderte Verfahren für die Unterschutzstellung von Roche-Bauten einer Rechtsverweigerung gegenüber den in Denkmalschutzfragen rekursberechtigten Organisationen gleichkommt», hiess es in einer Medienmitteilung. Im November dann die überraschende Kehrtwende: Die Roche entschied, dass zumindest Bau 27 von Otto Rudolf Salvisberg erhalten bzw. rekonstruiert werden soll. Nach Rückbau der erweiterten Gebäudeteile und des angebauten Trakts gegen Süden zum Rhein hin (Roland Rohn 1951-1954), wird der ursprüngliche Kern von Bau 27 an die Grenzacherstrasse verschoben und dort originalgetreu rekonstruiert. Man darf gespannt sein, welche weiteren Kapitel im 2022 auf dem Südareal geschrieben werden.
ZUM SCHLUSS merci, grazie, thank you, danggscheen
Unterwegs im Vorarlberg... © Céline Dietzker / Architektur Basel
Zum Schluss möchten wir uns ganz herzlich bedanken: Egal, ob Ihr unsere Artikel lest, unseren Podcast hört, an der ArchitekturBar im Didi Offensiv vorbeischaut oder uns auf Facebook oder Instagram folgt. Das grosse Interesse an Architektur Basel freut und motiviert uns. Wir alle – Marco Blecher, Johanna Bindas, Céline Dietziker, Daniel Gass, Lukas Gruntz, Simon Heiniger, Armin Schärer, Miriam Stierle – sagen Danke und freuen uns auf alles, was da noch kommt. Ein bisschen Ehre wurde uns 2021 mit der Verleihung des Anerkennungspreises durch den Basler Heimatschutz zuteil. Wir werden uns auch im nächsten Jahr Mühe geben «substantielle Beiträge zur Architekturkritik» zu verfassen. Oder wie Anna Jessen nach der Verleihung zu uns sagte: «Eure Arbeit ist für die Architekturstadt Basel relevant.» Liebe Anna, wir werden unser bestes geben, dass dem weiterhin so ist. Ehrenwort.
Text: Lukas Gruntz / Architektur Basel